„Keiner zu klein, Kämpfer zu sein!“

Die bekannte Schauspielerin Carmen Maja Antoni (Jahrgang 1945) äußerte sich in einem 2003 erschienenen Rückblick auf ihre Zeit bei den Jungen Pionieren recht positiv über diese DDR Kinderorganisation, die am 13. Dezember 1948 ins Leben gerufen wurde. Die Gründung ging auf einen Beschluß des SED-Parteivorstands zurück, der vom Zentralrat der FDJ aufgegriffen wurde. Diese Massenorganisation wirkte sich im positiven wie im negativen Sinne auf das Leben von Millionen Kindern in der DDR aus. Antoni: „Ich kann mich nicht erinnern, daß wir genötigt wurden, bei den Pionieren einzutreten. Sicher ist dazu aufgerufen worden, aber verbunden mit dem Angebot, Bastelnachmittage zu machen, im Herbst Drachen zu bauen, Sehenswürdigkeiten zu besuchen und was weiß ich nicht alles. Es war eigentlich etwas sehr Kreatives. (…) Einmal in der Woche fand ein Pioniernachmittag statt, und ich habe dort wirklich schöne Stunden verlebt. Der politische oder ideologische Hintergrund dieser Kinderorganisation spielte in meiner Grundschulzeit eine völlig untergeordnete Rolle.“ Zur Vorsitzenden des aufzubauenden Kinderverbandes wurde im Dezember 1948 die damals 21jährige FDJ-Funktionärin Margot Feist, die spätere Ehefrau Erich Honeckers, bestimmt. Als der FDJ-Zentralrat den Gründungsbeschluß faßte, war es für die Abstimmenden selbstverständlich, daß die neue Organisation sich nahezu ausschließlich am Vorbild der sowjetischen Pionierorganisation orientierte. Schon in der Weimarer Republik hatte die KPD Kindergruppen nach sowjetischem Vorbild aufgebaut (Jung-Spartacus-Bund, Rote Jungpioniere). Mit einem bunten Schulungs- und Unterhaltungsprogramm sollten die Kinder in die materialistiche Weltanschauung der Kommunisten eingeführt werden: „Der Spieltrieb der Kinder ist so einzusetzen, daß er der revolutionären Kindererziehung dient. Wir haben deshalb Laienspiele zu schaffen, die zum Beispiel in der Nachgestaltung des Spartacus-Aufstands die Kinder mit der Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung vertraut machen.“ So sollte in der Weimarer Zeit den Kindern „proletarisches Bewußtsein“ vermittelt werden. Die FDJ hatte nach ihrer Gründung mit Kindergruppen und „Kinderland“-Ferienlagern experimentiert, aber nicht den erwünschten Erfolg gehabt. Nun sollte im Dezember 1948 die Arbeit mit Kindern auf eine neue Plattform gestellt werden, um diese „zu bewußten Kämpfern des Fortschritts zu erziehen“. Die erwünschte Massenbasis konnte man aber nur gewinnen, wenn die Pionierorganisation sich nicht plakativ als parteieigener Kinderverband definierte, sondern mit attraktiven Freizeitangeboten warb, während die politische Intention scheinbar in den Hintergrund gerückt wurde. So richtete man nach sowjetischem Vorbild vielfältige Sportgruppen sowie zahlreiche Arbeitsgemeinschaften ein (unter anderem Theater- und Volkstanzgruppen, die Jungen Historiker, die Jungen Naturforscher, die Jungen Modellbauer). Eine tragende Säule der Pionierarbeit sollte die Organisierung von Ferienlagern sein, in denen Feriengestaltung, Erholung und politische Erziehung („antifaschistisch“ fundiert) kombiniert wurden. Letzteres geschah zum Beispiel über eigens geschriebene Kasperle-Stücke, die von Puppenspieler-Kollektiven aufgeführt wurden. Dabei war der Kasper ein Junger Pionier, der Teufel erschien bis 1950 in Gestalt eines NS-Funktionärs oder eines Soldaten der Wehrmacht. Später trug der Teufel die Züge eines westlichen Politikers wie etwa Adenauers. Die Pionierorganisation hatte ihre Basis in den Schulklassen. Die Klassen 1 bis 3 gehörten zu den Jungpionieren, die Klassen 4 bis 7 zu den Thälmann-Pionieren, Klasse 8 brachte den Übergang zur FDJ. Als Leiter von Pioniergruppen und Arbeitsgemeinschaften wurden häufig Lehrer gewonnen. Große Schulen erhielten einen FDJ-Funktionär als hauptamtlichen Pionierleiter. Die Schulen sollten die Tätigkeit der Pionierorganisation in jeder nur erdenklichen Weise fördern. Das Militärische in den Formen der Jungen Pioniere war keine Nachahmung der Hitlerjugend, sondern entsprach dem, was in der Sowjetunion üblich war — Pionierkleidung, Grußformen, Fahnenappell usw. Die Grußformel der Pionierorganisation war aus dem Russischen übersetzt: „Für Frieden und Sozialismus — seid bereit!“ Antwort: „Immer bereit!“ Dabei wurde die flache rechte Hand über den Kopf erhoben. Deutung: „Die fünf Finger der rechten Hand (…) symbolisieren die fünf Erdteile, wenn der Kampf um den Frieden und somit um eine glückliche Zukunft der Kinder erfolgreich geführt werden soll. Das Erheben der Hand über den Kopf besagt, daß alle Jungen Pioniere diese Interessen, die Interessen des Friedens, über ihre eigene Person hinausheben.“ SED und FDJ ließen bereits 1949 erkennen, daß der Pionierverband auch pädagogische Absichten verfolgte. Nicht unsympathisch wirken die Gesetze oder Gebote der Pioniere, die im Laufe der Verbandsgeschichte mehrmals den politischen Gegebenheiten angepaßt wurden. Für die Jungpioniere galt beispielsweise: „Wir Jungpioniere lieben unsere Eltern. Wir Jungpioniere lieben den Frieden.“ Oder: „Wir Jungpioniere lernen fleißig, sind ordentlich und diszipliniert.“ Für die Thälmann-Pioniere gab es ähnliche Formulierungen, aber das Politische trat stärker hervor: „Wir Thälmann-Pioniere lieben und schützen den Frieden und hassen die Kriegstreiber.“ Oder: „Wir Thälmann-Pioniere sind Freunde der Sowjetunion und aller sozialistischen Brudervölker und halten Freundschaft mit allen Kindern der Welt.“ Wer sich bei manchen der erwähnten Einzelheiten an die Pfadfinder erinnert fühlt, muß wissen, daß Sowjetrußland in den zwanziger Jahren beim Aufbau des kommunistischen Kinder- und Jugendverbandes („Kommunistitscheski Sojus Molodjoschi“, kurz Komsomol) einiges aus der Pfadfinderbewegung übernommen und umfunktioniert hat. Die Massenorganisation der Jungen Pioniere ging 1989/90 mit der DDR unter. „Keiner zu klein, Kämpfer zu sein!“ So hatte es 1948 im Gründungsbeschluß geheißen. Nun galt das nicht mehr: Im August 1990 wurde die Pionierorganisation sang- und klanglos aufgelöst. Foto: Mitgliedskarte (Klappkarte) für Jungpioniere der DDR, 1988: Der Teufel erschien bis 1950 in Gestalt eines Wehrmachtssoldaten

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