Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Selbstverschuldet

Als Nina Hagen, selbsternannte „Mutter des Punk“ und Vorzeige-Abgedrehte, im Juni 1985 ihre LP „Nina Hagen in Ekstase“ veröffentlichte, wollte niemand sie hören. Gnadenlos übergingen die Fans das Album in den Läden; die Kritiker ließen kein gutes Haar an den zehn Songs. Ihre Open-Air-Tour im Frühsommer lockte nur wenige tausend Zuschauer an. Der damals vorherrschende musikalische Zeitgeist stand gegen die 1976 im Zuge der Biermann-Ausbürgerung aus der DDR in den Westen übergesiedelte Punkchanteuse. Freilich machte Nina Hagen selbst es mit ihren Extravaganzen dem Zeitgeist aber auch äußerst schwer, ihr einen einträglichen Platz einzuräumen. „Nina Hagen in Ekstase“ bot den (ungewollten) Startschuß für eine langandauernde laue Phase in der Karriere der stimmgewaltigen Ex-Schlagersängerin. Mangels zufriedenstellender Verkaufszahlen verlor sie im Jahr darauf ihren Plattenvertrag bei CBS. Der skandalumwobene Punkderwisch stand plötzlich ohne Kontrakt da. In einer „Wetten, daß“-Show jammerte sie vor einem Millionenpublikum, sie könne leider keine Musik mehr machen, weil keine Firma ihr eine Chance gäbe. Jetzt, zwanzig Jahre später, gibt es die Chance, Nina Hagens umstrittenes Werk nochmals genauer unter die Lupe zu nehmen und zu überprüfen, ob die Verrisse damals berechtigt waren oder nicht. „Nina Hagen in Ekstase“ (Sony) liegt seit kurzem als CD-Neuauflage vor. Zwar ohne jeglichen Bonustrack, dafür aber mit Original-Beiheft und sämtlichen Texten versehen, macht die 35minütige Silberscheibe schnell deutlich, daß ihr musikalischer Wert zwanzig Jahre zuvor arg unterschätzt wurde. Selbstverständlich nerven die in nahezu jedem Lied eingestreuten Hinweise und Anspielungen auf Ufos und Außerirdische genauso wie irrsinnige Textzeilen à la „Ich bin in Ekstase / Gott in der Blumenvase“ noch heute immens. Die exzentrische Punkdame strapaziert mit der Zurschaustellung ihrer Weltsicht in den fast durchgehend von ihr selbst verfaßten Texten zwischen Ufo-Glaube, Hare-Krishna-Mystik und zurechtgebogenen christlichen Einsprengseln die Geduld eines jeden noch so gutwilligen Hörers. Dennoch finden sich zwischen all dem Sinnfreien immer wieder wahre Perlen deutscher Rockmusik, die es wert sind, vorurteilsfrei angehört zu werden. Die erste Single-Auskoppelung, „Universelles Radio“, beispielsweise bietet perfekten, tanzbaren Synthirock, ein überaus interessantes Experiment gelingt Nina Hagen auch in ihrer einzigartigen Version des traditionellen „Vater Unser“, die knalligen Punkrock mit Motiven aus Chatschaturjans „Säbeltanz“ verbindet. Die noch mit ihrer alten Nina Hagen Band (aus der 1981/82 die erfolgreiche Rockgruppe Spliff hervorgegangen war) eingespielte, fetzig-ultraschnelle Punkfassung von Frank Sinatras „My Way“ hat einfach Klasse, der funkig-rockige „1985 Ecstasy Drive“ karikiert das seinerzeit aufkeimende Yuppietum vortrefflich. Auf anderen Stücken paaren sich Synthesizer mit Rockgitarren, und über allem schwebt Ninas wandlungsfähige Stimme in all ihren Höhen und Tiefen. Natürlich vermittelt „Nina Hagen in Ekstase“ nicht gerade den Eindruck eines simplen, leichtverdaulichen, nebenbei hörbaren Rock/Pop-Albums für den Massengeschmack. Man muß schon mit Nina Hagens eigenwilliger Art der Intonation wie auch ihrem exaltierten Hang zur Selbstdarstellung klarkommen, um an der CD seine pure Freude haben zu können. Dennoch – „Nina Hagen in Ekstase“ ist ein klassisches Deutschrockalbum einer häufig mißverstandenen Künstlerin, die andererseits mit ihrem Auftreten selbst sehr viel dazu beigetragen hat, daß ihre musikalischen Hervorbringungen kaum noch ernst genommen werden.

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