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Kleine Erfrischung im Gen-Pool

Wie so viele dämonisierte Kulturentgleisungen ist der Comic ein Nischenprodukt geblieben. Doch verleiht es immerhin einem Gegenwartsphänomen eine gewisse Klassizität, wenn es unter der Flagge von Mickey Mouse erscheint. Auch für die Genforschung mußte dieser Augenblick kommen. Bis dahin nur für Leser der Fachzeitschriften Trends in Biochemical Sciences oder Trends in Genetics greifbar, hat Hanno Bolz seine „GenComics“ im Wissenschaftsverlag WILEY-VCH allgemein zugänglich gemacht. Das heißt nicht, daß alle Zeichnungen auch für Laien verständlich sind. Die Visual-Ironisierung zentraler Fachbegriffe zum Beispiel wie „Exon trapping“, „Reporter Gen“, „In silico Cloning“ oder „Chromosome Painting“ weiß nur zu würdigen, wer mit der Materie vertraut ist. Die (englischen) Kurzerklärungen reichen auf keinen Fall aus. Dafür ist die Typisierung von Forschern besonders lustig für diejenigen, die sich nicht betroffen fühlen müssen. Die Spezies der Wissenschaftler setzt sich für Bolz zusammen aus dem „Kollaborateur“, krakenhaft die ganze Welt umarmend, dem „Einsamen“, der hoch oben in seinem Turmverlies sitzt, dem „Narzißten“ der neben seinem Foto und seinen Veröffentlichungen auch seinen eigenen Chromosomensatz an die Wand gepinnt hat, dem „Workaholic“ natürlich und schließlich dem „Paranoiden“, der sein Labor verrammelt und „streng geheim“ auf alle Präparate pinselt. Insgesamt können Genetiker nicht umhin, wenn sie Menschen mit ihren Nachkommen auf der Straße sehen, im Geist einen entsprechenden Stammbaum anzulegen. Man sollte Comics auf jeden Fall ernst nehmen. Viele besitzen eine profunde politische Aussage – so hat die libertäre Philosophie Donald Ducks einen Teil des FAZ-Feuilletons infiziert. Auch Bolz bietet Einblicke, die durchaus verräterisch sind, etwa wenn bei einer Paßkontrolle im Jahr 2010 der Reisende auf die Computerfrage nach der „Identität“ seine vollständige Genom-Sequenz herunterzubetet: „CAGTCCTAAA …“, oder wenn der Genetiker die Rolle der unheimlichen Wahrsagerin übernimmt: „Mit 35 beginnen Sie, Ihr Gehör zu verlieren …“ Man hat allerdings nicht den Eindruck, daß hier die Öffentlichkeit über Gefahren der Gentechnik aufgeklärt werden soll. Vielmehr sind auch solche Unarten der neuen Wissenschaft mit einem liebevollen Auge gesehen. Der Autor ist selbst in der gentherapeutischen Forschung tätig. Umso mehr muß man bewundern, wie fair er auch mit Tumorzellen umgeht, die zwar etwas bizarr, aber durchaus nicht unsympathisch aussehen. Ziemlich gestreßt wirken jene Bakterien, die früher Durchfall verursachen durften und jetzt mit großen pharmakologischen Aufgaben betraut sind. Ist es wirklich ein Zufall, daß der global verbreitete Mickey zu den Mäusen gehört? Das braucht man einen Genetiker wohl gar nicht zu fragen.

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