Markus Krall Freiheit oder Untergang
Waffenstillstand von Compiègne, Hitler, Göring
Im Wald vom Compiégne am 22. Juni 1940: Hitler und andere Führungsspitzen des Dritten Reiches, darunter Hermann Göring und Rudolf Heß Foto: Wikimedia/Bundesarchiv mit CC-Lizenz https://goo.gl/H4AWzg

Waffenstillstand von Compiègne
 

Ein Eisenbahnwagen macht Geschichte

Mitten im fast schon gewonnenen Krieg gegen Frankreich, am 18. Januar 1871, fand im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles bei Paris die Kaiserproklamation als Gründungsakt des neuen deutschen Kaiserreiches statt. Am selben Ort, und wieder im Spiegelsaal des Schlosses, ließen die siegreichen Franzosen nach Ende des Ersten Weltkrieges, am 28. Juni 1919, die Delegation der besiegten Deutschen den Friedensvertrag von Versailles unterzeichnen, der kein ausgehandelter Vertrag, sondern ein Friedensdiktat war.

So wurde eine Stätte deutschen Triumphes nach einem halben Jahrhundert zu einer Stätte deutscher Demütigung. Daran wird Adolf Hitler gedacht haben, als er sich vor 75 Jahren, nach dem nächsten deutsch-französischen Krieg, den diesmal die Deutschen gewonnen hatten, eine ähnliche Genugtuung verschaffte.

Es ist der 22. Juni 1940 und die Stunde von Hitlers größtem Triumph: Die Kapitulation des besiegten Frankreich vor dem deutschen Reich. In einem Feldzug von nur sechs Wochen hat die deutsche Wehrmacht Frankreich niedergeworfen. Im Walde von Compiègne, etwa 80 Kilometer nördlich von Paris, unterzeichnet eine französische Delegation im Auftrag von Ministerpräsident Philippe Pétain den Waffenstillstand.

Hitler will seinen Triumph auskosten

Und dieser Akt der Waffenstreckung erfolgt an einem Ort, der aller Welt dokumentieren soll, daß nun die Schmach der deutschen Niederlage von 1918 ausgelöscht ist: In einem Eisenbahnwaggon, in dem am Ende des Ersten Weltkrieges dem deutschen Reich von Frankreich und seinen Alliierten die Waffenstillstandsbedingungen diktiert worden waren.

Hitler ist selbst gekommen, um seinen Triumph auszukosten. Aber der „Führer und Reichskanzler“ wohnt nur der Verlesung der Präambel zu den deutschen Waffenstillstandsbedingungen bei, dann verläßt er zusammen mit seinem engeren Gefolge, darunter auch Luftwaffenchef Göring, den Waggon. Generaloberst Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, bleibt zurück und gibt den Franzosen, deren Delegation von General Charles Huntziger geführt wird, die einzelnen Klauseln des Vertragsentwurfes bekannt.

Huntziger telefoniert mit seiner inzwischen von Paris nach Bordeaux ausgewichenen Regierung. Die Bedingungen seien hart, „aber sie enthalten nichts, was unsere Ehre antastet oder uns gar beleidigt“. Die Franzosen können in Verhandlungen einige Verbesserungen erreichen. Am 22. Juni um 18.50 Uhr wird der Waffenstillstandsvertrag mit seinen 24 Artikeln von Keitel und Huntzinger unterzeichnet.

Der Sonderzug schrieb zum zweiten Mal Geschichte

Natürlich ging es den Franzosen schon „gegen die Ehre“, daß Hitler sie ausgerechnet in den Eisenbahnwaggon von Compiègne bestellt hatte, an dem sich 22 Jahre zuvor das Schauspiel mit umgekehrten Vorzeichen abgespielt hatte. Am 8. November 1918, um 9 Uhr morgens, betrat eine deutsche Delegation unter Führung von Staatssekretär Matthias Erzberger den Bürowagen des französischen Marschalls Ferdinand Foch, des Oberkommandierenden der Alliierten Streitkräfte in Frankreich.

Es war einer von drei Waggons im Sonderzug des Marschalls, Erkennungsnummer 2419 D, gebaut für die „Compagnie Internationale des Wagons-Lits et des Grands Express Européens“ und nun militärisch zweckentfremdet. Der Sonderzug mit diesem Wagen, in dem nun zum ersten Male Geschichte geschrieben wurde, erwartete die Deutschen, die ebenfalls in einem Zug hierher gefahren waren, auf einem Parallelgleis im Walde von Compiègne. Die beiden Züge trafen sich auf Gleisen im Walde, auf denen sonst Eisenbahngeschütze standen, die von hier aus die deutschen Stellungen beschossen.

Marschall Foch, flankiert vom französischen Stabschef General Weygand, dem ersten Lord der britischen Admiralität, Sir Rosslyn Wemyss, und dem englischen Konteradmiral Sir George Hope, diktiert der deutschen Delegation, der neben Erzberger der Diplomat Alfred Graf von Oberndorff sowie die Militärs General Detlof von Winterfeld und Kapitän zur See Ernst Vanselow angehören, die Bedingungen.

