Ein Spalt durch die deutsche Kulturnation

Über 30.000 Teilnehmer aus dem Deutschen Reich hatten sich zum Allgemeinen Deutschen Katholikentag angemeldet, der vom 7. bis zum 12. September 1933 in Wien stattfand. Aber das politische Zerwürfnis zwischen dem nationalsozialistischen Deutschen Reich und dem austrofaschistischen Ständestaat unter Engelbert Dollfuß machte jede gesamtdeutsch orientierte Konzeption dieses Katholikentreffens zunichte. Als ein wirtschaftliches Druckmittel hatte die Reichsregierung eine Tausend-Mark-Sperre für die Einreise von Reichsdeutschen nach Österreich verfügt, das heißt jedes Visum kostete in heutiger Dimension etwa 10.000 Euro. So kam es zu einer peinlichen Szene bei der feierlichen Eröffnung des Katholikentages. Vor der Wiener Karlskirche rief Kardinal Theodor Innitzer die Vertreter der „einzelnen deutschen Stämme und Siedlungsgebiete“ auf. Sie sollten nach vorne kommen und das Kreuz Christi grüßen. Auf Innitzers Aufforderung hin kamen Männer, Frauen und Jugendliche aus dem Buchenland, dem Banat, dem Elsaß, der Schweiz und aus den österreichischen Bundesländern. Als der Kardinal aber die „Brüder aus dem Mutterland“ aufrief, schritten keine katholischen Repräsentanten aus dem Reich zum Kreuz. „Es hat einem die Kehle zugeschnürt“, so eine der österreichischen Teilnehmerinnen. Und der Kardinal äußerte sich gegenüber einem seiner sudetendeutschen Landsleute: „Mein Lieber, das ist mir der größte Schmerz, daß die Reichsdeutschen nicht da sind.“ Dies aus dem Munde eines Mannes, der wenige Monate zuvor dem Papst, als dieser ihn zum Kardinal kreierte, gesagt hatte: „Ich bin ein treuer Sohn meiner Kirche, wie ich ein treuer Sohn meines deutschen Volkes bin.“ So rückte nun bei diesem Treffen, das ursprünglich die katholische Vielfalt in der deutschen Sprach- und Kulturnation zeigen sollte, eine andere Konzeption in den Vordergrund. Bundeskanzler Dollfuß warb für den „christlich-deutschen Staat“ Österreich, den Versuch, Staat und Gesellschaft nach den berufsständischen Ideen der päpstlichen Sozialenzyklika „Quadragesimo anno“ neu zu formieren. Gegenüber dem als neuheidnisch und antichristlich empfundenen Nationalsozialismus und seiner revolutionären Umgestaltung des Deutschen Reiches wollten Dollfuß und seine Anhänger das „bessere“ Deutschtum repräsentieren. In der Akademiker-Feier des Katholikentages beteuerte Dollfuß: „Die Treue zu unserem Volkstum ist durch einzelne vorübergehende Zeiterscheinungen nicht getrübt worden. In zuversichtlicher Treue stehen wir nach wie vor zu unserem gesamtdeutschen Volke.“ Justizminister Kurt von Schuschnigg warb in einer Massenversammlung mit großer Begeisterung für die abendländische Sendung des deutschen Volkes. Die Teilnehmer des Katholikentages (300.000 bei der Schlußveranstaltung) kamen an jenen Septembertagen zusammen, an denen 250 Jahre zuvor die Befreiung Wiens von der türkischen Belagerung gelungen war: durch eine gemeinsame deutsch-abendländische Kraftanstrengung. Beim Katholikentag fehlte es nicht an Andeutungen, daß das Abendland nun von einer ähnlichen Gefahr bedroht sei: vom Bolschewismus und vom Nationalsozialismus. Der junge Anton Böhm (nach 1963 zehn Jahre lang Chefredakteur des Rheinischen Merkur) äußerte auf einer der großen Kundgebungen eine Wunschvorstellung: „Möge der Wiener Katholikentag dieses Jahres am Anfang einer geschichtlichen Epoche stehen, in der das Abendland unter dem Banner der Königsherrschaft Christi, unter dem Banner des Reiches sich wieder zusammenfinde!“ Aber bedingt durch die gewaltigen Erschütterungen des 20. Jahrhunderts gab es für ein solches Denken, das sich aus den Kraftquellen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation speiste, keine Realisierungschance mehr.

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