Kains Spur in Kolumbien

Adam und Eva hatten zwei Söhne: Kain und Abel, Kain erschlug Abel. So fängt die Weltgeschichte an und die Weltgeschichte ist noch nicht zu Ende.“ Carl Schmitts in vielen Gesprächen wiederholte „Ein-Minuten-Vorlesung“ könnte als Einleitung zu einer Geschichte Kolumbiens dienen, die seit der Unabhängigkeit 1819 eine Geschichte von Bürgerkriegen ist, eine Geschichte der Spur des Kain. Im 19. Jahrhundert finden neun größere, die gesamte Nation erschütternde Auseinandersetzungen statt: der durch militärische Gewalt vollendete Zerfall Groß-Kolumbiens 1829/1831, die „Guerra de los Supremos“ 1839/1842, der Krieg von 1851, der Krieg gegen die Diktatur des Generals Melo 1854, der Krieg gegen das konservative Regime 1860/1861, der Krieg zwischen Konservativen und Liberalen 1876, der Krieg von 1885, der Krieg von 1895 und schließlich der „Krieg der 1.000 Tage“ 1899/1902, den die Vereinigten Staaten zur Abtrennung Panamas von Kolumbien nutzten. Diese größeren (Bürger-) Kriege, sei es zwischen Zentralisten und Föderalisten, zwischen Konservativen und Liberalen, zwischen kreolischen Latifundisten und exportorientierten Bourgeois oder zwischen Laizisten und Anhängern der Kirche, führten zu einer stets bedrohlicheren Fragmentierung des großen Landes, und da es noch keinem wissenschaftlichen Scharfsinn vergönnt war, eine zufriedenstellende Definition des äußersten Konkretum „Krieg“ zu leisten, folgen wir der modernen kolumbianischen Historiographie und bezeichnen mit ihr die etwa siebzig lokalen und regionalen militärischen Konflikte, die aus dieser Fragmentierung resultierten, ebenfalls als Bürgerkriege, als „guerras civiles parciales“. Normengeltung braucht einen „normalen“ Zustand Aufschlußreich ist, daß diese Bürgerkriege, nicht selten mit dem Willen zur Vernichtung des Feindes begonnen, häufig in Friedenschlüsse mündeten, die den Feind, falls er längere Zeit ein größeres Territorium kontrollierte, Steuern erhob und Ordnungsfunktionen ausübte, als gerechten Feind anerkannten, so daß es zu Amnestien oder wenigstens großzügigen Begnadigungen kam. Man verfuhr innerhalb des Staates Kolumbien ähnlich, wie nach der Schilderung Schmitts in seinem Werk „Der Nomos der Erde“ (1950) die Staaten des Jus Publicum Europaeum einst in ihren zwischenstaatlichen Kriegen verfuhren. Nach Schmitts Überzeugungen konnten sie dies aber nur als Staaten – zwar verfocht er zeitlebens die These, daß der Bürgerkrieg mit einer Amnestie beendet werden müsse, doch die Idee, daß es einen justus hostis im Bürgerkrieg geben könne, war ihm fremd. Hier setzt eine immer respektvoll bleibende Kritik kolumbianischer Autoren an Schmitt ein. Man fragt sich freilich, ob solche Lösungen gegenüber den heutigen kolumbianischen Bürgerkriegen möglich sind – gegenüber der „Violencia“ 1948/1958, die 300.000 Menschleben kostete, oder gegenüber dem 1964 einsetzenden und immer noch schwelenden Bürgerkrieg, in dem die Partisanenarmeen wie die „Paramilitares“ durch Kontrolle der Kokaproduktion und des Kokainhandels und durch die „Entführungsindustrie“ über beinahe unerschöpfliche Geldquellen verfügen und die Grausamkeit und der Haß alle Vermittlungsversuche und Friedensinitiativen scheitern ließen, so daß die Kriminalisierung und Diskriminierung des Feindes unabwendbar scheinen. Hier tritt der absolute (oder totale?) Feind auf den Plan … Das steigende Interesse an Schmitt verdankt sich jedoch nicht der Erfahrung des gerne polizeilich-juridisch als „Terrorismus“ bezeichneten Bürgerkrieges, der auf diese Weise letztlich geleugnet wird. Man kann vielmehr vom „Habermas-Paradox“ lateinamerikanischer Universitäten sprechen: Je intensiver der Bürgerkrieg tobt, desto eifriger werden an den Universitäten Jürgen Habermas und verwandte Autoren wie John Rawls und Ronald Dworkin gelesen, desto mehr wuchern in diesen oft luxuriösen Räumen machtgeschützter Innerlichkeit die Träume von der Kommunikationsgemeinschaft, während man ein paar Kilometer weiter einander die Hälse durchschneidet. Der juridische Utopismus, typisch für viele lateinamerikanische Länder um 1900, hat hier seine zeitgemäße Fortführung erfahren: Was kümmern mein sich schöne Welten halluzinierendes Hirn die brutalen Fakten da draußen? Diese Maschinerie des Selbstbetruges gerät jetzt ins Stocken, weil der Versuch der Staatswerdung aussichtsreicher wurde, weil, so in Kolumbien in den letzten zehn Jahren, der Bürgerkrieg zurückgedrängt wurde und sich Räume gebildet haben, in denen die wechselseitige Relation von Schutz und Gehorsam zunehmend besser funktioniert. Wenn Normen gelten sollen, muß erst einmal ein normaler Zustand geschaffen werden – diese für Schmitts Denken so zentrale These gewinnt endlich an Plausibilität. Das öffentliche Carl Schmitt-Seminar „Politik, Recht und Großräume“ der Universität EAFIT in Medellín vom 9. bis 