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„Sie lassen sie jetzt durch. Keine besonderen Vorkommnisse!“

Als das damalige Politbüro-Mitglied Günter Schabowski, mit seinen sechzig Jahren von Honecker und Co. noch als „der Junge“ bezeichnet, sich am Abend des 9. November 1989 bis zum Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße in Berlin-Mitte vorgearbeitet hat und aus der Limousine steigt, eilt ihm ein in Zivil gekleideter Stasi-Offizier entgegen und erstattet soldatisch korrekt Meldung: „Sie lassen sie jetzt durch. Keine besonderen Vorkommnisse.“ Das darauf ausbrechende Lachen im Saal der Konrad-Adenauer-Stiftung beendet eine besondere Geschichtsstunde. Diese ist — sinngemäß formuliert — dem Vorabend des Mauerfalls gewidmet: dem vorrevolutionären Jahr 1988, ohne das die Dynamik des Folgejahres undenkbar wäre. Begonnen hatte dieses mit einem Staatsbesuch Erich Honeckers im Januar 1988 in Frankreich. Nach dem Treffen mit Kohl 1987 in Bonn markierte dieser Termin für Honecker den Höhepunkt seiner politischen Laufbahn. Nun fehlten nur noch Großbritannien und die USA. Das für internationale Beziehungen zuständige Politbüromitglied Hermann Axen reiste vom 1. bis 6. Mai 1988 nach Washington, wo es zu einem Treffen mit US-Außenminister George P. Shultz kam. Doch ein geplantes Vertragspaket mit den USA scheiterte.  Gleichwohl versuchte die DDR, ihre außenpolitische Aufwertung zu verstetigen. Dabei kam ihr die westdeutsche Sozialdemokratie entgegen. Nach dem SPD/SED-Papier des Jahres 1987 nobilitierte die SPD abermals die Sozialistische Einheitspartei Ost-Berlins, indem sie dieser alternative deutschlandpolitische Vorstellungen zubilligte, so der Historiker Hanns Jürgen Küsters. Sichbarsten Ausdruck fand dieses Entgegenkommen im DDR-Besuch des saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine, als er auf Schloß Hubertusburg die Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft durch die Bundesrepublik Deutschland forderte. Zu diesem Zeitpunkt aber hatte die Frage nach dem „Staatsbürgerschaftsrecht“ bereits eine zentrifugale Kraft entwickelt, deren die DDR nicht mehr Herr wurde — waren doch die Ausreisewilligen der letztliche „Sargnagel der DDR“, wie Küsters betont. Den Auftakt zu diesem letzten Kapitel der DDR bildete die alljährlich von der DDR-Staatsführung zelebrierte Luxemburg-Liebknecht-Demonstration am 17. Januar 1988. An dieser hatte heimlich auch die „Arbeitsgruppe Staatsbürgerschaftsrecht“ teilnehmen wollen, die erste Selbsthilfeorganisation von Ausreiseantragstellern. Um ihre Situation öffentlich zu machen, hatten sie die Nähe zu dem dissidenten Künstlerpaar Freya Klier und Stephan Krawczyk gesucht, die jedoch in der DDR bleiben wollten. Die Theaterregisseurin und der Liedermacher hatten beide 1985 Berufsverbot erhalten — Krawczyk ausgerechnet wegen eines Rosa-Luxemburg-Zitats. Ein solches sollte schließlich Geschichte machen. So diktierte Krawczyk den Ausreisewilligen die Luxemburg-Losungen für ihre Transparente, die sie bei der Luxemburg-Liebknecht-Demonstration öffentlichkeitswirksam entfalten wollten, darunter das Motto: „Freiheit ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden.“ Dieses verkürzte Zitat — der angefügte Halbsatz „sich zu äußern“ wird gern unterschlagen — hatte Luxemburg im Sommer 1918 in kritischer Auseinandersetzung mit den Bolschewiki in ihrer Schrift „Die russische Revolution“ geschrieben und keinesfalls auf den Klassenfeind gemünzt. Am Morgen des 17. Januar 1988 verhaftete die Staatsicherheit die ungeliebten Demonstrationsteilnehmer sowie namhafte Oppositionelle, unter ihnen Krawczyk, Tage später auch Klier. Die Fernsehbilder von der gestörten Kundgebung gingen um die Welt. Zweitausend Menschen kamen zu einer Solidaritätsdemonstration, der größten „Zusammenrottung“ seit der Ausbürgerung Wolf Biermanns. Der Bundestag widmete dem Geschehen eine aktuelle Stunde, und die deutsche Öffentlichkeit erfuhr erstmals von der tatsächlichen Existenz einer DDR-Opposition.

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