Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Grenzenlose Aufklärung mit Eisernem Kreuz

Höher, schneller, weiter: Die Entgrenzung des Einsatzraumes der Bundeswehr erreicht eine neue Dimension. Anfang März wird der erste Spionagesatellit im Dienste der deutschen Armee in eine Erdumlaufbahn geschossen. Mit dem Start des künstlichen Himmelskörper vom russischen Weltraumbahnhof Plesetsk wird der Grundstein für ein unabhängiges deutsches Aufklärungssystem gelegt, das jeden Punkt der Erde unter die Lupe nehmen kann. Bislang ist Deutschland vor allem auf Informationen der Vereinigten Staaten angewiesen, wenn es gilt, aus dem Weltraum unauffällig Informationen über mögliche Einsatzorte der Bundeswehr zu sammeln. Mit dem aus fünf Satelliten bestehenden System „SAR-Lupe“ (Synthetic Aperture Radar) ändert sich das. Bis Ende 2007 wird alle sechs Monate ein weiterer Satellit von einer russischen Kosmos-Trägerrakete in den Weltraum befördert. Bereits Ende 2006 soll das 300 Millionen Euro teure System erstmals einsatzbereit sein. Ein Jahr später stehen dann alle fünf SAR-Lupe-Satelliten zur Aufnahme von Radarbildern der Erdoberfläche zur Verfügung. Ihr Auftrag: weltweite Aufklärung, unauffällig und schnell. Innerhalb von weniger als elf Stunden nach der Auftragserteilung soll es dann möglich sein, den politischen und militärischen Entscheidungsträgern von praktisch jedem Ort der Welt Bilder vorzulegen. Aufträge erteilen dürfen unter anderem das Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam und die Führungskommandos der einzelnen Teilstreitkräfte. Bei der Bundeswehr legt man Wert darauf, daß die Satellitenaufklärung unauffällig und daher „nicht eskalierend“ wirke – schließlich gibt es für weltraumgestützte Spionage keine völkerrechtlichen Einschränkungen. Diplomatische Verwicklungen mit anderen Staaten lassen sich auf diesem Wege vermeiden. Die Bundeswehr will die Satellitenaufklärung für die Planung und Vorbereitung militärischer Einsätze nutzen sowie mit Hilfe der Satelliten frühzeitig Krisen erkennen, um künftig in die Lage zu sein, rechtzeitig und angemessen zu reagieren. Die fünf baugleichen, jeweils 800 Kilogramm schweren Satelliten – in der stets etwas hölzernen Bundeswehrsprache „Raumsegmente“ genannt – kreisen in polnahen Umlaufbahnen in einer Höhe von rund 500 Kilometern um die Erde. Aus den Radarwellen, mit denen sie die Erdoberfläche abtasten, werden Bilder erstellt, auf denen auch noch Objekte erkennbar sind, die kleiner als ein Meter sind. Die Radaranlagen erfassen die Erdoberfläche im sogenannten Streifen-Modus, der eine Fläche von acht mal 60 Kilometer abdeckt. Wenn notwendig, können besonders interessante Gebiete genauer unter die Lupe genommen werden: Im „Spot-Modus“ werden dann quadratische Flächen mit einer Größe von 5,5 mal 5,5 Kilometern erfaßt. Die gewonnenen Daten senden die Satelliten an die Bodenstation in Gelsdorf in Nordrhein-Westfalen wo diese Aufbereitet werden. Die technischen Einrichtungen für den Datenempfang und die Steuerung der Satelliten liegen allerdings nicht in der Hand der Bundeswehr. Sie werden während der auf zehn Jahre ausgelegte Nutzung durch Privatunternehmen betrieben. Bundeswehr bündelt die Strategischen Aufklärung Für die Kontrolle der künstlichen Himmelskörper im Dienste des Verteidigungsministeriums ist die 100 Mann starke „Abteilung satellitengestütze Aufklärung“ des 2002 gegründeten Kommandos Strategische Aufklärung zuständig. Dieses ist streng von der Öffentlichkeit abgeschirmt im nordrhein-westfälischen Rheinbach in der Nähe von Bonn stationiert. Das Kommando, dem 7.000 Soldaten und zivile Mitarbeiter unterstellt sind, ist eine Folge der zahlreichen Auslandseinsätze der Bundeswehr seit dem Ende des Kalten Krieges. Es bündelt neben der Satellitenaufklärung die bislang auf die einzelnen Teilstreitkräfte verteilten Einheiten der strategischen Aufklärung. Hierzu gehören Fernmelde-Spezialisten und Experten für Elektronische Aufklärung ebenso wie Fachleute für den Elektronischen Kampf. Aufgabe der Einheit ist es, Erkenntnisse zu sammeln, die helfen, die eigenen Truppen zu schützen. Darüber hinaus beliefern sie die militärischen Führung mit Informationen über die Einsatzgebiete. Überall auf der Welt, wo deutsche Truppen im Einsatz sind, ist das Kommando Strategische Aufklärung mit eigenen Einsatzkontingenten vertreten. Haben diese zur Erstellung ihrer Lagebilder bislang vorwiegend Sender und Radarquellen erfaßt und ausgewertet, werden die Möglichkeiten der Aufklärer durch die Radarbilder der Bundeswehrsatelliten entscheidend erweitert. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, daß die deutschen Spionagesatelliten, die von den Firmen Dornier Satellitensystem, Daimler-Chrysler und der Bremer OHB-System gebaut werden, nur eine Teillösung sind: Die deutschen Himmelskörper können die Erdoberfläche nur mit Radarstrahlen abtasten. Über Kameras verfügen sie nicht. Um noch genauere Bilder zu erhalten, muß die Bundeswehr daher auf die Fotografien des französischen Satelliten Helios II zurückgreifen. Allerdings ist dieser Aufklärungssatellit nur bei wolkenlosem Himmel einsetzbar. Frankreich ist daher im Gegenzug auf die deutschen Radarbilder angewiesen, die im Gegensatz zu den Bildern der Foto-Satelliten wetterunabhängig bei Tag und bei Nacht erstellt werden können. Eine entsprechende Vereinbarung wurde von beiden Staaten bereits 2002 unterzeichnet. Zusammen bilden die beiden Systeme die Keimzelle für eine von den Vereinigten Staaten unabhängige europäische Satellitenaufklärung. Foto: Spionagesatellit als Computer-Grafik: Die aufgenommenen Bilder werden an die Bodenstation in Gelsdorf bei Bonn gesendet

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