Joachim Kuhs

 

Vulgarität und Kleinbürgertum

Vor fünfzehn Jahren stimmte der vielerorts als Nachwuchshoffnung bezeichnete CDU-Abgeordnete Friedbert Pflüger gegen die Verlegung des Regierungssitzes von Bonn nach Berlin. Seit einigen Tagen darf er sich als der neue Oppositionsführer im Abgeordnetenhaus rühmen, der Landespolitiker mit dem bislang schlechtesten Wahlergebnis in der von ihm nicht gewollten Hauptstadt der „Berliner Republik“ zu sein. Trotzdem hat am 17. September 2006 kein ewiggestriger Repräsentant der „alten BRD“ in einem gänzlich gewandelten politisch-kulturellen Kosmos bloß eine späte Quittung erhalten. Denn zwischen der Bonner und der Berliner Republik, so bilanzieren ein Dutzend Staatsintellektuelle zum ungeraden Jubiläum der Hauptstadt-Entscheidung, seien die Unterschiede gering (Merkur, Heft 9-10/06: „Ein neues Deutschland? Zur Physiognomie der Berliner Republik“). Es habe kein markanter Politikwechsel stattgefunden, eine „geistige Wende“ erst recht nicht. Denn der Wandel von der gewissenszentrierten Bonner Schuld- zur öffentlichen Berliner Schamkultur kann dafür wohl kaum stehen. Immer noch vermißt darum Karl Heinz Bohrer, der einst am Kai von Southampton bei der Ausfahrt der britischen Flotte gen Falkland feuchte Augen bekam, den Mut zu „großer Politik“. Kein Wunder, bei dem Mangel an „Staatsästhetik“, der sein Auge überall, beim Anblick des „mißlungenen“ Kanzleramts ebenso wie bei den piefigen Abgeordnetenbaracken, beleidigt. „Vulgarität und Kleinbürgertum“, wohin man in Berlins Mitte schaue. Einzig die Überbleibsel des preußischen Klassizismus („Das hat Größe“), die Architektur Preußens und die des Reiches, können ihn trösten. Und die wehmütige Erinnerung an die „große bürgerliche Vorkriegstradition“ (tatsächlich bis 1939?), von der der 1932 geborene Autor freilich nur vom Hörensagen weiß. Was der leidende Bohrer sich unter „Größe“ vorstellt, behält er zudem lieber für sich. Vage könnte das mit „Entscheidungsgewalt“ zu tun haben, die im Konsenstheater der Bonner Provinz aber schon nicht auf dem Spielplan stand und die Bohrer in den exakt in dieser Tradition stehenden großkoalitionären Fingerhakeleien um die Gesundheitsreform nicht einmal in Spurenelementen entdeckt. Nun mag es naiv erscheinen, von einer politischen Klasse, der nach 1991 nur eine Ortsveränderung, aber keine Evaluation ihres ideologisch Eingemachten abverlangt wurde, mehr als Provinzielles zu erwarten. Allenfalls die „Macht des Faktischen“ zwang zu minimalen Neuorientierungen. Die glaubt der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler im vorsichtigen außenpolitischen Neujustieren zu erkennen. Zwar habe man sich immer noch nicht von der hergebrachten Scheckbuchdiplomatie freigemacht. Merkels letzte Intervention, um eine Einigung in der europäischen Haushaltspolitik herbeizuführen, zeuge davon. Das war noch einmal die original Bonner Methode, sich in die internationale Politik „einzukaufen“. Die gegen eine Phalanx üblicher Bedenkenträger sich langsam, aber unaufhaltsam vollziehende „Militarisierung der Außenpolitik“, in die sich die jüngste Libanon-Entscheidung einfügt, beweise indes, wie man sich einem Denken zu entwöhnen beginne, das „Macht“ ausschließlich ökonomisch zu definieren gelernt hatte. Eine europäische „selbstbewußte Mittelmacht“, die ihre weltpolitische Rolle adäquat ausfüllen wolle, müsse diese militärische Option wahrnehmen, müsse auch „ideologisch-kulturelle Macht“ stärker ausspielen, was bei den vom „Bologna“-Strudel erfaßten, für Ausländer an Attraktivität verlierenden deutschen Universitäten freilich schwerfallen werde. Für absehbare Zeit sieht Münkler die Aufgaben seiner deutschen „Mittelmacht“ eher als Fortsetzung der seit 1949 erprobten Bündnistreue über den Atlantik hinweg. Solange die Vereinigten Staaten, Indien hin oder China her, der einzige globale Ordnungsgarant blieben, der in „notorischer Selbstbegünstigung“ die „kapitalistische Weltordnung“ durchsetze, ist es um die von Münkler konstatierte neue außenpolitische „Souveränität“ Deutschlands eher schlecht bestellt. Die eigentliche Probe darauf werde erst abgelegt, wenn die Widerstände gegen die US-Ordnung, die Münkler an den „Peripherien“ bedrohlich anwachsen sieht, systemgefährdend würden. Für diese Lage müßten „die Deutschen an erster Stelle“ Lösungen suchen. Wie die aussehen, verrät Münkler nicht. Daß auf diesen vielleicht nicht zu fernen Tag die eigentliche Geburtsstunde der Berliner Republik fiele, scheint indes gewiß.

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