Dänemark hielt den Eisernen Vorhang zu

Am 9. September 1988 fuhren 18 Ausreiseantragsteller — sieben Männer, sechs Frauen und fünf Kinder — aus der südthüringischen Stadt Ilmenau nach Ost-Berlin, um die dänische Botschaft zu besetzen. Die Familien hatten nach zahlreichen Ablehnungen bis zu fünf Jahren Wartezeit auf die Genehmigung ihrer Anträge hinter sich. Einige standen seit längerer Zeit unter strengen Berufsverboten und hatten PM-12-Personaldokumente, wie sie sonst nur Kriminelle und Politische bei sich trugen. Der Termin der Festsetzung wurde bewußt gewählt: Drei Tage später stand ein offizieller Staatsbesuch des konservativen dänischen Ministerpräsidenten Poul Schlüter an. Aufwartungen dieser Art bedeuteten stets gleichzeitig auch Aufwertungen für das menschenverachtende SED-Regime. Die Besetzer kalkulierten, daß sich der Staatsmann wie allgemein üblich zunächst in der Botschaft nach der politischen Situation — und eben möglichen Vorkommnissen — erkundigen würde. Die Kenntnis über die Belagerung seiner diplomatischen Vertretung hätte dem Treffen mit Erich Honecker eine andere Nuance, mindestens jedoch einen zusätzlichen Gesprächspunkt geben können. Also durfte davon ausgegangen werden, daß die Situation ähnlich wie 1984/85, als Antragsteller in die amerikanische Botschaft und Ständige Vertretung der Bundesrepublik flüchteten, auf diplomatischer Ebene bereinigt werden würde. Jene Fälle waren den Ausreisewilligen nicht verborgen geblieben. Am Freitagmittag, kurz vor Ende der öffentlichen Sprechzeit, betraten sie — sich als Touristen ausweisend — in kleinen Gruppen das Botschaftsgebäude. Entgegen späteren Pressemeldungen und der „offiziellen Version“, die das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) mit höchsten dänischen Diplomaten ebenso wie mit den Mitarbeitern der Konsularabteilung des DDR-Außenministeriums abglich, forderten sie nicht die direkte Ausreise in den Westen, sondern baten lediglich um Vermittlung bzw. Kontakt zu einer für ihre Ausreiseangelegenheit kompetenten Person oder Behörde. Der dänische Botschafter, der Namen und Adressen der Besetzer registrieren ließ, zeigte sich hierzu nicht bereit, sondern forderte mehrfach dezidiert auf, die Mission „umgehend zu verlassen“. Die Thüringer nahmen Telefonkontakt zur Ständigen Vertretung der Bundesrepublik auf, bevor das Telefon im 25 Quadratmeter großen Warteraum des Botschaftsinnern, in dem sie sich aufhielten, gegen 14 Uhr gekappt wurde. Dort fertigten sie mit grell-violetter Schrift auf Leinen ein Transparent mit der Losung: „In Freiheit wollen wir uns wähnen, und zwar genau so wie die Dänen!“ Innerhalb der Gruppe bestand zunächst keine Einigkeit, dieses am Außenfenster zu befestigen. Von der Botschaft aus sah man zahlreiche Stasi-Mitarbeiter patrouillieren, die bereits am frühen Nachmittag die Straße Unter den Linden abgesperrt hatten. Entgegen den Gepflogenheiten bemühte sich die Botschaft zunächst um Kontakte mit der Konsularabteilung des DDR-Außenministeriums. Diese teilte dem Botschafter mit, daß bei sofortigem Verlassen des Gebäudes „Straffreiheit“ gewährt und Verhandlungen mit den Behörden im Wohnort in Aussicht gestellt würden. Aufgrund jahrelanger Erfahrungen, die die Besetzer im Umgang mit diesen Behörden gesammelt hatten, wurde dieses Angebot abgelehnt. Gegen 14 Uhr erschien ein höherer Beamter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik, um deren Personalien aufzunehmen und gleichzeitig zu raten, das Botschaftsgebäude „umgehend“ wieder zu verlassen. Um 15 Uhr bot Botschaftsrat Henning Becker Hansen an, daß die Ausreiseanträge „in den nächsten Tagen“ bearbeitet würden, falls das Botschaftsgebäude freiwillig geräumt werde. Er habe „mit dem DDR-Außenministerium verhandelt“. Eine Stunde später hieß es: „Bearbeitung der Ausreiseanträge mit sehr guten Aussichten“. Es folgten weitere, allerdings nur mündlich vorgetragene Angebote; das letzte gegen 17 Uhr: Hiernach sollte es bereits am „Montag, dem 12. September 1988, frühmorgens“ zu einem Gespräch mit „höherrangigen Beamten“ der Bezirksverwaltung Suhl kommen, welche angeblich für Übersiedlungen zuständig zeichneten. Gegen 18.30 Uhr übergaben die Botschaftsflüchtlinge eine von den 13 Erwachsenen unterzeichnete Bittschrift an die dänische Königin Margarete II., die der Botschaftsrat Becker Hansen mit der Bemerkung entgegennahm, daß diese nur weitergereicht werde, wenn