Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Zwischen Tradition und Erneuerung

Für die dänischen Konservativen waren die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts eine bewegte Zeit voller Umbrüche. Die 1916 aus der traditionellen dänischen Rechten (Højre) hervorgegangene Konservative Volkspartei war ursprünglich die Partei des Hofes, des Adels, der Kirche, der Gutsbesitzer, der Staatsbeamten und des Offizierskorps. Diese Wählerklientel reichte unter den Bedingungen des 1915 für beide Kammern des dänischen Reichstags eingeführten allgemeinen und gleichen Wahlrechts jedoch nicht aus, um den Konservativen nennenswerten politischen Einfluß zu sichern. So waren diese in den zwanziger Jahren unter dem Vorsitz von Victor Pürschel (1877-1963) politisch weitgehend bedeutungslos und hatten an den in dieser Zeit von den regierenden Sozialdemokraten zusammen mit der linksliberalen radikalen Partei Venstre eingeleiteten innenpolitischen Reformen, aus denen der dänische Wohlfahrtsstaat hervorgehen sollte, keinerlei Anteil. Statt dessen lehnte man nicht nur diese Reformpolitik ab, sondern auch das allgemeine und gleiche Wahlrecht, und stand letztlich auch dem Parlamentarismus als Grundlage des politischen Handelns mit Vorbehalten gegenüber. Allerdings mochten diese Vorbehalte auch der eigenen Erfolglosigkeit geschuldet sein, und die Konservativen sahen keine Perspektive, um ihre Vorstellungen politisch durchsetzen zu können. Angesichts dessen regten sich in der Konservativen Volkspartei insbesondere unter den Jüngeren Kräfte, die sich von Vorstellungen der traditionellen Rechten lösen, die Partei reformieren und sie damit für breite Wählerschichten attraktiver machen wollten. 1932 übernahmen die Modernisierer die Führung der Konservativen, und der Rechtsanwalt John Christmas Møller (1894-1948) wurde gerade auch mit Unterstützung durch die Konservative Jugend (KU) unter Jack Westergaard (1908-1975) Parteivorsitzender. Sowohl Christmas Møller als auch Westergaard lehnten die als steril empfundenen Positionen der herkömmlichen Konservativen ab und bemühten sich um eine Modernisierung der Partei. Dabei verfolgten sie jedoch völlig unterschiedliche Ansätze. John Christmas Møller strebte die Anerkennung des in Dänemark nach 1915 entstandenen politischen Systems an. Die Konservativen sollten sich mit der verfassungsmäßigen Ordnung, dem System des Parlamentarismus und dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht aussöhnen und auf dieser Grundlage versuchen, innerhalb des bestehenden Systems eigene politische Akzente zu setzen. Außenpolitisch war Christmas Møller ein Anhänger des britischen Parlamentarismus und ein strikter Gegner der nationalsozialistischen und faschistischen Systeme Deutschlands und Italiens. Demgegenüber empfand man in der traditionell nationaldänisch eingestellten Konservativen Jugend angesichts der Herausforderung durch die Weltwirtschaftskrise zunehmend Zweifel an der demokratischen Staatsform und Sympathie zumindest für den Korporatismus des italienischen Faschismus. Diese Ideen und der von dem Kopenhagener Vorsitzenden der KU Carsten Raft eingeführte neue Agitationsstil, der dem der Kampfabteilungen faschistischer Parteien glich, prägten die Arbeit der Konservativen Jugend bis 1936. Bei den Wahlen zum Landsting, der damaligen zweiten Kammer des dänischen Reichstages, im Herbst 1932 trat die Konservative Jugend zum ersten Mal unabhängig von der Mutterpartei und sehr aggressiv mit Tausenden von Plakaten, Lautsprecherwagen und Aufmärschen in der Öffentlichkeit auf, was Westergaard als „Formen der neuen Zeit“ bezeichnete. Der Wahlkampf in Kopenhagen verlief lebhaft wie nie zuvor. Die