In der eisigen Ostsee versunken

Am Morgen des 23. Januar 1945 grummelte es bereits unaufhörlich in der Ferne. Bedrückt nahmen wir Abschied von meinem Elternhaus in der Königsberger Schrötterstr. 87 / Ecke Gustloffstr. 1. Wir, das waren meine Mutter mit ihren fünf Kindern, unsere Großmutter, eine Tante und unser Kindermädchen Marta. Zurück blieben mein Vater, der seinen Bäckereibetrieb in Königsberg weiterführen mußte und als Kreishandwerksmeister von Samland-Fischhausen bis Ende April mit Handwerkskameraden aus allen Gewerken die Not der nach Pillau hineinströmenden Menschen zu lindern versuchte. Ferner blieb unsere Köchin Lotte Tolksdorf, die den „Meister“ und die anderen Betriebsangehörigen in der nun anhebenden schweren Zeit nicht im Stich lassen wollte und jeden Gedanken an Flucht energisch ausschlug. Es waren die letzten Worte, die ich von ihr gehört habe. Lotte hat ihre Treue und ihr Ausharren alsbald unter den Sowjets mit dem Tode bezahlt. Zurück blieb auch „unser“ Franzose Robert Gay aus Lyon. Wir haben nie erfahren, ob er den Untergang Königsbergs überlebt hat oder, wie unzählige andere seiner französischen und belgischen Kameraden, beim Einmarsch der Sowjets umgekommen ist. Wir wurden zum Königsberger Hafen gebracht. Das Thermometer zeigte 12 Grad Minus, der Schnee fiel in dichten Flocken. Lange mußten wir in einer Menschenmenge ausharren, bis wir an Bord eines der drei Kriegsschiffe gelassen wurden, die an der Pier lagen. Am Ende hatte unser M 801, ein kleiner Minensucher, 242 Menschen übernommen. Nach einem Zwischenaufenthalt in Pillau lief unser Schiff am 26. Januar aus. Mit der „Nettelbeck“ im Schlepp, deren Heck einem bizarren, verrosteten Schrotthaufen glich. Sie war vollgestopft mit Flüchtlingen wie wir und hatte nur eine seemännische Notbesatzung an Bord. Unser Schleppverband lag schwer in der rollenden See. In unserer Messe – je zwei Personen mußten sich eine Koje teilen – zeigten sich erste Anzeichen von Seekrankheit, die rasch fast alle befiel. Irgendjemand hatte eine Milchkanne mitgenommen. Immer häufiger und gequälter ertönte der Schrei „Milchkanne“, die zweckentfremdet „Erste Hilfe“ leistete. Um der stickigen Luft im Schiffsinneren zu entgehen, begab ich mich über den Niedergang an Deck. Von der Besatzung waren Strecktaue angelegt worden. Die Decksplanken waren vereist, die Trossen zum Anhang waren von einem dicken Eispanzer umhüllt. Eine Tragödie bahnte sich an: In kurzer Zeit brachen sämtliche Trossen, die „Nettelbeck“ trieb hilflos in der sturmgepeitschten See. Alle Manöver von M 801, eine neue Schleppverbindung herzustellen, scheiterten an den Naturgewalten. Wir befanden uns unweit der Halbinsel Hela. Bei einbrechender Dunkelheit erhielt M 801 Meldung, daß die „Nettelbeck“ dort auf Grund gelaufen war. Das Kriegstagebuch von M 801 vermerkt: „Angeforderter Schlepper und Berghilfe kann keine Hilfe leisten, treibe selbst auf Land zu. 23.40 erhalte, da Hilfe von Land unterwegs, Befehl, weiterzulaufen. 23.50 Anker auf, setze Reise fort. 00.10-01.15 Fliegeralarm. 08.45 ein Mädchen geboren. 07.00 erhalte Meldung, daß zwei Frauen vermißt werden, die nach allen Anzeichen Selbstmord begangen haben. 15.10 Swinemünde, Hohenzollernpier fest, geben Evakuierte von Bord.“ Was aber mochte aus der „Nettelbeck“ und ihrer unglücklichen menschlichen Fracht geworden sein? Diese Frage erhielt erst vierzig Jahre später Antwort, als mich der Zufall bei einem Treffen von Rettern und Geretteten mit Frau Hildegard Anton aus Königsberg zusammenführte. Sie hatte die Flucht mit uns angetreten, auf der „Nettelbeck“. Die dramatischen Ereignisse nach deren Strandung schilderte sie mir in einem Erlebnisbericht so: „Wir mußten sofort die Kajüten verlassen, da das Wasser eindrang. Bei eisiger Kälte und Sturm mußten wir uns die ganze Nacht auf Deck aufhalten. Nur die Älteren durften in den oberen Kajüten bleiben. Die Marine war bemüht, von dem Backbord liegenden Schiff das Eis zu entfernen, damit es nicht so schnell sinkt. Am nächsten Morgen um 7.30 Uhr hatte die „Nettelbeck“ an Backbord schon bedenklich Schlagseite, und in allen Kajüten stand das Wasser. An der Küste sahen wir Hilfe nahen. Mit einer Rakete hatte die Küstenwacht ein Seil mit Hosenboje herübergeschossen, und nun glitten die Schiffbrüchigen in der Hosenboje über die Brandung ans Ufer. Da das Schiff bald zu sinken drohte, mußte jeder Erwachsene ein Kind auf den Schoß nehmen. Da bei mir das Seil nicht straff genug war, wurde ich durch die eisige See gezogen. Im Aufenthaltslager der Küstenartillerie wurden wir aufgenommen und gestärkt. Am 28. Januar wurden wir trotz Weigerung auf der ‚Memel‘ eingeschifft. Großer Sturm, Windstärke 8 bis 9. Am 30. Januar, morgens, 2.000 Meter von der Swinemünder Mole entfernt, lief das Schiff auf eine Mine. Da wir im Geleit fuhren, erspähten die Schiffe die von uns abgefeuerten Leuchtkugeln und kamen uns zu Hilfe. Allerdings war von der ‚Memel‘ nur noch die Hälfte übriggeblieben, mit der versunkenen Hälfte wurden auch etwa hundert Menschen (Frauen mit Kleinkindern) von der Ostsee verschlungen. Uns nahm die ‚Ürdingen‘ auf, die uns in Swinemünde ausschiffte.“ Mein Vater erzählte später, er habe in Königsberg Ende Januar 1945 die Nachricht erhalten, daß wir mit unserem Schiff untergegangen seien. Der Bericht von Frau Anton läßt auf die Ursachen für diese Meldung schließen, die sich glücklicherweise als Falschmeldung herausstellen sollte.

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