11. August 2006 fand vor diesem Hintergrund statt. Wer schon mehr als ein Dutzend Schmitt-Tagungen erlebt hat, war erstaunt über das große und vor allem über das konstante Interesse. Es kamen 100 bis 120 Besucher mit teilweise beachtlichen Kenntnissen, und dies bei einer eher kleinen Universität (10.000 Studenten), die sich zudem stark auf Naturwissenschaften und Technologie konzentriert. Der Spiritus rector der Tagung, der Politologe Jorge Giraldo Ramirez, dem das großartige und dringend zu übersetzende Buch „El Rastro de Cain – Guerra, Paz y Guerra civil – Die Spur Kains. Krieg, Frieden und Bürgerkrieg“ (Bogotá 2001) zu danken ist, sprach über die Deutung und Bedeutung des Krieges in Schmitts Werk und beleuchtete besonders den Unterschied zwischen dem tellurischen, sich der Verteidigung des Heimatbodens widmenden Partisanen gegenüber dem ideologischen, entorteten Kämpfer in der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart – die Parallelen zur kolumbianischen Geschichte ließen sich leicht ziehen. Hier setzte auch der Vortrag des spanischen Politologen Jerónimo Molina an, der die „tellurische Komponente“ in Schmitts Denken zu Krieg und Frieden herausarbeitete. Molina stieß freilich auf heftigen Widerspruch einiger auch hier nicht fehlender Gutmenschen, als er in seinem zweiten Referat über die „legale Revolution“ die Vorgänge 1976 in Spanien mit denen Deutschlands 1933 verglich und die Leistungen General Francos beim Aufbau eines Staates, der dieses Namens würdig war, hervorhob: Die Wahrheit beleidigt immer. Frieden schließen geht nur mit einem gerechten Feind Die Erläuterungen des Kolumbianers Antonio Barboza und des Franzosen Stephen Launay, eines Kenners Raymond Arons, über die Debatte Schmitt/Kelsen zur Verfassungsgerichtsbarkeit und über die Theorie der internationalen Beziehungen berührten nur am Rande die heutige kolumbianische Wirklichkeit, wurden aber dennoch mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgt. Hier zeigte sich sogar eine besondere Tugend der Veranstaltung: Man war nicht nur daran interessiert, was Schmitt für die heutige, konkrete Lage des eigenen Landes bedeuten könnte, sondern war zugleich ernsthaft bemüht, Schmitt in seinem historischen Kontext zu verstehen, was die zahlreichen Diskussionen am Rande des Seminars bewiesen. Erfreulicherweise war man also nicht nur auf schnellen Nutzen und sofortige Verwertung aus. Der Kolumbianer José Alberto Toro behandelte in seinem Vortrag die engen Beziehungen zwischen den Überlegungen Schmitts und denen des deutschen Emigranten Hans Morgenthau, des Mitbegründers der US-amerikanischen, realistischen Schule der internationalen Politik. Der Autor dieser Zeilen sprach über die Hauptmotive von Schmitts Antiliberalismus und später über die abschlägig zu bescheidende Frage, ob die Europäische Union, allen Interventionen (und Penetrationen!) raumfremder Mächte offen, die Qualität eines Großraums besitze. In einem dritten Vortrag erörterte er die „Selbstzerstörung des Völkerrechts“, das ab 1880/90 sich zu einer in der Folgezeit kontinuierlichen Verschärfung der Diskriminierung des Krieges entschloß, so daß der heute offenbar werdende Bruch mit den Resten dieses Völkerrechtes etwa durch die Interventionspolitik der USA nur als die logische Konsequenz dieser Entwicklung gesehen werden muß. Der Frieden wird unauffindbar, weil Feind und Feindschaft geleugnet werden, weil vergessen wurde, daß man nur mit einem gerechten Feind Frieden schließen kann. Dazu muß aber der Krieg wieder vom Makel der Illegalität befreit werden. An die Stelle des Begriffes Krieg treten Bezeichnungen wie „Sanktionen“ „friedenschaffende Maßnahmen“, „humanitäre Intervention“, oft ohne die Verpflichtungen des Kriegsrechts bzw. des Rechts des bewaffneten Konflikts. Wo es aber keinen Krieg mehr gibt, gibt es auch keinen Frieden mehr. „Der Krieg ist ein Chamäleon“ wußte schon Clausewitz, aber er konnte noch nicht wissen, daß das Chamäleon ein Tier ist, das keinerlei Wert darauf legt, mit seinem korrekten Namen gerufen zu werden und daß ihm die modernen pazifistischen Tarnbegriffe sogar lieber sind. Alle Referate und Resümees des Seminars von Medellín werden bald als Buchpublikation nachzulesen sein. Man darf optimistisch sein und auf eine nachhaltige Beschäftigung mit dem Werk Carl Schmitts in Kolumbien hoffen. Günter Maschke , Jahrgang 1943, der „einzige echte Renegat der 68er“ (Jürgen Habermas), lebt als Schriftsteller und Privatgelehrter in Frankfurt am Main. Er gilt als einer der profundesten Kenner und Interpreten des Werkes von Carl Schmitt. Foto: Millionenstadt Medellín: Was kümmern mein sich schöne Welten halluzinierendes Hirn die brutalen Fakten da draußen? Seminar-Plakat mit Komik: Zur Lobpreisung Schmitts wird ausgerechnet Jürgen Habermas zitiert

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