Superwahljahr

 

„Europas blutigster Konflikt“

Herr Maaß, der Terroranschlag in der 34.000-Einwohner-Stadt Beslan steht in Zusammenhang mit der Okkupation Tschetscheniens durch Rußland. Was haben denn die Osseten damit zu tun? Maaß: Die Teilrepublik Nordossetien gehört zur russischen Föderation, womit der Überfall natürlich eine Herausforderung für Moskau bedeutet, auch wenn das russische Kernland nicht betroffen ist. Zudem sind gut ein Drittel der Einwohner Nordossetiens Russen, und die Osseten selbst gelten seit Jahrhunderten als Brückenkopf der Russen, im Kaukasus. Aber all das spielt eigentlich keine Rolle, denn betroffen waren fast ausnahmslos Zivilisten, und damit sind – egal welcher Nationalität sie angehören – alle Opfer unschuldig. Die Attentäter waren offenbar eine „bunte Truppe“, keineswegs nur Tschetschenen, sogar Russen und Osseten sollen darunter sein. Maaß: Ob überhaupt Tschetschenen darunter waren, weiß ich nicht, vielleicht einige kriminelle Elemente, allerdings keine Leute des offiziellen tschetschenischen Widerstandes um Aslan Maschadow – seit 1997 gewählter Präsident Tschetscheniens -, der 2000 gezwungen war, zu fliehen. Angeblich waren ja sogar zehn Araber unter den Geiselnehmern. Ob das zutrifft oder ob man deren Leichen einfach nur „dazugelegt“ hat, um die russischen Operationen im Kaukasus vor der internationalen Öffentlichkeit als Teil des weltweiten „Kampfes gegen den Terror“ deklarieren zu können, weiß ich nicht. Es gibt in der Tat Zeugenaussagen, die dem widersprechen. Aber ist denn eine so weitgehende Manipulation wirklich denkbar? Maaß: Die Hintergründe dieses Anschlages liegen ebenso im Dunkeln wie die der vorhergehenden. Anführer des Anschlages soll der Ingusche Magomet Jewlojew, ein Gefolgsmann des radikal-islamischen Tschetschenen-Führers Schamil Bassajew, sein, und Islam-Experte Peter Scholl-Latour spricht davon, daß es „zweifellos eine Verbindung zu al-Qaida gibt“. Maaß: Das ist die Version des russischen Geheimdienstes FSB. Was wollen Sie damit andeuten? Maaß: Denken Sie an die Flugzeugabstürze vom 24. August und das Bombenattentat in Moskau vom 31. August. Angeblich waren das Tschetschenen, sogenannte „schwarze Witwen“. Doch Spuren der drei Frauen hat man nicht gefunden. Da stehen zwei tschetschenische Frauen, die beide alleine reisten und beide ihre Flugkarte erst kurz vor Abflug gekauft haben, auf den Passagierlisten und das fällt den Fahndern erst am vierten Tag nach den Abstürzen auf? Halten Sie das für plausibel? Zudem ist in Rußland die Nationalität im Paß eigens vermerkt. Da kommen also die Frauen an den Schalter: Sie sind Tschetscheninnen, sie sind alleine, und sie kommen kurzfristig, sie tragen große Taschen bei sich, worin sie jeweils zehn Kilogramm Hexogen-Sprengstoff haben sowie Druckgeräte und Zünder – und sie fallen mit all dem überhaupt nicht auf! Verstehen Sie, wenn man sich da fragt, ob die Geschichte so überhaupt stattgefunden hat? Erinnern Sie sich zudem daran, daß frühere Anschläge wie die von Wolga-Donsk oder Moskau 1999 mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Konto des russischen Geheimdienstes gehen – dann ist das auch bei anderen Anschlägen zumindest nicht ausgeschlossen. Wollen Sie ernstlich behaupten, der tschetschenische Terrorismus sei komplett vom russischen Geheimdienst fingiert? Maaß: Nein, aber es gibt auch Anschläge, die vorschnell den Tschetschenen in die Schuhe geschoben werden, obgleich ihre Hintergründe zumindest ungeklärt sind. Sogar im Falle des Geiseldramas im Moskauer Musical „Nord-Ost“ gab es mindestens einen Mann des FSB mit Kontakten zu den Attentätern! Klingt das nicht etwas nach klassischer Verschwörungstheorie? Maaß: Ich weiß um die Gefahr, in