„Ein Volk von 70 Millionen leidet, aber es stirbt nicht“

Zu verhandeln gibt es nicht viel, die Bedingungen sind zu akzeptieren. Das besiegte Kaiserreich, in dem obendrein einen Tag später, am 9. November 1918, die Revolution ausbricht, hat keine Wahl. Am 11. November, um 5.20 Uhr, wird unterzeichnet. Erzberger spricht den stolzen Satz: „Ein Volk von 70 Millionen leidet, aber es stirbt nicht“. Marschall Foch: „Très bien“.

Der Eisenbahnwagen, in dem das schicksalsschwere Dokument unterzeichnet wurde, blieb zunächst zur Verfügung des Marschalls. Nach Kriegsende erfüllte er dann brav wieder seinen Liniendienst wie auch die anderen 22 identischen Modelle des Baujahres 1914. Im September 1919 bot die Eisenbahngesellschaft den Waffenstillstandswagen dem französischen Staat als Geschenk an, und so rollte das Gefährt nun für Frankreich, bei Staatsbesuchen und Reisen des Präsidenten der Republik.

Mit dem wachsenden Abstand vom Kriegsgeschehen wuchs aber auch die Bedeutung des historischen Souvenirs. Der Waggon wurde renoviert und im April 1921 in einem Hof des Armeemuseums im Pariser Hotel des Invalides ausgestellt: Symbol des Sieges über Deutschland. 1927 schließlich kehrte die nationale Reliquie an den Ort zurück, an dem der einstige Salonwagen des Marschalls Foch seine historische Bedeutung erlangt hatte – in den Wald von Compiègne. Finanziert von einem reichen, frankophilen Amerikaner, entstand hier ein Museumsgebäude, in das man den Wagen nun schob – jahrelang allseits bestauntes Erinnerungsstück an große Tage der Nation.

Waggon wurde nach Deutschland geholt

Es kam der Zweite Weltkrieg, es kam die französische Niederlage von 1940. Frankreich mußte das siegreiche Deutschland um Waffenstillstand bitten. Am 20. Juni 1940 herrschte im sonst so stillen Wald von Compiègne plötzlich hektische Betriebsamkeit. Pioniere der Wehrmacht durchbrachen die Stirnwand des Museumsgebäudes und schoben den altehrwürdigen Salonwagen über die noch vorhandenen Gleise genau an die Stelle, wo er am 11. November 1918 gestanden hatte, als hier die besiegten Deutschen ihre Niederlage besiegeln mußten. Die Revanche für diese nationale Demütigung fand nach Hitlers Willen in eben diesem Eisenbahnwagen statt.

Bald danach rollte der Waggon, auf einen Tieflader gesetzt und von einer schweren Zugmaschine gezogen, aus dem Wald von Compiègne in Richtung Deutschland – nach Berlin. Dort wurde er für eine Weile vor dem Alten Museum am Berliner Lustgarten öffentlich ausgestellt, dann schob man ihn auf eines der Nebengleise des Anhalter Bahnhofs, wo er mit der Zeit ein wenig in Vergessenheit geriet. Nach dem Krieg wurde lange behauptet, der Waggon sei dort bei einem der vielen britischen Luftangriffe ausgebrannt.

Zerstörung auf Befehl Hitlers

Doch heute steht fest: Der Wagen wurde noch 1944 von Berlin nach Thüringen gebracht, wohl weil man in hier sicher vor Luftangriffen glaubte. Endstation soll das Jonastal bei Crawinkel im Thüringer Wald gewesen sein. Dort wurde der Wagen, wie ältere Bewohner von Crawinkel nach der Wende aussagten, im Frühjahr 1945 kurz vor Eintreffen amerikanischer Truppen in diesem Gebiet von einem SS-Sonderkommando gesprengt. Offenbar auf Befehl Hitlers, der den geschichtsträchtigen Eisenbahnwagen von Compiègne nicht vergessen hatte. Heute erinnern ein Prellbock und ein Stück Schiene nahe Crawinkel als Gedenkstätte an den letzten Standort dieser Trophäe beiderseitigen Triumphes.

Gleichwohl steht der Waffenstillstandswagen von 1918 und 1940 wieder an seinem Platz im Museumsgebäude auf der großen Lichtung im Walde von Compiègne, wie es wohl die meisten der vielen Touristen glauben, die alljährlich diese historische Stätte besuchen. Aber es ist nur ein Zwillingsbruder des Originals, aus einer baugleichen Produktionsserie stammend und getreues Ebenbild des Waggons mit der Nummer 2419 D.

Im Wald vom Compiégne am 22. Juni 1940: Hitler und andere Führungsspitzen des Dritten Reiches, darunter Hermann Göring und Rudolf Heß Foto: Wikimedia/Bundesarchiv mit CC-Lizenz https://goo.gl/H4AWzg
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