Sündenbock für Partei und Apparat

Im September jährt sich der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zum siebzigsten Mal. Die Reihen der Zeitzeugen, die dies erlebt haben oder gar aus erster Hand über die Führungszirkel der kriegführenden Mächte berichten können, haben sich gelichtet. Rudolf von Ribbentrop, ältester Sohn des 1939 amtierenden deutschen Außenministers und selbst Offizier der Waffen-SS, ist ein solcher Zeuge. Er hat lange gezögert, sich zu äußern. Nun legt er eine Biographie seines Vaters vor, die zugleich einen Blick in das Innenleben des Dritten Reichs erlaubt. Von den Verhandlungen vor dem Regierungsantritt Hitlers, die teilweise in der Berliner Villa Ribbentrops stattfanden, bis zum Untergang im Frühjahr 1945 war das Leben der Familie Ribbentrop mit dem Schicksal des Nationalsozialismus verbunden. Der Autor hatte Gelegenheit, als Heranwachsender und schließlich als Soldat vieles aus der Nähe zu beobachten. Es gibt Personen der Weltgeschichte, bei denen politische Gegnerschaft in ungewöhnlich persönlicher Form zum Ausdruck kommt. Zu ihnen gehört Joachim von Ribbentrop, der seit 1938 als Minister die deutsche Außenpolitik verantwortete. Der Grund dafür mag unter anderem in einer merkwürdigen Konstellation gelegen haben, auf die der Autor hinweist. Ribbentrop, dem als vermögendem Mann und politischem Seiteneinsteiger sowohl der nationalsozialistische Stallgeruch als auch die Gunst der etablierten Seilschaften im Auswärtigen Amt fehlten, geriet zwischen diese beiden Fronten. In sie reihten sich jene Gerüchteproduzenten auch außerhalb Deutschlands ein, die permanent Mutmaßungen über die außenpolitischen Absichten der NS-Regierung und des Ministers in die internationale Presse streuten. Zwar waren die laut Presse angeblich bevorstehenden deutschen Überfälle auf Holland, die Blitzbombardements auf London oder die Annexion von Kanada und Patagonien aus reiner Phantasie geborene Presseenten, aber sie taten ihre Wirkung. Vor dem Hintergrund solch phantastischer Meldungen schien es vielen Gegnern passend zu sein, Ribbentrop zusätzlich ganz allgemein als geldgierig, unwissend, taktlos, arrogant, charakterlos und anderes mehr darzustellen. Obwohl gerade er Hitler nachweislich auf die britische Kriegsentschlossenheit hinwies, wurde ihm von seinen Widersachern im Auswärtigen Amt und einem Großteil der sogenannten Forschungsliteratur die Behauptung zugeschrieben, die Westmächte seien schwach und feige und würden es nie wegen Polen zur Auseinandersetzung kommen lassen. Der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Ernst von Weizsäcker, und die Brüder Kordt fanden es angemessen, die politische Entscheidungszentrale in London mit solchen Desinformationen zu traktieren und zu einer kompromißlosen britischen Haltung zu raten. Der daraus entstandene politische Schaden wird nie zu messen sein, er war aber zweifellos groß. Dies stellt der Autor zutreffend fest. Im Zentrum seiner Darstellung stehen neben den biographischen Elementen die außenpolitischen Zwänge, unter denen sich Deutschland zu Beginn der 1930er Jahre befand. Es drohte der Einmarsch fremder Truppen von Osten wie von Westen. Die Wiederherstellung von Bündnisfähigkeit durch tatsächlichen Vollzug der Ende 1932 von den Westmächten bereits im Prinzip zugestandenen Aufrüstung bildete die erste Etappe zur Abhilfe, der als zweiter Schritt die Herstellung tatsächlicher Bündnisse folgen mußte. In dieser Lage hätte sich jede deutsche Regierung gesehen, Deutschland mußte optieren, wie Rudolf von Ribbentrop feststellt. Mit der Ausnahme Italien scheiterte das NS-Regime jedoch an der zweiten Etappe, insbesondere an dem Versuch, ein Bündnis mit Großbritannien zu schließen. Die dortigen innenpolitischen Widerstände konnten nicht überwunden werden. Der durch Joachim von Ribbentrop ersatzweise favorisierte Kontinentalblock unter Einschluß der Sowjetunion ließ sich ebenfalls nur im Ansatz realisieren. Ribbentrop sprach sich gegen den Angriff auf die UdSSR aus und wollte ihr beispielsweise die von Moskau seit November 1940 geforderten Einmarschrechte in Bulgarien und der Türkei zugestehen. Ob es damit sein Bewenden gehabt hätte oder ob Stalin seine an der Grenze aufmarschierte militärische Dampfwalze zu weiteren Erpressungen bis hin zum schließlichen Angriff genutzt hätte, diese Frage diskutiert der Sohn des damaligen Außenministers, ohne ein finales Urteil zu fällen. Hitler war in jedem Fall entschlossen, die sowjetische Drohung als Chance zu begreifen, und setzte sich über Ribbentrops gegenteiliges Votum hinweg. Mit dem Unternehmen Barbarossa kam die deutsche Außenpolitik praktisch an ihr Ende. Rudolf von Ribbentrop zog als Frontoffizier in diese Auseinandersetzung und widmet seinen Erlebnissen eine packende Schilderung. Das „Unternehmen Zitadelle“ und die Schlacht von Prochorowka brachten ihm nach der persönlich geführten Vernichtung eines mit zwanzigfacher Zahlenüberlegenheit geführten russischen Panzerangriffs das Ritterkreuz ein. Der Autor ist bescheiden genug, letzteres zu verschweigen. Die Memoirenliteratur über den Zweiten Weltkrieg hat er in jedem Fall bereichert. Rudolf von Ribbentrop: Mein Vater Joachim von Ribbentrop, Erlebnisse und Erinnerungen, Ares Verlag, Graz 2008, gebunden, 496 Seiten, Abbildungen, 29,90 Euro Foto: Ribbentrop mit Chamberlain, München 1938: Zweifrontenkrieg

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