das Fahrwasser von Verschwörungstheorien zu geraten, und es geht mir auch nicht darum, die Russen schlechtzumachen. Aber die Umstände einiger der Attentate ebenso wie die Repressalien gegen kritische Journalisten, etwa die Verhaftung von Andrei Babitzki oder die Vergiftung von Anna Politkowskaja, lassen meines Erachtens großes Mißtrauen gegen jede offizielle Darstellung von russischer Seite angemessen sein. 1996 trat der russische Menschenrechtsbeauftragte Sergej Kowaljow wegen Moskaus Politik der harten Hand in Tschetschenien zurück. Maaß: Der Tschetschenien-Konflikt ist nicht nur der längste Konflikt in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, er ist auch der blutigste! Die Russen greifen mit einer Brutalität durch, die unvorstellbar ist. Zum Beispiel? Maaß: Das reicht von der völligen Zerstörung militärischer, aber auch ziviler Ziele, ohne die geringste Rücksicht auf Zivilisten. Da wird einfach massiv reingeschossen, beziehungsweise flächendeckend gebombt. Die tschetschenische Hauptstadt Grosny sowie fünfzehn weitere Ortschaften wurden fast vollständig dem Erdboden gleichgemacht. Extralegale und willkürliche – das heißt, auch zahlreiche Unbeteiligte sind davon betroffen – Hinrichtungen oder Verschleppungen sind an der Tagesordnung. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel spricht von 100 illegalen Hinrichtungen pro Woche! Es gibt Menschen, deren gesamte Familie von solchen Todesschwadronen ausgerottet wurde. In Konzentrationslagern werden Tschetschenen systematisch gefoltert, und auch Folter und Mord im höchsten Härtegrad ist keine Seltenheit, das heißt bis hin zu unvorstellbaren, grauenvollsten Martern. Und nicht zuletzt: Vergewaltigung von Töchtern, Ehefrauen und sogar Müttern. Aber auch Tschetschenen haben russische Gefangene unvorstellbar grausam gefoltert und ermordet. Maaß: Das ist richtig, aber man muß sich vergegenwärtigen, daß es sich hierbei um die reguläre Armee eines Landes, das Mitglied im Europarat ist, handelt. Daß Europa so etwas schweigend hinnimmt, ist ein Skandal allerersten Ranges! Sie verwenden den Begriff „Terrorismus“ auch für die russische Seite. Maaß: Wenn ich Terrorismus als die gezielte Ermordung von Zivilisten definiere, dann üben die Russen ganz eindeutig Terrorismus aus – Staatsterrorismus! Das rechtfertigt nicht den Terrorismus der anderen Seite, aber es macht den sanften Umgang des Westens mit Rußland zu einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wer ist verantwortlich für das Verhalten der russischen Truppen? Maaß: Ich bin mir sicher, die Verantwortung reicht direkt bis hinauf in den Kreml. Haben Sie dafür Beweise? Maaß: Nein, aber ich bin nicht naiv. Ich halte Putin für einen Kriegsverbrecher, der vor das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gehört. Nach Ihrer Ansicht wäre also die Lösung, daß die Russen Tschetschenien räumen? Maaß: Eine Lösung des Tschetschenien-Konfliktes kann es nur mit Hilfe der Europäer und Amerikaner geben. Voraussetzung ist aber natürlich der Abzug der Russen. Würde Tschetschenien nicht – ebenso wie Afghanistan nach dem Abzug der Roten Armee – in einen Bürgerkrieg übergehen? Maaß: Nicht, wenn Europäer und Amerikaner Tschetschenien unter internationalen Schutz stellen würden. Um dann selbst mit in das Chaos gerissen zu werden, wie im Libanon oder in Somalia? Maaß: Nicht, wenn das Land unverzüglich mit einem westlichen Wiederaufbauprogramm gestützt wird. Die Opposition, die 2000 ins westeuropäischen Ausland fliehen mußte, ist politisch reif genug – ich kenne die tschetschenischen Exilpolitiker persönlich -, um unter solchen Bedingungen einen stabilen, halbwegs demokratischen Staat in Tschetschenien zu etablieren. Der