Restaufgaben aus der Schule von Schirrmacher

Letzte Woche hatten wir an dieser Stelle über neue Bestattungsriten für Mensch und Tier berichtet. Zum Glück hat sich kein einziger Leser über Pietätlosigkeit beschwert. Dafür kam aber der Einwand, daß das Thema nichts mit der Aufgabe dieser Kolumne zu tun habe, nämlich über neue Technologien zu informieren. Sicher hat man nicht das Einbalsamieren von Zwerghasen zum Usus gemacht. Doch ist die Einstellung zu Tod und Trauer durch die moderne Medizin wesentlich gewandelt. Noch mehr allerdings durch das moderne Leben überhaupt. Anfangs glaubten wir uns einig mit dem Projekt der „Nachschulung“ vom großen Schirrmacher. Wir wollten der Bedingtheit von Gedanken durch natürliche und technische Voraussetzungen nachspüren. Statt dessen hat Schirrmacher, dieser Verräter, in seinem Methusalem-Buch den biologischen Interessen der Alten, zu denen er selbst bald gehören wird, eine hübsche literarische Fassade gezimmert und bequeme Lorbeeren geerntet. Während wir uns immer noch mit der „Nachschulung“ eines ungezogenen Publikums herumplagen, das sich nun auch noch beschwert. Seit der Steinzeit hat es nichts gegeben, was mit „neuen Technologien“ nichts zu tun hat. Insofern haben wir uns nichts vorzuwerfen. Richtig ist, daß gewisse sensationelle Entdeckungen der letzten zehn, fünfzehn Jahre ständig weiterentwickelt werden, ohne daß wir jedesmal darüber berichten. Für den Kenner mag der eigentliche Reiz im Detail liegen, aber das Publikum reizt immer nur das Überraschende. Deshalb ist die Berichterstattung über Chemieabfälle, Bausanierungen und Bankenskandale in den TV-Journalen so wenig kontinuierlich. In der DDR war das ganz anders. Wie wir spätestens aus „Goodbye Lenin“ wissen, berichtete die „Aktuelle Kamera“ regelmäßig aus den Betrieben. Auch wenn nichts Besonderes los war – deshalb wollte das Ost-Fernsehen auch niemand sehen. Wir hüten uns also vor dem sozialistischen Protokollstil. Welcher Leser will wöchentlich von Ratten hören, die mit Elektroden im Kopf Prothesen bedienen? Über Ratten berichten wir aus persönlicher Vorliebe ohnehin viel zu oft. Aber sind genetisch veränderte Bakterien im Darm oder Nano-Roboter in den Blutgefäßen länger interessant als der neue Bundespräsident? Jede Woche muß etwas Neues her, sonst greift man doch wieder zur Bild-Zeitung, deren Schlagzeile täglich den Mutationssprung vom Esel zum Eichhörnchen vollführt, oder kehrt wenigstens zum Ressort Zeitgeschichte zurück, wo man Wetten abschließen kann. Wissenschaftliche Themen sind vielfältig, aber immer eklig. Auch eine Depression, die mit Kernspintomographie sichtbar zu machen ist, möchte man nicht unbedingt auf dem Frühstückstisch vorfinden. Wir muten dem Leser schon eine Menge zu – gelegentliche Ausflüge zu Tante Ernas Todesanzeige oder der letzten Dessous-Mode sollten unbedingt erlaubt sein.

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