Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Weltinnenpolitik unter amerikanischen Vorzeichen

Hierzulande kennt man ihn kaum, obwohl er eine der schillerndsten Figuren der amerikanischen Diplomatie im zwanzigsten Jahrhundert war und beträchtlichen Einfluß auf die Gestaltung der Außenpolitik von Präsident Woodrow Wilson und Präsident Franklin D. Roosevelt genommen hatte – William Christian Bullitt. Am 25. Januar 1891 in Philadelphia geboren, genoß er die von Wohlstand und Weltläufigkeit geprägte Erziehung und Ausbildung der amerikanischen Oberschicht. Hatte er 1913 nach seinem Abschluß in Yale noch eine Karriere als Anwalt im Sinn, so änderte der Kriegsausbruch im Jahr darauf seine beruflichen Pläne vollkommen. Im Juli 1914 begleitete er seine Mutter auf einer Reise nach Rußland, Deutschland und Frankreich und hatte damit Gelegenheit, den Kriegsausbruch und die Stimmung der ersten Kriegstage in St. Petersburg, Berlin und schließlich in Paris unmittelbar zu erleben. In Paris wurde er Zeuge des Ausgangs der Schlacht an der Marne sowie des Eintreffens senegalesischer Fronttruppen, an denen ihm auffiel, daß sie kleine, merkwürdig aussehende Trophäen trugen. Bullitt applaudierte ihnen so lange, bis er bemerkte, was diese eigenartigen Gegenstände waren: die Ohren und die Finger gefallener deutscher Soldaten. Bullitt hatte direkten Zugang zu Präsident Wilson Die Erfahrungen jener Wochen in Europa machte er als Journalist beim angesehenen Philadelphia Public Ledger einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Dank seiner Fähigkeiten stieg er bald zum Mitherausgeber auf und wurde im November 1916 zum Leiter des Washingtoner Büros ernannt, wo er eine enge Beziehung zu Colonel Edward House, der „grauen Eminenz“ von Präsident Wilson, aufbaute. House war es wohl letztlich zu danken, daß Bullitt im Dezember 1917 ins State Department berufen wurde. Die Fähigkeiten und Kenntnisse, die er mitbrachte, ließen es geraten erscheinen, ihm die Leitung des Bureau of Central European Information anzuvertrauen. Sein Aufgabenfeld bestand darin, die innenpolitische Situation der Mittelmächte zu analysieren und dem Präsidenten im propagandistischen Kampf gegen das deutsche Reich zuzuarbeiten. In erster Linie zog Bullitt, der fließend Deutsch konnte, daher regierungskritische und sozialistische Blätter wie Vorwärts, die Mannheimer Volksstimme oder die Wiener Arbeiter Zeitung für seine Analysen und Denkschriften heran. Es gelang ihm, Wilson davon zu überzeugen, die deutschen Sozialdemokraten und Liberalen in ihrer Opposition gegen den Kaiser und die Oberste Heeresleitung zu instrumentalisieren und damit die innere Geschlossenheit der Mittelmächte aufzubrechen. Die Politik Wilsons im Sommer/Herbst 1918 zeigt, daß er einen direkten Zugang zum Präsidenten und zu Außenminister Robert Lansing gewonnen hatte und auch spürbar Einfluß auf die Gestaltung der amerikanischen Europapolitik nehmen konnte. Leitlinie seiner Arbeit war die feste Überzeugung, daß es zwischen der amerikanischen Rußlandpolitik und der amerikanischen Kriegführung gegen die Mittelmächte einen untrennbaren Zusammenhang gebe. Der Krieg gegen Deutschland könne schneller gewonnen werden, so Bullitt, wenn es gelänge, die Herzen der Deutschen zu erobern. In diesem Kampf um die geistige Vorherrschaft müsse sich Wilson zum Sprachrohr des einfachen Volkes machen und einen Keil zwischen kaiserliche Regierung und Bevölkerung treiben. Es müsse ein vorrangiges Ziel der amerikanischen Politik sein, den Mittelmächten deutlich zu machen, daß nur mit Vertretern einer demokratischen Regierung ein gerechter Frieden geschlossen werden könne. Daß dies letztlich auf eine Revolutionierung Deutschlands hinauslief, lag auf der