Innere Werte kommen jetzt erst zum Tragen

Endlich gibt es wieder einen „Aufreger“ bei der Genforschung, und zwar einen weitaus realistischeren als das ewige Klonen. Die Kaufmännische Krankenkasse Halle (KKH) hat in Kooperation mit der Medizinischen Hochschule Hannover an 6.000 Versicherten einen Test auf die „Eisenspeicherkrankheit“, eine reine Erbkrankheit, durchgeführt. Die Zeitungen sprechen von „Massen-Gentest“, was gleich schön schaurig nach Zwang oder zumindest Unwissenheit der Betroffenen klingt. In Wirklichkeit hat jeder der 6.000 freiwillig mitgemacht, um im Falle einer Erkrankung rechtzeitig behandelt werden zu können. Weshalb also die Aufregung? Vielen wird erst an einem solchen Beispiel klar, welche zentralen Informationen das Genom über seinen Träger heute schon preisgibt. Der Buchstabensalat hat sich bereits jetzt in eine Personalakte verwandelt, die mindestens so brisant ist wie die von der Stasi. Es müssen nicht ausgesprochene Erbkrankheiten sein. Auch die Disposition zu schweren körperlichen und seelischen Störungen könnte den Marktwert eines Bewerbers extrem absenken. Sie würde auch der Aufnahme in einer privaten Krankenkasse im Wege stehen. In Zukunft könnte eine Genomanalyse einen Menschen so sehr stigmatisieren, daß sein Scheitern im Leben einer self-fulfilling prophecy gleichkäme. Daher ertönt nun überall der Ruf nach dem Datenschutz. Wenn sich schon die Einsicht in gewisse Abgründe nicht vermeiden läßt, so sollen die Akten wenigstens geschlossen bleiben. Wir sehen da allerdings schwarz. Gentests sind unterschiedlich aufwendig. Soll nur die Identität zweier Proben überprüft werden, ist das inzwischen einfach (der DNA-Test der Kriminologen). Gilt die Suche einem bestimmten Gen, bleibt der Aufwand noch überschaubar. Soll jedoch insgesamt nach „Schwachstellen“ gesucht werden, ist das als Teil eines Bewerbungsverfahrens viel zu langwierig und teuer – noch. An computerisierten Gentests, die blitzschnell riesige Areale durchchecken, wird mit Hochdruck gearbeitet. Und das verräterische Material liegt sozusagen am Wege. Ein paar Haarschuppen, Speichelreste auf der Kaffeetasse oder ein Hautpartikel reichen schon aus. Zum Vorstellungsgespräch dürfte man dann aus Datenschutzgründen nur noch im Isolierzelt erscheinen. Ein junger gutaussehender Bewerber mit angenehmer Stimme hatte es bisher deutlich leichter als sein unansehnliches Gegenstück. Dies könnte in Zukunft durch versteckte Minus- und Pluspunkte ausgeglichen werden. Das soll nicht etwa heißen, daß die Natur gerecht sei. Aber die Geschäftswelt ist es eben auch nicht. Und schon gar nicht die Partnersuche, die durch genetisches Hintergrundwissen nicht fieser und darwinistischer werden kann, als sie es immer schon war. Ein schöner Busen mit geheimer Krebsneigung? Die Flachbrüstigen dürften den Fortschritt begrüßen.

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