Heißsporne an der Adria

Rettet Triest vor dem roten Stern“, unter dieser Schlagzeile veröffentlichte die Mailänder Zeitung Corriere della Sera Ende 2003 einen ganzseitigen Bericht über amerikanische Geheimdienstakten aus dem Jahre 1945, die jetzt freigegeben wurden und ein ungeschminktes Bild von den damaligen Beziehungen der USA zu den jugoslawischen kommunistischen Partisanen und zu deren Chef, Marschall Josip Tito, vermitteln. In den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges waren Verbände der 4. jugoslawischen Tito-Armee am 29. April 1945 von Südosten vorstoßend bis Triest und Monfalcone vorgedrungen. Gleichzeitig stießen Tito-Truppen ins südliche Kärnten, nach Österreich vor. Damit entstand für die Nachkriegszeit die Gefahr, daß die damals überaus militanten, aggressiven und grausamen Tito-Verbände Oberitalien erreichten. Ein kommunistischer Aufstand in Italien schien in greifbare Nähe gerückt. Dahinter aber kündigte sich der Versuch Stalins an, das angeschlagene Westeuropa in die Hand zu bekommen und in Italien und Frankreich – ähnlich wie im Osten des Kontinents – kommunistische Volksrepubliken zu etablieren. Das einst österreichische, seit 1918 italienische Triest wurde damit zum Epizentrum eines möglichen Krieges zwischen Ost und West. Tito galt als Speerspitze sowjetischer West-Expansion Ursprünglich genossen die kommunistischen Partisanen Titos bei den Amerikanern hohes Ansehen. Vor allem Präsident Franklin Delano Roosevelt, der bereits Stalin als „Onkel Joe“ bezeichnete, hatte eine geradezu naiv-romantische Schwäche für Tito und seine wilden Krieger aus dem Walde. Nach Roosevelts plötzlichem Tod im April 1945 trat allerdings der bis dahin weitgehend unbekannte und – was Außenpolitik betrifft – völlig unvorbereitete Vizepräsident Harry S. Truman an die Spitze der USA. Truman aber besaß in all seiner Schlichtheit politischen Instinkt. Er sah im Sowjetkommunismus eine Bedrohung des Westens und der USA – und Marschall Tito war für ihn kein romantischer Freiheitskämpfer, sondern ein gefährlicher kommunistischer Agent. Ein Mitglied des amerikanischen Geheimdienstes OSS (Office of Strategic Services) versetzte dem „Honigmond“ zwischen Amerikanern und Partisanen erstmals einen Dämpfer, indem er nach zehnmonatigem Aufenthalt bei den Partisanen berichtete, daß diese italienische Soldaten und Offiziere, die vor ihnen kapituliert hatten, einfach „liquidierten“. Das „Recht zu töten“, so der Amerikaner bestand nicht nur im Falle der kroatischen Ustascha (die auf deutscher Seite kämpften), sondern gegenüber allen, die unter faschistischer Herrschaft gelebt hatten. Der Marschall (Tito) fordere „blinden Gehorsam“ und betrachte nur die Russen als seine wahren Verbündeten – nicht die Westmächte. Außerdem bereite er „gemeinsam mit der UdSSR Operationen gegen Italien vor“. Tito galt damals – mehrere Jahre vor seinem Bruch mit Stalin – als Speerspitze der sowjetischen West-Expansion. Schon bei den ersten Kontakten zwischen Westalliierten und Tito-Partisanen war es im Raum Triest zu Zusammenstößen zwischen den Kriegsverbündeten gekommen. In Görz (Gorizia) verhafteten die Tito-Partisanen mehrere US-Soldaten wegen Mißachtung des Ausgehverbots und errichteten gegenüber den Amerikanern Straßensperren. Als die se in einem Saal eine Filmvorführung für ihre Truppen veranstalten wollten, requirierten die Partisanen das Lokal – um dort einen Tanzabend abzuhalten. Überdies erwähnte ein italienischer Regierungsbericht „unbeschreibliche Greueltaten der Titoisten in Triest“, wo sich die Partisanen anderthalb Monate lang festsetzen konnten, bis sie sich auf westalliierten Druck zurückziehen mußten. Auf Proskriptionslisten der jugoslawischen Kommunisten fanden sich die Namen Tausender von Bürgern. Viele von ihnen wurden verhaftet. Nicht selten endete das mit Massenerschießungen in den Karsthöhlen rings um die Stadt – den sogenannten „foibe“, in welche auch die Leichen deutscher Kriegsgefangener geworfen wurden. Die Amerikaner machten diesem Treiben ein Ende. Die Lage rund um Triest blieb aber noch mehrere Jahre hochgradig gespannt. Im November 1945 berichtete der Chef der US-„Secret intelligence“ in Italien, Vincent Scamporino, nach Washington alarmierende Vorkommnisse: „Die Titoisten haben Hunderte von Italienern massakriert und sie nackt und gefesselt in die Karsthöhlen geworfen – nur weil sie Italiener waren.