Strukturverwüstung bis in die Gegenwart

Rechtzeitig zum sechzigsten Jahrestag gedachte der Berliner Historikers Jens Schöne am 27. September in der Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus in Berlin-Mitte der sogenannten Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone mit seinem Vortrag „Rüben, Rindvieh und Genossen“. Mit großem Propagandaaufwand begann damals die unter dem Motto „Junkerland in Bauernhand“ stehende Enteignung der „Großgrundbesitzer“ und die anschließende Zwangskollektivierung bis 1963. Am 2. September 1945, und damit noch vor der Ernte, verkündete Wilhelm Pieck im brandenburgischen Kyritz die entschädigungslose Enteignung aller landwirtschaftlichen Güter über einhundert Hektar Fläche. Die Entscheidung war freilich schon einige Monate vorher in Moskau gefallen, vorangetrieben von den Sowjets, die in ihrer Besatzungszone kommunistische Verhältnisse schaffen wollten. Ökonomisch unsinnig wurden die Ländereien in Parzellen zu je fünf Hektar aufgeteilt und an etwa 200.000 „Neubauern“ verteilt: frühere Landarbeiter, Vertriebene und Industriearbeiter. Die enteigneten „Klassenfeinde“ wurden von der Roten Armee aus ihren Heimatlandkreisen deportiert und zunächst in Lager auf Rügen und in Sachsen umgesiedelt. Gutshäuser wurden abgerissen, obwohl sie zu dem Zeitpunkt als Notunterkünfte und Krankenhäuser dienten. Jegliche Erinnerung an frühere Verhältnisse sollte ausgelöscht werden. Zwei bis drei Jahre später folgten Betriebe mit mehr als zwanzig Hektar. Am 1. Juli 1948 wurde das offizielle Ende der Bodenreform verkündet. Ziemlich schnell mußte man jedoch dieses Programm als gescheitert erklären, da vierzig Prozent der Neubauern keinerlei landwirtschaftliche Kenntnisse besaßen und die Größe der Hofstätten unrentabel war. Bis 1952 hatten ein Drittel der Neubauern ihr Land, was jeder Steigerung der Produktion entgegenstand. Bäuerliche Widerstand war Bestandteil des 17. Juni 1953 So gab Stalin höchstselbst die Weisung zur Kollektivierung der Landwirtschaft in der DDR. „Freiwillig und spontan“ sollten sich Kleinbauern zu Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) zusammenschließen. Davon konnte natürlich keine Rede sein, und so wurden wieder die Mittel der politischen Inszenierung und der offenen Brutalität, wie Inhaftierungen und Schauprozesse, eingesetzt. Schöne zufolge muß deshalb das historische Bild des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 revidiert werden, der sich eben nicht auf die Städte Berlin, Leipzig, Görlitz und Jena konzentrierte, sondern viel früher in den Dörfern begann. Fahnen wurden verbrannt, Bürgermeister verprügelt, verhaßte Funktionäre in Jauchegruben geworfen. Auch in Berlin demonstrierten am 17. Juni aufgebrachte Bauern. 1960 begann mit dem „Sozialistischen Frühling“ eine zweite Kollektivierungswelle. Mit der Parole „De Appel is riep“ fuhren Lautsprecherwagen durch die Dörfer, es kam zu willkürlichen Verhaftungen. Diese Maßnahmen zeigten Erfolg: Am 25. April desselben Jahres konnte der „Abschluß der Kollektivierung“ verkündet werden, obwohl 20.000 Privatbetriebe bestehen blieben. LPG vom Typ I – gemeinsame Bewirtschaftung der Felder, aber individuelle Viehhaltung – boten den Bauern noch mehr Autonomie als der von der Partei favorisierte Typ III, in dem alle Güter geteilt wurden. Zu einer Steigerung der Produktion kam es jedoch nicht, im Gegenteil, es herrschte Lebensmittelknappheit. Da half auch ein verstärkter Einsatz von Mitarbeitern der Staatssicherheit auf dem Lande nichts. Bis zum Mauerbau im August 1961 verließen viele Bauern die DDR. Nach dieser künstlichen Abriegelung des Landes, und nachdem Fachleute, statt der theoriefixierten SED-Führung, mit der Umsetzung betraut wurden, erlebte die DDR-Landwirtschaft schließlich einen Aufschwung.

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