Hand, war aber unabdingbare Voraussetzung für die Verwirklichung von Bullitts Vision einer demokratischen neuen Weltordnung. Doch wie die Ereignisse 1919 dann zeigen sollten, waren die verantwortlichen Staatsmänner der Siegermächte in Paris nicht bereit, den deutschen Sozialdemokraten entgegenzukommen und sich auf eine neue kooperative Weltordnung einzulassen – im Gegenteil, sie hielten es bekanntlich für angemessener, dem demokratischen Deutschland und dem bolschewistischen Rußland mit traditionellem machtstaatlichen Denken zu begegnen und in Ostmitteleuropa einen cordon sanitaire mittlerer Staaten mit der Doppelaufgabe zu überfordern, Rußland aus Europa heraus- und gleichzeitig Deutschland in seiner geostrategischen Bedrohungslage niederzuhalten. Am 12. September 1918 legte Bullitt dem Präsidenten für seine Rede am 27. September eine Denkschrift vor, in der er die amerikanischen Friedensvorstellungen, die in den 14 Punkten vom Januar 1918 von Präsident Wilson allgemein abgesteckt worden waren, präzisierte. Neben der Schaffung einer wirksamen Interventionsgewalt für den Völkerbund – an französische Vorstellungen angelehnt – favorisierte Bullitt einen Gedanken, der in letzter Konsequenz dann aber erst 25 Jahre später Wirklichkeit werden würde: „Der Präsident sollte erklären, daß die neue Weltordnung, die wir durch unsere Opfer zu schaffen hoffen, nur auf der Grundlage einer Union von freien Völkern vorstellbar ist. Solange aber Deutschland von einer unverantwortlichen Autokratie beherrscht wird, besteht die Gefahr, daß das deutsche Volk dazu gebracht wird, einen Krieg anzuzetteln, genauso wie es dazu gebracht worden war, den gegenwärtigen Krieg anzuzetteln. Daher ist unsere Friedensbedingung an die gegenwärtige deutsche Regierung und an jede andere unverantwortliche deutsche Regierung die bedingungslose Kapitulation.“ Auch Bullitt forderte die bedingungslose Kapitulation Damit stellt sich Bullitt und später bekanntlich auch Roosevelt ganz in die amerikanische Tradition der Bürgerkriegslogik, daß sich die unterlegene Partei im Interesse des Fortbestehens des Gesamtstaates bedingungslos dem Sieger unterwerfen muß. Die Forderung nach „unconditional surrender“ ist daher 1918 eine frühe aber konsequente Fortführung des Gedankens einer Weltinnenpolitik unter US-Vorzeichen. Der entscheidende Punkt in Bullitts Augen – und damit sollte er tatsächlich recht behalten – müsse aber sein, „den Deutschen unmißverständlich klarzumachen, daß sie militärisch besiegt worden sind“. Eine Forderung, die in fast gleichlautender Formulierung in jener amerikanischen Direktive JCS 1067 vom September 1944 für die Behandlung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg wiederauftauchen sollte und die Notwendigkeit einer bedingungslosen Kapitulation der deutschen Streitkräfte im Interesse einer nachhaltigen Demokratisierung und Umerziehung Deutschlands unterstrich. Damit wird deutlich, daß es eben nicht erst die deutsche Kriegführung im Zweiten Weltkrieg war, die die Westalliierten dazu veranlaßte, auf einer bedingungslose Niederwerfung Deutschlands zu bestehen, sondern daß dieser Gedanke schon weit früher in der amerikanischen Vorstellungswelt verankert war. Darüber hinaus erweist Bullitts Denkschrift, daß die deutschen Hoffnungen auf einen milden „Wilson-Frieden“ sich vor allem durch ein hohes Maß an Naivität auszeichneten, denn die Abtretungen weiter Teile des Deutschen Reiches waren auch im liberalen Flügel der Wilson-Administration beschlossene Sache. Betrachtet man dieses Friedensprogramm und die Aussage Wilsons in seiner Rede vom 27. September 1918, in der er eindeutig klarstellte, daß ein Friedensschluß mit der gegenwärtigen deutschen Regierung nicht möglich