sozialdemokratische Jugend und der kommunistische Jugendverband, die bis dahin die Straße beherrscht hatten, wollten diese nicht den Konservativen überlassen, was zu zahlreichen blutigen Auseinandersetzungen führte. Im Ergebnis erhielt die Konservative Volkspartei in Kopenhagen und Umgebung einen starken Stimmenzuwachs. Große Mitgliederzuwächse in den dreißiger Jahren Kurze Zeit später bildete sich innerhalb der Konservativen Jugend eine besondere Formation, die „Sturmtruppen“ (S. T.), zum Schutze konservativer Wahlveranstaltungen und Kampagnen. Innerhalb der S. T., aber auch bald in großen Teilen der KU, grüßte man mit erhobenem rechten Arm, was als der „uralte nordische Gruß“ bezeichnet wurde. Die S. T. begannen ferner mit der Einführung einer schwarzen Uniform mit Schulterriemen und Schaftstiefeln. Letzteres war der direkte Anlaß für das im Frühjahr 1933 vom dänischen Parlament gegen die Stimmen sowohl der Kommunisten als auch der Konservativen beschlossene Uniformverbot für politische Gruppen. Die S. T. kleideten sich daraufhin in weiße Hemden und gleichgeartete Hosen, was bis 1937 zu zahlreichen Geldbußen wegen Verstößen gegen das Uniformverbot führte. Der neue Stil der KU fand großen Anklang unter der Jugend. Während die Mitgliederzahl der Jungkonservativen in den zwanziger Jahren bei 10.000 gelegen hatte, waren es Ende 1932 bereits 15.000. Um die Jahreswende 1934/35 wurde ein Höhepunkt mit 30.000 Mitgliedern erreicht. Der Mitgliederzuwachs kam allerdings nicht mehr aus dem traditionell konservativen Milieu der Oberklassen, sondern es handelte sich um junge Leute eher kleinbürgerlicher Herkunft wie Büroangestellte, Verkäufer, Lehrlinge und Vertreter. Dabei ist eine gewisse Übereinstimmung mit dem Potential der dänischen Nationalsozialisten festzustellen, die mit der KU durchaus um Mitglieder konkurrierten. Allerdings fehlten bei aller gemeinsamen Ablehnung der parlamentarischen Staatsform bei der Konservativen Jugend die Ablehnung von Pluralismus und Meinungsfreiheit und jegliche Form von Antisemitismus und Rassentheorie, so daß die KU ungeachtet aller Sympathien für die Entwicklungen in Deutschland und Italien doch nicht als nationalsozialistisch anzusehen war. Zudem führte gerade auch die nationaldänische Grundeinstellung der KU dazu, die als unkritische Übernahme fremdländischer Imitate angesehenen Erscheinungsformen des dänischen Nationalsozialismus mit besonderer Intensität zu bekämpfen. Gleichwohl hatte Christmas Møller ganz andere Vorstellungen, wie die Jugendorganisation seiner Partei sich entwickeln sollte, konnte wegen des Mitgliederzuwachses zunächst aber nicht offen gegen Westergaard und dessen „Formen der neuen Zeit“ vorgehen. Erst 1936 gelang es ihm, Westergaard als Vorsitzenden der Konservativen Jugend durch den eher parteitreuen Aksel Moller (1906-1958) abzulösen und die KU nachfolgend allmählich in die parlamentarische Politik zu integrieren, zu der sich die Partei im übrigen bekannte. Westergaard, der zunächst im Vorstand der KU verblieben war und weiterhin viel Einfluß in der Organisation besessen hatte, wurde so nach und nach an den Rand gedrängt. Allerdings mußte der Abschied von den „Formen der neuen Zeit“ mit einem Rückgang der Mitgliederzahl bezahlt werden, die allein von 1936 bis 1937 um 3.500 fiel. Bis Sommer 1940 war die Mitgliederzahl der KU auf nur noch 12.600 zurückgegangen. In ihrer Kritik des Parlamentarismus hatten die ansonsten völlig verschiedenartigen Parteiflügel um Pürschel und Westergaard doch einen gemeinsamen Ausgangspunkt gegenüber der von Christmas Møller vertretenen Politik. So kam es nach 1936 zu einer allmählichen Annäherung von Pürschel und Westergaard. Hierbei spielten