die Botschaft „umgehend“ verlassen werde. Nachdem sich keiner der Besetzer auf die Vorschläge eingelassen hatte — die Tatsache, daß sich keine in Sachen Ausreise tatsächlich kompetente Verhandlungsperson zeigte, erweckte nicht gerade das Vertrauen der Botschaftsflüchtlinge —, wurde auf Anraten der Ständigen Vertretung das bekannte Ost-Berliner Rechtsanwaltbüro Vogel eingeschaltet. Wolfgang Vogels Kompagnon, Rechtsanwalt Klaus Hartmann, empfing zwei Mitglieder der Gruppe im Büro Berlin-Lichtenberg, Reilerstraße 4. Becker Hansen hatte die beiden persönlich in rasanter Fahrt mit seinem Diplomatenwagen dorthin chauffiert. Das Gespräch verlief ergebnislos, da der Anwalt — außer einem Ultimatum, wonach das Botschaftsgelände bis 23 Uhr zu räumen war — den bisherigen Angeboten nichts hinzuzufügen hatte. In den folgenden Stunden kam es zu hektischen Absprachen zwischen Botschaft, Anwaltsbüro und DDR-Konsularabteilung, wobei letztere neben der Mitteilung, daß „ein besseres Angebot nicht zu machen“ sei, den Botschafter aufforderte, doch „seine Autorität als Hausherr zu gebrauchen“. Nachts zwischen 2.30 Uhr und 2.45 Uhr erfolgte schließlich der „Zugriff“ durch das Wachkommando Missionsschutz. An der Aktion waren gut einhundert zivil gekleidete MfS-Kämpfer beteiligt, von denen etwa zwanzig das Botschaftsinnere betraten. Unter Androhung von Gewalt verließen die Besetzer schließlich den Botschaftsraum. Laut Stasi-Akte war man sich an jenem 9. September bereits um 14 Uhr einig: „Der Geschäftsträger bemerkte, daß er damit einverstanden wäre, wenn die DDR-Organe die Erpresser auch mit Polizeigewalt aus der Botschaft entfernen würden“ (BStU-Zentralabteilung, ZKG 101, Blatt 122). Die Botschaftsflüchtlinge wurden durch ein dichtes Spalier von MfS-Mitarbeitern, die im gesamten Treppenhaus verteilt waren, auf den Hinterhof des Botschaftsgebäudes geleitet, sofort festgenommen und mit einem als Reisebus getarnten Fahrzeug in die berüchtigten Stasi-Gefängnisse Berlin-Magdalenenstraße und Hohenschönhausen transportiert. Die Kinder wurden in ein Heim verbracht, das damals in keinem Telefonbuch verzeichnet war. Selbst für die Familienangehörigen waren sie spurlos verschwunden. Der schnelle Gerichtsprozeß verkam zu einer Farce: Nach nicht öffentlicher Verhandlung von nur drei Stunden setzte es insgesamt 15 Jahre Gefängnis, wobei die sieben Männer zu je zwei bis drei Jahren Gefängnis verurteilt wurden. Die Frauen erhielten Bewährungsstrafen. Ständige Berichterstattungen westlicher Medien sorgten dafür, daß alle Strafen in Bewährungsstrafen umgewandelt wurden. Der Stasi-gelenkte Richter, Jürgen Wetzenstein-Ollenschläger, ist bis heute flüchtig. Angeblich hält er sich in Kuba versteckt. Die Berliner Staatsanwaltschaft erweckt nicht den Anschein, ernsthaft nach ihm zu fahnden. Die Besetzung der dänischen Botschaft in Ost-Berlin war zwar gescheitert, aber nicht vergeblich. Sie löste einen Domino-Effekt aus; wobei der westlichen Presse eine nicht unerhebliche Rolle zukam. Immer mehr Ausreisewillige flüchteten nunmehr in diplomatische Missionen, insbesondere in die deutschen Botschaften von Prag, Budapest und Warschau. Vom September bis Anfang Oktober 1989 befanden sich 8.270 Ausreisewillige allein in der deutschen Botschaft Prag. Letztlich haben Republikflucht und Ausreise aus der DDR den Zusammenbruch des DDR-Sozialismus genauso mit herbeigeführt wie die Massendemonstrationen in Leipzig, Ost-Berlin und anderswo. Daß die Staatssicherheit samt ihrer willfährigen SED-Justiz im Wendeherbst 1989 mit den Tausenden von Ausreisewilligen in den bundesdeutschen Botschaften nicht so verfahren konnte wie ein Jahr zuvor, lag auf der Hand. Einen Anteil daran haben auch die 18 Dissidenten aus Ilmenau.   Dr. Wolfgang Mayer gehörte zu den Besetzern, die am 10. September 1988 die dänische Botschaft stürmten. Nach 1990 arbeitete er Tausende Stasi-Dokumente durch und stieß auf erstaunliche Absprachen zwischen Kopenhagen und Ost-Berlin. Ausführlich schildert er diese Begebenheiten in seinem 2002 im Berliner Anita Tykve Verlag erschienenen Buch „Flucht und Ausreise“. Fotos: Protestplakat aus dem Stasi-Archiv: Dissidenten wurden verhaftet und verurteilt, ihre Kinder in anonyme DDR-Heime verbracht; Tagesschau vom 12. Oktober 1988: Nicht unerhebliche Rolle; „Neues Deutschland“, 15. September 1988: Gute Absprachen

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