sei, dann könnte man die Forderung der Obersten Heeresleitung vom 29. September 1918, einen sofortigen Waffenstillstand anzustreben und damit die parlamentarischen Kräfte des Reiches zu beauftragen, als tatsächlich angemessen beurteilen. Im Laufe des Oktobers 1918 kam es dann bekanntlich zu dem Notenwechsel zwischen der deutschen Reichsregierung unter Prinz Max von Baden und dem Weißen Haus in Washington. Obwohl man in der Wilson-Administration dem neuen Reichskanzler durchaus wohlwollend gegenüberstand, mußte Präsident Wilson auch der Veränderung des innenpolitischen Klimas in den Vereinigten Staaten Rechnung tragen. Vor dem Hintergrund der sich zunehmend lautstärker und angesichts der bevorstehenden Kongreßwahlen auch pointierter artikulierenden Stimmen der amerikanischen Falken um Senator Henry Cabot Lodge und Ex-Präsident Theodore Roosevelt, die einen harten Siegfrieden forderten, nutzte Präsident Wilson die Gelegenheit, in die inneren Verhältnisse des Deutschen Reiches nachhaltig einzugreifen und immer weitergehende Forderungen an das Reich zu stellen. So scheint das amerikanische Insistieren auf eine zügige und unumkehrbare Demokratisierung wesentlich dazu beigetragen zu haben, die Monarchie schließlich auf revolutionärem Wege zu beseitigen. Allerdings begann man in Washington auch langsam die Gefahren zu ahnen, die sich aus einer Revolutionierung Mitteleuropas ergeben könnten. In dieser Zeit fiel Bullitt eine wichtige Rolle in der US-amerikanischen Deutschlandpolitik zu – allerdings forderte er letztlich vergebens seinen Präsidenten auf, den deutschen Sozialdemokraten in ihrem Kampf gegen die Bolschewisten entgegenzukommen. Gerade die deutsche Sozialdemokratie sei im Kampf gegen den Kommunismus der natürliche Verbündete und müsse unterstützt werden. In diesen entscheidenden Wochen drang Bullitt beim Präsidenten mit dieser Einsicht jedoch nicht durch, vor allem aber waren die Entente-Mächte nicht zu Zugeständnissen an die deutsche Seite bereit. Deutschland wurde 1919 vom Westen allein gelassen Zwar notierte der britische Generalsstabschef Sir Henry Wilson am 10. November in sein Tagebuch: „Unsere wirkliche große Gefahr heute sind nicht die Boches, sondern die Bolschewisten“ – eine interessante Parallele zu den Erkenntnissen der Briten nach dem Zweiten Weltkrieg -, doch namentlich die Franzosen verhinderten den von House und Bullitt erarbeiteten Plan, Herbert Hoover, der während des Krieges die amerikanische Nahrungsmittelhilfe für das besetzte Belgien koordiniert hatte, zu beauftragen, Nahrung für das hungernde Mitteleuropa zu organisieren. Die Blockade blieb in Kraft, und die parlamentarisch-demokratischen Kräfte in Deutschland sahen sich von den westlichen Demokratien allein gelassen. Bullitt konnte sich mit seinem Konzept beim Präsidenten nicht mehr durchsetzen – Wilson war nicht bereit, sich auf ein solches Wagnis einzulassen und den Kampf für einen gemäßigten Frieden mit den europäischen Verbündeten aufzunehmen. Seine Hoffnung ruhte ganz auf dem Völkerbund – trügerisch, wie sich in den Jahren bis 1939 zeigen sollte. An Bullitts Wirken läßt sich trotz allem beispielhaft die Entwicklung des amerikanischen Sendungs- und Missionierungsdranges zeigen, für den die Weltpolitik die zwangsläufige Fortsetzung des nach außen gekehrten Frontier-Gedankens aus dem neunzehnten Jahrhundert darstellt – und der bis heute nicht an sein Ende gelangt ist. Foto: David Lloyd George (Großbritannien), Vittorio Orlando (Italien), Georges Clemenceau (Frankreich) und US-Präsident Woodrow Wilson (v.l.n.r.) 1919 in Versailles: Hohes Maß an Naivität Foto: William Christian Bullitt: Sendungs- und Missionierungsdrang der USA

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