Wenn das Unrecht verblaßt

Seit dem Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen in Mitteleuropa sind inzwischen fast zwei Jahrzehnte vergangen. Eine ganze Generation kennt heute diese Regime nur noch vom Hörensagen. Wie kann es trotzdem gelingen, die Erfahrungen aus dieser Zeit wachzuhalten und sachlich-mahnend an die kommenden Generationen weiterzugeben? Diese komplexe Fragestellung stand im Mittelpunkt des Internationalen Arbeitstreffens „Wenn das Unrecht verblaßt – Die kommunistische Diktatur in den Museen Europas“, zu dem die Leitung der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen am 17. und 18. November zahlreiche Vertreter von staatlichen und privaten Einrichtungen aus Mittel- und Osteuropa eingeladen hatte. Abwertung gegenüber den Opfern von NS-Verbrechen Daß den Museen als Orten der Aufklärung über den Kommunismus eine wichtige Rolle zukommt, betonte in seinem Einführungsreferat der ehemalige sowjetische Dissident Wladimir Bukowski. Kaum ein von dieser Diktatur betroffenes Land habe einen größeren Anteil von Tätern vor Gericht gestellt, was eine umfassende Verurteilung des kommunistischen Regimes und seiner Träger praktisch verhinderte. Diese große Aufgabe sei nunmehr den Museen gestellt: Sie müssen den Kommunismus öffentlichkeitswirksam in all seinen unmenschlichen Facetten darstellen, damit jeder nachträglichen Glorifizierung Einhalt geboten werden könne. Allerdings stecke man dabei erst in den Anfängen, so Bukowski. Dies bestätigte auch der ehemalige litauische Präsident Vytautas Landsbergis. In vielen Ländern – so in seiner Heimat, aber auch in Deutschland – genössen die Opfer des Kommunismus immer noch größeren gesellschaftlichen Respekt, wobei eine wesentliche Ursache in der Abwertung der Verbrechen dieses Systems gegenüber denjenigen des Nationalsozialismus liege. Bukowski wie Landsbergis appellierten in diesem Zusammenhang, den internationalen Gedenktag für die Opfer des Kommunismus am 7. November jeden Jahres bekannter zu machen. Anhand von Beispielen zahlreicher europäischer Museen wurde deutlich, daß starke Unterschiede in der Gründungsgeschichte, im inhaltlichen Aufbau sowie in ihrer Finanzierung unterschiedliche Präsentationen der Thematik nach sich ziehen. Dies trifft auch auf die drei Okkupationsmuseen in den baltischen Staaten zu. So wurden die Einrichtungen in Litauen und Lettland bereits im unmittelbaren Nachklang der Loslösung der Republiken von der Sowjetunion konzipiert und 1994 eröffnet, während das estnische Okkupationsmuseum in Tallinn erst seit 2003 besteht. Das litauische und das lettische Museum stehen in der Trägerschaft des Staaten, das estnische Museum ist ein rein privates Unternehmen, bei dem lediglich die laufenden Betriebskosten aus öffentlichen Zuschüssen gedeckt werden. Es zeigte sich schnell, daß beide Varianten sowohl Vor- als auch Nachteile aufweisen. So betonte etwa der Geschäftsführer des estnischen Okkupationsmuseums, Heiki Ahonen, daß die private Konzeption von aktuellen politischen Entwicklungen unabhängig mache. Auf der anderen Seite stellte die Direktorin des lettischen Museums, Gundega Michel, heraus, daß es den staatlichen Einrichtungen leichter falle, in Ausbildungsprogramme aufgenommen zu werden. So ist beispielsweise für die lettischen Polizeianwärter, aber auch für lettische Schulklassen die Ausbildung im staatlichen Okkupationsmuseum als Verpflichtung in den Lehrplänen vorgeschrieben. Das Museum hat auch generell einen großen Einfluß auf die Entwicklung des Unterrichtsmaterials zum Thema Kommunismus an den Schulen. Keines der Museen kann sich übrigens über mangelndes Publikumsinteresse beklagen. Die Besucherzahlen der meisten Einrichtungen sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen: Verzeichnete das lettische Okkupationsmuseum im ersten Jahr seines Bestehens etwa 4.000 Besucher, so wurden 1999 erstmals über 20.000 Besucher im Jahr gezählt, 2005 waren es über 60.000. Ein besonders großes Interesse an der Aufklärung über die kommunistische Gewaltherrschaft besteht gerade in den Staaten, in denen dies zwischen 1989/90 und der Jahrtausendwende noch kaum der Fall war. So registriert etwa die Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus und des Widerstands im nordrumänischen Sighet, die sich im Gebäude eines ehemaligen Gefängnisses befindet und dort etwa 8.000 in der Haft Verstorbene in Bildform festhält, 150.000 Besucher pro Jahr. „Stalinismus“ durch „Kommunismus“ ersetzen Eine besonders wichtige Aufgabe sehen viele Teilnehmer der Tagung in der Lehrerbildung. Denn nur wenn dieser Berufsgruppe ein umfassendes Grundwissen über den Kommunismus vermittelt werde, könnte sie es selbst an die nachwachsende Generationen weitergeben. Ebenso einig waren sich die meisten Diskutanten auch darin, der Verharmlosung des Kommunismus bereits in der Begrifflichkeit zu wehren. So sollte die Bezeichnung „Stalinismus“ grundsätzlich durch den Terminus „Kommunismus“ ersetzt werden. Einzig der polnische Vertreter Karol Sauerland schlug den Rückgriff auf die klassische Bezeichnung „Bolschewismus“ vor, stieß damit jedoch bei den Anwesenden nur auf wenig Verständnis.

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