Gegen alle weltlichen Heilsversprechen

Ende Mai 1934 – also exakt vor 75 Jahren – fand in Barmen die erste Bekenntnissynode der Evangelischen Kirche statt, auf der sich bekenntnis-treue Christen aus allen deutschen Landeskirchen gegen die Machtansprüche der Nationalsozialisten im kirchlichen Leben zur Wehr setzten. Ein Ergebnis dieser Synode war die vielzitierte Barmer Theologische Erklärung, die zum Verständnis der kirchlichen und politischen Entwicklung belangvoll ist.

Jede der sechs Thesen steht in bester Tradition christlicher Bekenntnisaussagen: ein zentrales Wort des Neuen Testaments, Benennung der gegenwärtigen Herausforderung und – ganz wichtig – der Verwerfung. Die für diesen Beitrag wichtigste „Verwerfung“ lautet: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben oder dem Wechsel ihrer jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen überlassen“ (These 3). Vom Nationalsozialismus, vom Führerkult, von der Gleichschaltung des öffentlichen Lebens, von der Verfolgung Andersdenkender, vom Rassismus und sonstigen Praktiken des NS-Staates ist expressis verbis keine Rede. Aber jeder wußte, was mit diesen Verwerfungen konkret gemeint war: die Pfarrer, die Gemeindeglieder, aber auch die Nationalsozialisten. Die Eindeutigkeit der knappen und präzisen Aussagen ließ keinen nennenswerten Raum für lange Diskussionen und irreführende Interpretationen.

Damit vermittelten sie in einer Zeit allgemeiner Umwälzungen klare Orientierungen. Konkrete Konsequenzen für die Gestaltung des kirchlichen Lebens konnten sich wegen des andauernden Kirchenkampfes und wegen des Krieges allerdings nur unzureichend entfalten, teilweise auch wegen konfessioneller Differenzen.

Diese Differenzen wurden offenkundig, als sich nach dem Krieg die Frage nach der Bedeutung der Barmer Erklärung für die Neuordnung der evangelischen Kirche stellte. Immerhin hatte die Barmer Synode lediglich von einer „Theologischen Erklärung zur gegenwärtigen Lage der Deutschen Evangelischen Kirche“ gesprochen.

„Verwerfungen“ auch auf den Kommunismus bezogen

Nun mehrten sich die Stimmen, auch von vielen Synodalen der Barmer Synode, daß sie keineswegs als eine aktuell-zeitgemäße Erklärung verstanden werden sollte, sondern als ein „bleibend gültiges Bekenntnis“ (Hans Steubing). In diesem Sinne heißt es in Artikel 1 der Grundordnung der Evangelischen Kirche in Deutschland von 1947, also an hervorragender Stelle: „Mit ihren Gliedkirchen bejaht die Evangelische Kirche in Deutschland die von der ersten Bekenntnissynode getroffenen Entscheidungen.“ Damit wurden Maßstäbe gesetzt, an die sich die evangelische Kirche in der Auseinandersetzung mit dem politischen Totalitarismus halten sollte – und an denen sie heute selbstverständlich gemessen wird.

Eine von zahlreichen anderen Erklärungen für diesen Wandel der Beurteilung ist aus der Deutschlandpolitik der Sowjetunion abzuleiten, die auf die Errichtung eines neuen totalitären Systems in Deutschland abzielte und mit der Gründung der DDR 1949 schließlich auch erreicht wurde. Die überwältigende Mehrheit des Kirchenvolks und der Pfarrerschaft vermochte keinen qualitativen Unterschied zwischen nationalsozialistischer und kommunistischer Diktatur zu erkennen und bezog alle „Verwerfungen“ folgerichtig auch auf den Kommunismus.

Diese Einstellung wurde von einer kleinen, aber sehr einflußreichen Minderheit von Theologen in Schlüsselpositionen der evangelischen Kirche als ein Indiz mangelnder Bußbereitschaft im Sinne des eine Mitschuld am Nationalsozialismus formulierenden Stuttgarter Schuldbekenntnisses vom Oktober 1945 und sogar als ein „Indiz auf den Hitler in uns“ (Karl Barth) denunziert. Jeder Versuch einer Gleichsetzung von Hitler und Stalin wurde bereits damals scharf verurteilt.

Daraus resultiert ein von Anfang an außerordentlich gebrochenes Verhältnis des deutschen Linksprotestantismus zur Gründung und zur Entwicklung der „in Rom gezeugten und in Washington geborenen“ Bundesrepublik (so der Kirchenpräsident und Leninpreisträger Martin Niemöller). So erklärt es sich, daß die 68er Kulturrevolution von Anfang an nachhaltige Unterstützung in der evangelischen Kirche bei ihrem Kampf um eine „sozialistische Kirche in einem sozialistischen Staat“ fand. Das Ziel ist noch nicht erreicht: „Der Traum aber bleibt.“ Die Bereitschaft zu einem radikalen Wandel ist (noch) nicht zu erkennen.

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