Hoffnung und Verzweiflung

Nur wenige Aufnahmen aus der deutschen Nachkriegszeit sind in der Erinnerung der Nachwelt so präsent wie die Darstellung eines sich gerade im Landeanflug nach Berlin-Tempelhof befindlichen amerikanischen „Rosinenbombers“. Mit diesen Flugzeugen der C-54 Skymaster-Serie wurde die von den Sowjets abgeriegelte Stadt 1948/49 mit Lebensmitteln und Hilfsgütern versorgt. Der Fotoklassiker stammt von dem gebürtigen Berliner und späteren US-Staatsbürger Henry Ries, der in dieser Zeit im Auftrag der New York Times tätig war. Das Bild wurde zum Leitmotiv der aktuellen Ausstellung des Deutschen Historischen Museums gekürt, die Ries‘ fotografisches Schaffen zwischen 1946 und 1951 beleuchtet. Dies wurde möglich, nachdem ein großer Teil seines Nachlasses nach seinem Tode im Mai 2004 wieder zurück in seine Geburtsstadt kam. Von den darin enthaltenen rund 2.500 Aufnahmen können nun 300 Bilder im Erdgeschoß des Pei-Baus besichtigt werden. Henry Ries wurde 1917 als Heinz Ries in Charlottenburg (heute Berlin) als zweites von drei Kindern einer großbürgerlichen, assimilierten jüdischen Familie geboren. Nach seinem Schulabschluß 1935 wollte er Musik studieren, doch dies war nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nicht mehr möglich. So begann er auf Empfehlung seiner Großmutter eine Lehre als Radiotechniker. Nach der Lehre fand Ries für kurze Zeit eine Einstellung im jüdisch geführten Musik- und Radiohaus Neumann. Doch er kündigte dort bereits im April 1937, um – wie er sagt – zu „knipsen“. Unter Anleitung eines Privatlehrers nahm er seine ersten Fotos vom Brandenburger Tor, der Reichsbahn und der Galopprennbahn in Hoppegarten auf. Schließlich verließ Ries wegen des wachsenden Antisemitismus im Oktober 1937 Berlin. Ausgestattet mit einer Besuchervisum, Dunkelkammergeräten, zwei Leicas und zehn Dollar wollte er sich nach New York durchschlagen. Dies gelang zwar, doch wegen der fehlenden Bürgschaftserklärung mußte Ries nach einigen Wochen die USA wieder verlassen und nach Kuba reisen. Erst im 1. Juli 1938 waren schließlich alle Einreiseformalitäten erfüllt, und Ries konnte nach New York zurückkehren. Mit dem Kriegseintritt der USA im Dezember 1941 wird Ries – wie alle anderen Deutschen – zum feindlichen Ausländer erklärt. Erst im Mai 1943, nach fünf Jahren dauerhaftem Aufenthalt im Land, kann er Staatsbürger der Vereinigten Staaten werden. Ries meldet sich sofort freiwillig zur Armee und dient bis zum Kriegsende bei einer Einheit der Luftsaufklärung in Asien. Auf eigenen Wunsch kam er 1945 als Soldat nach Europa zurück. Hier arbeitete er erst für den US-Geheimdienst und übersetzte mit einer Spezialgruppe Dokumente Heinrich Himmlers für die US-Militärregierung. In diesem Zeitraum war er als Fotojournalist für den OMGUS Observer, das wöchentliche Magazin des Overseas Military Government US, und schließlich ab 1947 für die New York Times in Eu-ropa tätig. Im Zuge dieser Tätigkeit entstanden mehrere hundert Aufnahmen, von denen ein Teil in der Ausstellung gezeigt wird. Mit diesen Aufnahmen prägte Ries wesentlich das Bild der Vereinigten Staaten von Berlin, Deutschland und Europa zwischen 1946 und 1951. Fast alle Fotos belegen, daß Ries das Leben nach den katastrophalen Ereignissen des Zweiten Weltkrieges möglichst genau dokumentieren wollte. Er interessierte sich dafür, wie Menschen in Anbetracht der deprimierenden Trümmerwüsten ihren Alltag meisterten. So entstanden Aufnahmen, in denen sich Hoffnung und Verzweiflung zugleich spiegeln: etwa in dem Bild, welches eine ältere Frau am Anhalter Bahnhof zeigt, die in der zerstörten Hauptstadt Feldblumen aus ihrer brandenburgischen Heimat verkauft und die Hoffnung hegt, von entlassenen Kriegsgefangenen eine Auskunft über ihren jüngsten Sohn zu erhalten; oder in mehreren Porträts von zurückgekehrten Gefangenen aus Rußland, die nicht wissen, was sie nun in Deutschland erwartet; ebenso in Aufnahmen von älteren Frauen mit schwerem Gepäck, die gerade „Hamsterfahrten“ ins Umland unternommen haben, um sich und ihre Familie notdürftig zu versorgen; sowie von jungen Frauen, die sich in den westlichen Besatzungszonen von Berlin ein besseres Leben als in der SBZ erhoffen. Alle diese Darstellungen wirken sehr glaubwürdig und authentisch.  Dabei war diese Sensibilität gegenüber dem gerade erst besiegten Kriegsgegner keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Im Gegensatz zu vielen ausländischen Kollegen findet sich in den Bildern von Ries kein Ton der Anklage. Dies zeigen in besonders deutlicher Form die Fotos, welche die Hoffnung auf Wiederaufbau und Neubeginn symbolisieren. Da ist das Karussell vor dem stark beschädigten Schloß im Lustgarten, auf dem Kinder für wenige Stunden Not und Elend vergessen können. Da sind die von Kindern mit großer Freude empfangenen Lastwagen mit Lebensmitteln. Und da ist die einfache, aber doch deutlich sichtbare Freude in den Gesichtern von Louise Schröder und Ernst Reuter während der Bekanntgabe der Wahlergebnisse vom Dezember 1948. In dieser demokratischen Abstimmung demonstrierten die Berliner der Westbezirke ihr Bekenntnis zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit und erteilten kommunistischen Alleinvertretungsansprüchen ein klare Absage.  Äußerst sehenswert sind auch die Aufnahmen, die Ries im gleichen Zeitraum in anderen Teilen Europas machte. In Italien dokumentierte er die Machtkämpfe zwischen der pro-westlichen Democrazia Cristiana und der Kommunistischen Partei, die in den Nachkriegsjahren eine etwa gleichgroße Anhängerschaft besaßen. In Spanien fotografierte Ries Militärparaden und die Selbstinszenierung von General Franco. Und aus Wien lieferte er ergreifende Bildberichte vom größten Durchgangslager für jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa, die den Holocaust überlebt hatten und nun hofften, in Palästina eine neue Heimat zu finden. An der durchweg empfehlenswerten Ausstellung irritiert lediglich der Titel „Die Blockade Berlins 1948/49“, der nur auf einen Teil der Fotos tatsächlich zutrifft. Die Ausstellung „Blickpunkt Berlin: Die Blockade 1948/49 – Der Fotojournalist Henry Ries“ ist bis zum 21. September im Pei-Bau des Deutschen Historischen Museum Berlin, Unter den Linden, zu sehen. Internet: www.dhm.de. Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter Katalog mit 216 Seiten erschienen. Er kostet 24 Euro. Fotos: Karussell im Lustgarten vor dem zerbombten Berliner Schloß (1946): Kein Ton der Anklage; Henry Ries, Landeanflug eines „Rosinenbombers“, Berliner bedanken sich bei US-Soldaten

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