“ Julisch-Venetien sollte jugoslawisch werden Dem US-Geheimdienst OSS blieben die Karsthöhlen (foibe) und was in ihnen geschah, nicht verborgen. Auch erfuhren die US-Stellen von den Blutbädern, welche die jugoslawischen Partisanen unter den italienischen Soldaten, aber auch Zivilisten, veranstalteten. Man bemerkte, daß Tito Julisch-Venetien (Venezia Giulia), das Gebiet nordöstlich Venedigs bis zur österreichischen und heute slowenischen Grenze, in Besitz nehmen wollte. „Triest ist unser!“ und „Unser Leben geben wir her, nicht aber Triest“, lauteten die trotzigen Sprechchöre der Tito-Truppen. Es half nichts: die Amerikaner hatten keinerlei Interesse daran, daß sich Tito (und mit ihm damals Moskau) an der Eingangspforte der norditalienischen Ebene festsetzte. Australische und neuseeländische Truppen stellten sich den Partisanen entgegen und zwangen sie zum Rückzug. Im Juli 1946 – etwas mehr als ein Jahr nach Kriegsende – war die „Liebesaffäre“ zwischen Amerika und den Tito-Partisanen schlagartig zu Ende. In einem Geheimdienstbericht für Präsident Truman war von schweren Verbrechen gegen die Menschlichkeit und von Kriegsverbrechen die Rede, welche die Tito-Truppen in Istrien und Julisch-Venetien verübten (jenem Teil, den die Jugoslawen erobern konnten). Truman war von der Idee geradezu besessen, Stalin – und dessen damalige Speerspitze Tito – „einzudämmen“. „Triest wurde dank der Reue gerettet, welche die Amerikaner über ihr verfehltes Bündnis (mit den Sowjets) empfanden“, schrieb viele Jahrzehnte später der Corriere della Sera. Unter den kommunistischen Funktionären, die damals um Triest aktiv waren, fiel dem OSS János Kádár auf, der spätere KP-Chef Ungarns, der 1956 durch „internationalistische“ und brüderliche Sowjethilfe in Budapest an die Macht gelangte. Interessant ist, daß der Chef der italienischen Kommunisten sich mit einem Mal von Tito und dessen Triest-Ambitionen zu lösen begann. Der OSS-Geheimagent James Angleton überschüttete Washington mit Berichten über motorisierte und gepanzerte Truppenbewegungen auf der jugoslawischen Seite der Grenze. Es handelte sich nicht nur um Jugoslawen, sondern auch um ukrainische und sowjetrussische Verbände. Der zwischen Stalin und Tito in Moskau geschlossene Pakt verstärkte die Furcht, die beiden hätten es auf die Beherrschung des Mittelmeers abgesehen. Aber dazu kam es nicht: Der Abwurf der US-Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im Sommer 1945 hatte das strategische Gleichgewicht geändert. Stalin begriff das sofort – Tito aber nicht: Er wollte im aggressiven Sinne weitermachen. Das ist paradoxerweise der Grund für das Zerwürfnis: Tito war in Stalins Augen zu „wild“, zu militant antiwestlich. Es gehört zu den Paradoxien der Weltgeschichte, daß ausgerechnet dieser Tito wenige Jahre darauf zum Vorkämpfer der Unabhängigkeit von Moskau wurde. Fast Auslöser eines Dritten Weltkrieges Jetzt, da die Washingtoner Archive sich nach fünf Jahrzehnten zu öffnen beginnen, tritt der brutale, mörderische Tito plötzlich wieder ans Tageslicht, der lange Zeit zugunsten eines angeblich „liberalen“, beinahe westlichen Tito verdrängt war. Während Titos ersten Herrschaftsjahren gab es blutige Verfolgungen von Dissidenten. Es gab Konzentrations- und sogar Vernichtungslager – parallel zu Solschenizyns „Archipel Gulag“ war das der nordadriatische „Kvarner-Archipel“. Heute ist fast vergessen, daß Triest beinahe zum Anlaß eines Dritten Weltkrieges geworden wäre. Die Freigabe der US-Akten ruft die beklemmenden Erinnerungen an jene dramatischen Tage wieder hervor. Entscheidend aber war für die Kehrtwendung der amerikanischen Politik gegenüber Stalin und Tito in der Triest-Frage ein anderer Aspekt: Wie aus den nun freigegebenen US-Geheimakten hervorgeht, gab es für Washington ein ganz klares Ziel: eine Teilung Italiens nach dem Muster Deutschlands nicht zuzulassen. Die Integrität des italienischen Territoriums mußte gewahrt werden. Das wirkte sich nicht nur in der Abwehr jugoslawisch-kommunistischer Ansprüche aus, sondern auch in der Südtirol-Frage. Eine Abtretung auch nur von Teilen Südtirols an Österreich kam nicht in Frage. Auch französische Ansprüche auf das Aosta-Tal wiesen die Amerikaner zurück. Truman sah in Italien und im Vatikan zwei wichtige Bundesgenossen und antikommunistische Bastionen. Um diese zu stärken, mußte man Tito Triest wieder entreißen. Außerdem hielt der damalige US-Präsident viel von den italienischen Nachrichtendiensten und ihren Verbindungen zum Balkan, die den Amerikanern halfen, bis tief in den Balkan vorzudringen. Foto: Marschall Tito (M.) auf sowjetischen Schwarzmeer-Kriegsschiff „Frounze“ 1956: Frühere Speerspitze

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