Albions Abschied von Rousseau

Der Liberalismus ist eine Sache für Tröpfe.“ Diese unwirsche Feststellung zählt noch zu den eher gemäßigten Invektiven, die es stets dann regnete, wenn Oswald Spengler oder Arthur Moeller van den Bruck gegen „den Engländer“ zu Felde zogen. Denn die politische, ökonomische, kulturelle Verfassung des britischen Gemeinwesens, parlamentarische Demokratie, Kapitalismus, Liberalismus, verdichtete sich im Schrifttum der Konservativen Revolution (KR) bekanntlich zum Sinnbild einer unbewohnbaren, mit deutschem „Wesen“ unvereinbaren Gegenwelt. Wie Bernhard Dietz nun in seiner Studie über die „‚Konservative Revolution‘ in Großbritannien“ (Viertelsjahrshefte für Zeitgeschichte, 4/06) ausführt, blieb dieses antiliberale Unbehagen an der demokratisch-kapitalistischen Kultur des „Westens“ nicht auf den Kampf idealistischer deutscher „Helden“ gegen materialistische britische „Händler“ beschränkt. Dietz stützt damit eine aufkommende Forschungstendenz, wonach die KR als „europäisches Phänomen der Zwischenkriegszeit“ wahrgenommen wird. Untersuchungen zu französischen und italienischen KR-Varianten liegen inzwischen vor, doch für das „Mutterland des Parlamentarismus“ fehlen empirisch fundierte Arbeiten über „protofaschistische und rechtskonservative“ Gruppierungen. Zwar hat sich gerade die britische Forschung keineswegs, wie Dietz beklagt, ausschließlich auf die marginale Rolle von Oswald Mosleys British Union of Fascists konzentriert. Vielmehr ist, von Dietz selbst eifrig verwertet und vielfach belegt, der weit über die Mosley-Sektierer hinausgehende „rechts-intellektuelle Diskurs“ in seiner „eugenischen“ und judengegnerischen wie in seiner katholisch-militanten (Belloc, Chesterton, T. S. Eliot) Spielart seit etwa 1985 Gegenstand ideenhistorischen Interesses. Dies hat das bundesdeutsche Bewunderung und britisches Selbstverständnis gleichermaßen prägende Vorurteil von der „ungebrochenen liberalen Tradition“ angelsächsischer Führungseliten nicht erschüttert. Tatsächlich, so Dietz, provozierten wirtschaftliche Verwerfungen zwischen den Weltkriegen auf der Insel keine vergleichbar extremen Antworten wie auf dem Kontinent. So konnten Mosleys Faschisten ebenso wie die fellow travellers Stalins ihre Versammlungen in der Telefonzelle abhalten. Trotzdem glaubt Dietz, wenn nicht Einbrüche, so doch ganz beachtliche Dellen in der liberalen Tradition zu entdecken. Dafür stehen bei ihm die „Netzwerkbildungen der Neokonservativen in politischen Clubs und Zirkeln“, die seit Ende der zwanziger Jahre das Establishment der Konservativen Partei beeinflußten. Spätestens 1939 war die britische KR Geschichte Eminent erfolgreiche Publizisten wie Douglas Jerrold, Charles Petrie, Gerald Wallop (Earl of Portsmouth), Francis Yeats-Brown oder der gemeinsam mit Oscar Levy um die englische Nietzsche-Rezeption verdiente Anthony Ludovici entwarfen die Ideologie des radikalen Neokonservatismus, eine Systemkritik, die der Oxforder Politologe Claud Sutton auf die griffige Formel eines Buchtitels, „Farewell to Rousseau“ (Abschied von Rousseau), brachte. Jerrold und seine Mitstreiter waren keineswegs der Ansicht, die parlamentarische Demokratie sei „urenglisch“. Aus ihrer Perspektive war die Idee der Volkssouveränität ein französisches Erzeugnis. Und spätestens die von Rousseau inspirierte Revolution von 1789, wenn nicht schon die eigene „Glorious Revolution“ von 1688, „als die Whigs die Ära des Individualismus einleiteten“, führten zu einem „schleichenden Verfallsprozeß nationaler Werte und Institutionen“, der 1929, als die Labour Party stärkste Kraft im House of Commons wurde, in die „Herrschaft der Minderwertigen“ zu münden schien. Den Neokonservativen bescherte diese innenpolitische Polarisierung die kulturelle Hegemonie im rechten Lager, zumal es ihnen gelang, im Bildungszentrum der Tory-Partei Fuß zu fassen. Im Herbst 1933 bestand sogar der Hauch einer Chance zur „Machtergreifung“, da man mit Lord George Ambrose Lloyd über einen „Führer“ verfügte, der bei einem Staatsstreich von oben den Rückhalt einer großen Zahl konservativer Unterhaus-Mitglieder gehabt hätte. Doch auf der entscheidenden Versammlung im Londoner Savoy Hotel versagte Lord Lloyd. Er forderte nur eine Verschärfung konservativer Politik – nicht wie Jerrold und andere seiner Vordenker die „Abkehr vom parlamentarischen System“ sowie dessen Ersetzung durch ein hierarchisch-korporatives Gesellschaftsmodell, das sich an der idealisierten ländlichen Ordnung des frühmittelalterlichen England ausrichtete. Die Gelegenheit zur „Etablierung einer autoritären Staatsordnung“ war damit vertan. Realpolitisch vermochten sich Albions Konservative Revolutionäre von da an nur noch auf dem Terrain der Appeasement-Politik einzuschalten. Es war der KR-Mann Arthur Bryant, der als Emissär Chamberlains im Juli 1939 nach Deutschland flog, um in letzter Minute einen „friedlichen Ausgleich mit dem Deutschen Reich“ zu arrangieren. Mit Ausbruch des Krieges war die britische KR dann Geschichte. Erst Derek Turners Right Now! hat ihr seit 1993 im Umfeld des Anti-EU-Toryismus wieder eine bescheidene Resonanz verschafft.

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