Gesprächskreise kleinerer rechtsoppositioneller Gruppen außerhalb der konservativen Partei eine wesentliche Rolle, die die Bildung einer politischen Allianz unter dem Namen „Nationale Liga“ anstrebten. Im Sommer 1938 wurden diese Gesprächskontakte Pürschels und Westergaards von der Presse aufgedeckt und beide nachfolgend aus der Konservativen Volkspartei herausgedrängt. Pürschel trat am 1. Dezember 1938 aus der konservativen Parlamentariergruppe im Folketing aus. Auf Vorschlag Westergaards war unter Vorsitz von Pürschel bereits Ende Oktober in Kopenhagen die politische Vereinigung Nationalt Samvirke (Nationales Zusammenwirken) gegründet worden. Nach dem 1. Dezember 1938 trat Nationalt Samvirke mit Veranstaltungen in Apenrade und Kopenhagen, an denen 1.000 bzw. 1.500 Zuhörer teilnahmen, an die Öffentlichkeit. Durch diesen Erfolg beflügelt, meldete Pürschel am 31. Dezember 1938 Nationalt Samvirke als politische Partei an, um damit die Teilnahme an den Parlamentswahlen im Jahre 1939 sicherzustellen. Nationalt Samvirke entwarf das Programm einer „nationalen Volksfront“ und propagierte den „Kampf für Dänemarks Wiederauferstehung – wirtschaftlich, national und kulturell“. Gleichwohl blieb Nationalt Samvirke im Ergebnis eher eine konservative Splittergruppe als eine nationale Oppositionspartei. Dies zeigte sich auch bei den Reichstagswahlen am 3. April 1939, als Nationalt Samvirke mit lediglich 8.477 Stimmen ein absolutes Fiasko erlebte. Nun wurde klar, daß die bisherige Antriebskraft des „konservativen Aufruhrs“ ihre Rolle ausgespielt hatte und nicht mehr länger als Grundlage für eine Fortsetzung der politischen Aktivität dienen konnte. Hinzu kam, daß die Partei aus dem Wahlkampf noch Schulden in Höhe von erklecklichen 19.000 Kronen hatte. Am 12. April 1939 beschloß der Parteirat von Nationalt Samvirke daher, getrennte Verhandlungen mit der nationaldänischen Partei Dansk Samling (JF 44/01) und der gleichfalls national ausgerichteten Danske Folkefælleskab (Dänische Volksgemeinschaft) über eine mögliche Zusammenarbeit aufzunehmen. Heute verzichtet die Partei auf ein konservatives Profil Nach erheblichen Auseinandersetzungen innerhalb der Führung von Nationalt Samvirke ergab sich, daß den Gemeinsamkeiten mit Dansk Samling der Vorzug zu geben war. Am 30. April 1939 beschlossen Nationalt Samvirke und Dansk Samling ihren Zusammenschluß unter einer paritätisch aus beiden bisherigen Parteien zu besetzenden Führung. Als dieser Zusammenschluß am 4. Juni 1939 in Odense unter dem Namen „Dansk Samling“ dann tatsächlich vollzogen wurde, hatte sich Pürschel schon zurückgezogen und beschränkte sich auf ein Grußwort, in dem er den Zusammenschluß der beiden Parteien begrüßte. Westergaard, der der paritätisch besetzten Parteileitung angehörte, trat bereits am 30. Juli 1939 aus persönlichen Gründen zurück und zog sich nachfolgend aus der Politik zurück. Die Konservative Volkspartei selbst wurde durch John Christmas Møller seinerzeit auf den Kurs einer modernen liberalkonservativen Volkspartei gebracht, den sie noch heute einhält. Sie ist die pragmatisch ausgerichtete Partei der Wirtschafts- und Geschäftswelt und steht stärker vielleicht als andere Parteien für die Einbindung in die Nato und die Westintegration Dänemarks. Ein besonderes ideologisch geprägtes konservatives Profil hat die Partei, die heute in Brüssel zur EVP-Fraktion gehört, indes seit damals nicht mehr gefunden. Fotos: Aufmarsch der Konservativen Jugend (KU) in Kolding 1933: Zweifel an der demokratischen Staatsform / John Christmas Møller (r.) Anfang der dreißiger Jahre beim Treffen der KU: Spätere Einbindung Dänemarks nach Westen

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