Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Doppelkarriere-Paare und blühende Promotionskulturen

Obwohl die Zahl der Antragsbewilligungen im letzten Jahr leicht zurückgegangen ist, scheint die Krise der öffentlichen Haushalte den Etat der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) noch nicht in Mitleidenschaft gezogen zu haben. 1,3 Millarden Euro spendeten Bund und Länder 2003 der DFG, immerhin noch 30 Millionen mehr als 2002. Man möchte meinen: das ist auch gut so, wenn man sich daran erinnert, daß auch in der Weltwirtschaftskrise die ausgeblutete Weimarer Republik noch dreimal so viel Geld in die Forschungsförderung steckte wie der Kriegsgewinner Großbritannien. Insgesamt ist der jüngsten Bilanz der DFG, dem Jahresbericht 2003 (im Netz unter www.dfg.de/jahresbericht ), nicht anzumerken, daß sich die Bedingungen am Wissenschaftsstandort in irgendeiner Form verschlechtert haben. Vor allem in Sachen Nachwuchsförderung zeichnet der Bericht ein nahezu rosiges Bild. Zu der optimistischen Zukunftsperspektive trägt bei, daß die DFG eine Reihe von „strategischen Initiativen“ ergriffen hat, um die Nachwuchsfrage langfristig in den Griff zu bekommen. Dazu zählt eine „Förderinitiative Geisteswissenschaften“, die die Jungforscher frühzeitig „international einbetten“ soll. Die erwartete „Nachhaltigkeit“ der Betreuung hat für die Betreuten aber auch einen eher unangenehmen Nebeneffekt: Was als „produktive Kritik“ und „aktive Mitgestaltung“ firmiert, läuft auf stärkere Kontrolldichte hinaus. Die Kriterien, um Forschungsleistung zu bewerten, sollen verfeinert, sprich verschärft werden. Publikationsleistungen sollen nicht per se als Empfehlung bei der Mittelvergabe zählen. Gefordert wird eine „differenzierte Bewertung“: „Bei der Gewichtung der Publikationsleistung muß stärker als bisher zwischen referierten Publikationsorganen, Monographien in von anerkannten Herausgebern getragenen Schriftenreihen und Publikationen im Selbstverlag und in eigenen Buchreihen von Arbeitsgruppen unterschieden werden.“ Das Zauberwort „Qualitätssicherung“ beginnt hier offenbar die US-Devise „publish or perish“ abzulösen. Erste journalistisch aufbereitete Kenntnisse der aktuell geförderten geisteswissenschaftlichen Forschung vermittelt das von Jutta Rateike edierte Bändchen „Einblicke – Geistes- und Sozialwissenschaften in der DFG“ (Bonn 2003, 21,40 Euro). Die Verbindungen zur USA haben nach wie vor Vorrang Einen gewissen Kontroll- und Verschulungseffekt dürfte auch eine andere Qualifizierungsoffensive der DFG zeitigen: das Programm „Strukturiert Promovieren“. Die Promotionsförderung soll zukünftig vornehmlich in „Zentren für Doktorandenqualifizierung“ stattfinden, in der Hoffnung, daß, immer hübsch föderalistisch, übers Land verteilt unterschiedliche „Promotionskulturen“ erblühen mögen. Diese Zentren entstehen neben den Graduiertenkollegs, in denen Promotionskohorten sich im Rahmen eines festen Forschungsprogramms auf die akademische Laufbahn vorbereiten sollen. Damit die Ehe den wissenschaftlichen Nachwuchs nicht beim Karrieremachen behindert, hat die DFG das leicht skurril anmutende Thema „Doppelkarriere-Paare in der Wissenschaft“ auf die „wissenschaftspolitische Agenda“ gesetzt. Praxisrelevant scheint es jedenfalls zu sein: Immerhin wären drei Viertel der im Ausland tätigen Wissenschaftler nach Erkenntnissen des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft rückkehrwillig, wenn man auch dem Partner, der Partnerin eine „angemessene Karriereaussicht“ böte. Auch bei der direkten Nachwuchsförderung hat die DFG seit 2001 neue Formen kreiert. Seit drei Jahren bietet sie qualifizierten, noch nicht habilitierten Nachwuchskräften die Möglichkeit, im Rahmen eines Projektantrags eine eigene Stelle, dotiert nach BAT IIa, einzuwerben. Damit werde ihnen eine attraktive Alternative zum konventionellen Forschungsstipendium im Inland geboten. Während der maximalen dreijährigen Laufzeit können die Wissenschaftler an einer Hochschule ihrer Wahl ihr Projekt bearbeiten und ihre Habilitation vorantreiben. Davon Gebrauch machen dürfen auch Ausländer. 2003 wurden allerdings nur 127 solcher „eigenen Stellen“ bewilligt. Davon entfielen auf Naturwissenschaftler, Ingenieure und Mediziner allein fast siebzig Prozent. Mit Nachdruck betreibt die DFG die internationale Vernetzung der Jungforscher. Exemplarisch sind dabei die Verbindungen in die USA. Fast die Hälfte der DFG-geförderten Kongreß- und Vortragsreisen geht in die Vereinigten Staaten. Unverkennbar ist jedoch ein Ausbau der Beziehungen nach Ostasien, speziell nach China, wo ein bilaterales Wissenschaftszentrum in Peking Kooperation und Austausch fördert.

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