Kaukasus-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und Koordinator des EU-Rußlandforums der EU-Kommission, Alexander Rahr, warnte in einem Interview mit dieser Zeitung 2002, daß das Land bei einem Abzug der Russen in die Hände von Kriminellen und radikalen Islamisten fallen würde. Maaß: Richtig ist, daß sich infolge des Krieges ein erhebliches Potential an kriminellen und radikal-islamischen Kräften gesammelt hat. Dennoch halte ich diese Einschätzung für zu negativ, denn diese Kräfte haben keine Verwurzelung im tschetschenischen Volk. Das wünscht sich zwar grundsätzlich die Unabhängigkeit von Rußland, vor allem aber will es ersteinmal Frieden und auf keinen Fall eine Radikalisierung des Kampfes in dem fast völlig zerstörten Land. Die Russen waren 1996 schon einmal abgezogen. Erst als schließlich tschetschenische Radikale in der Nachbarrepublik Dagestan einfielen, sahen sie sich genötigt zurückzukehren. Maaß: Das waren die Radikalen Bassajews. Diese Truppe agiert nicht unter der Führung Maschadows. Es kann also bei dem Überfall keineswegs von einem Angriff „Tschetscheniens“ auf Dagestan gesprochen werden. Ich halte die These, der Kampf gegen die Tschetschenen sei heute Teil des Kampfes gegen den internationalen islamischen Terrorismus, für einen Gedanken, der vielleicht einem Wladimir Putin und einem Osama bin Laden gefällt, der aber kaum etwas mit der Realität zu tun hat. Ein russischer General sagte 1999 im russischen Fernsehen: „Dieser Krieg ist die Wiedergeburt der russischen Armee und der russischen Nation. Dieser Krieg ist die Endlösung des tschetschenischen Problems. Nach diesem Krieg wird es die Tschetschenen als Volk nicht mehr geben.“ Das ist leider die Haltung, der sich die Tschetschenen gegenübersehen. Ekkehard Maaß ist Vorsitzender der Deutsch-Kaukasischen Gesellschaft in Berlin. Maaß, geboren 1951 in Naumburg an der Saale, studierte Theologie und Philosophie und bereiste mehrfach den Kaukasus. Deutsch-Kaukasische Gesellschaft e.V.: Die 1996 gegründete Gesellschaft will mit den Kulturen der Völker am östlichsten Rande des Alten Kontinents vertraut machen und wirbt für die politische Integration der Kaukasus-Staaten ins westliche Europa. Kontakt: Schönfließer Straße 21, 10439 Berlin, Internet: www.d-k-g.de Etwa 30 Prozent der 700.000 Einwohner Nordossetiens sind Russen, nur 53 Prozent sind Osseten. Bereits im 7. Jh. vor Christus wanderten die sarmatischen Osseten in das Gebiet ein. Die Bedrohung durch Osmanen und Tataren bewirkte eine enge Anlehnung an Rußland, dem man 1774 freiwillig beitrat. 1810 wurde der Süden zum damals ebenfalls zu Rußland gehörenden Georgien geschlagen. Die christlich-orthodoxen Osseten sind umgeben von den islamischen Teilrepubliken Kabardino-Balkarien, Inguschetien, Tschetschenien und Dagestan. Nordossetien und Inguschetien stritten 1992 im ersten blutigen Konflikt auf dem Gebiet der russischen Föderation um eine Grenzprovinz. Zuvor schon rebellierten in Georgien die Provinzen Abchasien und Süd-Ossetien erfolgreich. Die Südosseten erstreben den Anschluß an den Norden, derzeit sind sie de facto unabhängig. Von Tschetschenien (550.000 Einwohner) aus erfolgten Übergriffe radikaler Islamisten auf Inguschetien und Dagestan. Der erste Tschetschenienkrieg (1994 bis 1996) war ein Nationalitätenkonflikt und endete mit dem Abzug der Russen. Ab 1997 kommt es zur Internationalisierung durch arabische Islamisten. 1999 beginnt der zweite Krieg, der 2003 abflaut. Tschetscheniens Untergrund-Präsident Maschadow kündigte unterdessen an, den Krieg „nach ganz Rußland“ zu tragen. Das Land hat seit 1994 etwa 220.000 zivile Opfer zu beklagen. (JF) weitere Interview-Partner der JF

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