Um das Leben gebettelt

Das Kriegsende erlebte ich als Dreizehnjähriger im kleinen Ort Lychen, etwa achtzig Kilometer nördlich von Berlin inmitten der uckermärkischen Seen gelegen. Mit Näherrücken der russischen Kampfzone flüchteten wir – Mutter, Schwester und ich – wie fast alle Ortsbewohner mit einem Handwagen in einen der ausgedehnten Wälder, etwa zwei Stunden von Lychen nahe an einem See. Die Mütter vergruben ihren Schmuck und bauten mit uns Jungen Hütten aus Geäst und Tannenzweigen. Man hörte das ununterbrochene Heulen der Stalinorgeln; der Ort wurde verteidigt. Als das Schießen näherrückte, hoben wir mit unseren Müttern Gräben aus und legten uns hinein. Nach zwei oder drei Tagen hörte das Schießen auf. Auf dem nahegelegenen See erschien ein Motorboot, das per Lautsprecher in deutscher Sprache die Bevölkerung zur Rückkehr in den Ort aufforderte. Die ersten gingen – wir warteten bis zum Nachmittag -, und da sie nicht zurückkamen, zogen wir dann auch los mit unserem Handwagen. Unterwegs trafen wir auf die ersten Russen, sie verlangten von uns Armbanduhren. Beim Näherkommen sahen wir, daß der gesamte Ort brannte. Am Uferweg (der Ort ist von Seen umgeben) trieben uns Russen in ein Haus, verschlossen es und setzten es in Brand. Wir konnten durch ein Fenster ausbrechen und zogen zum Marktplatz. Dort herrschte ein unbeschreibliches Inferno: Alle Häuser brannten, es wurde ununterbrochen geschossen. Viele Tote lagen zwischen Munitionsketten herum, über die Panzer rollten, wodurch sich ununterbrochen Schußsalven lösten. Wir liefen zum See hinunter, trafen abwechselnd auf russische und deutsche Soldaten; Häuserkämpfe, in die wir hineingerieten. Unten am See liefen viele Frauen mit ihren Kindern an den Händen über die Bootsanlegestege ins Wasser, um sich mit den Kindern zu ertränken. Es war eine ansteckende Massenpanik, denn es wurden immer mehr, sie kamen von allen Seiten mit ihren Kindern gelaufen und stürzten sich ins Wasser – ein großer Teil der gesamten Bevölkerung; die Seen waren Monate danach noch verseucht, bis alle Leichen geborgen waren. Da sagte meine Mutter zu uns: „Uns wird jetzt wohl auch nichts anderes übrigbleiben“. Für mich war das ein Schock, denn bisher fühlte ich mich an der Seite meiner Mutter sicher und praktisch unverwundbar. Ich wollte am Leben bleiben und redete und bettelte so lange, bis sie mit uns schließlich versuchte, wieder in den schützenden Wald zurückzugehen. Wir stießen auf eine große Villa am See mit vielen Menschen, wo wir uns sicherer fühlten. Dort übernachteten wir mit vielen anderen in einem großen Raum. Am nächsten Morgen sah ich einen Schulfreund zusammen mit seiner Familie auf einer Bank am See sitzen, mit dem Rücken zu mir. Als ich zu ihnen ging, sah ich, daß sie alle tot waren. Sie hatten wohl Gift genommen. Nachts kamen immer wieder Russen und drohten Frauen zu erschießen, wenn sie nicht mitkämen. Irgendwann hörten wir, es wäre Kriegsende. Danach wurden Ortseinwohner, auch meine Mutter, Schwester und ich, mehrere Tage von russischen Soldaten mit Lastwagen zu Erdarbeiten gefahren, bewacht mit aufgepflanzten Bajonetten. Abends bekam dann jeder einen kleinen Kanten Brot als einziges Nahrungsmittel für den Tag. Alle noch lebenden alten Männer – vom Volkssturm übriggeblieben – wurden zusammengetrieben und auf einen sogenannten „Hungermarsch“ geschickt, von dem keiner zurückkam. Wir waren nun die ältesten „Männer“ im Ort, denn alle ab dem 14. Lebensjahr waren vor Kriegsende nach Ostpreußen eingezogen worden; auch von denen kam keiner zurück. In Lychen wird es kaum einen Überlebenden dieses Infernos geben, der diese Tage als Befreiung erlebte und nicht als die größte Niederlage unseres Volkes. Peter Elsner, München Foto: Trümmerfrauen beseitigen Schuttberge in Berlin, Sommer 1945

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