Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Bromberger Ouvertüre

Wer dieser Tage den Weg in die Universitätsstadt Mannheim sucht, der wird am Ortseingang darauf hingewiesen, unter den Partnerstädten der Stadt befinde sich neben „Klaipeda“ in Litauen auch ein gewisses „Bydgoszcz“, gelegen in Polen. Weitere Informationen, so er sie denn will, sucht der Besucher vergebens. Wer nicht weiß, daß es sich um Städte mit deutscher Vergangenheit, um Memel und Bromberg handelt, wird es nicht erfahren. Hier zeigt sich die eigentümliche bundesdeutsche Geschichtsentsorgung in ihrer alltäglichen Praxis und vollendet lautlos ein Kapitel, das vor gut siebzig Jahren mit diplomatischen Paukenschlägen begonnen hat und wenige Jahre später einen ersten blutigen Höhepunkt fand. Alliierte billigten Aufhebung des Minderheitenschutzes Das Jahr 1935 brachte viele Veränderungen der internationalen Szene. Zu den wichtigsten zählte das deutsch-britische Flottenabkommen, mit dessen Unterzeichnung die Londoner Regierung den Versailler Vertrag eigenhändig für obsolet erklärte. Nicht weniger wichtig war jedoch, daß die Sowjetunion in diesem Jahr von den Westmächten als potentieller Verbündeter neu entdeckt worden war und demonstrativ in den Völkerbund aufgenommen werden sollte. Ohne polnische Zustimmung ging das nicht, und damit schlugen die Wellen der Großmachtpolitik in hohem Bogen in die westpreußische Provinz zurück. Denn die Warschauer Regierung verlangte und bekam als Belohnung für ihre Zustimmung zu dieser Aufnahme der UdSSR von den Westmächten die Aufhebung sämtlicher Minderheitenschutzbestimmungen zugesagt, denen die Republik Polen nach 1919 völkerrechtlich unterworfen worden war. Was bisher noch gebremst vonstatten ging, konnte nun beschleunigt werden. Nach den Vorstellungen des autoritären polnischen Regimes sollte Polen seiner ukrainischen, weißrussischen, deutschen und jüdischen Minderheiten entledigt und völlig polonisiert werden. Das traf jetzt mit neuem Schwung die dort lebenden Deutschen, die längst auf die schützende Hand der eigenen Regierung verzichten mußten und nun keine internationalen Verträge mehr zu ihrem Schutz hatten. Unter der klaren Prämisse, jeden Konflikt mit Polen zu vermeiden, das als Verbündeter gewonnen oder wenigstens neutral gehalten werden sollte, blieben nationalsozialistische Proteste gegen die Behandlung der eigenen Landsleute praktisch aus. Daran änderte es nichts, wenn diplomatische Beobachter notierten, in Polen wolle man im Schutz des deutsch-polnischen Nichtangriffspakts von 1934 nur um so ungestörter die Liquidierung der deutschen Minderheit durchführen. Auch in der deutschen Presse blieb es trotz solcher Analysen still, hatte doch Hitler persönlich die Anweisung ausgegeben, nichts Abträgliches über Polen zu bringen. Mehrere Jahre dauerte es daher, bis Ende 1937 ein bilaterales Minderheitenschutzabkommen zwischen Deutschland und Polen geschlossen wurde, das allerdings rechtlich eher weich abgefaßt blieb und die Situation vor Ort kaum besserte. Die Stimmung zwischen beiden Staaten blieb unverändert. Hitler unterschrieb und meinte noch am gleichen Tag, man müsse jederzeit mit einem polnischen Angriff rechnen, sobald Warschau eine Erfolgschance sähe. Die Deutschen verharrten in Loyalität oder flohen Unter diesen Umständen kalkulierte die polnische Regierung darauf, daß die deutsche Minderheit entweder zur Selbsthilfe greifen und sich effektiv organisieren würde oder daß der deutsche Staat per Geheimdienstoperation nachholen könnte, was er öffentlich und politisch versäumte. Polnische Aktivitäten solcher Art hatte es vor der eigenen Staatsgründung gegeben, und sie bekämpften die vor 1918 bestehende staatliche Ordnung zäh und listenreich. Da dank der geänderten Situation in Warschau inzwischen jedoch ähnlich wie in Prag der Wert der staatsbürgerlichen Loyalität entdeckt worden war, war man dort keineswegs bereit, den neugeschaffenen Minderheiten solche Möglichkeiten einzuräumen, wie man sie für sich selbst gern in Anspruch genommen hatte. Allein, die organisierte Gegenbewegung der deutschen Minderheit in Polen blieb ohnehin fast vollständig aus. Sie verharrte in Loyalität und hielt sich an die Gesetze des polnischen Staates. Das führte aber keineswegs zu einer Beruhigung der Situation, sondern hinterließ eher den Eindruck einer besonders perfiden deutschen Taktik, die nach polnischer Ansicht vielleicht doch von Berlin aus gesteuert sei. Es begann sich mit der Zuspitzung des deutsch-polnischen Konflikts antideutsche Hysterie vor angeblichen „Diversanten“ auszubreiten, die sich nicht mehr nur gegen die Deutschen in der Grenzregion richtete, sondern ganz Polen erfaßte und auch die deutschen Bevölkerungsinseln traf, die weit östlich in den früher russischen Landesteilen lebten und für die eine Angliederung an Deutschland noch nie zur Debatte gestanden hatte. Von der polnischen Regierung wurde diese Hysterie 1939 ebenso tatkräftig gefördert, wie sie jetzt endgültig radikalen Elementen freien Lauf ließ, die schon immer die Elbe als angemessene polnische Westgrenze angesehen hatten. Auch wurden bereits Vorbereitungen getroffen, Teile der deutschen Minderheit in Konzentrationslager zu deportieren. Umfangreiche Listen existierten, um alle als gefährlich angesehenen Deutschen zu inhaftieren. Insgesamt wurden fast 13.000 Deutsche ermordet Unter diesen Umständen ereigneten sich in ganz Polen sowohl organisierte wie spontane Ausschreitungen gegen Deutsche, die zusammen fast dreizehntausend Todesopfer forderten. „Bromberg“ war überall. Dennoch wurde der „Bromberger Blutsonntag“ zum Symbol, da die Zahl der Opfer in und um die Stadt mit etwa tausend besonders hoch war, die Verbrechen bereits Anfang September 1939 in vollem Umfang entdeckt und propagandistisch verwertet wurden. Die Rechtfertigung der polnischen Seite entsprach zunächst dem üblichen, unbelegten Klischee, dort sei ein deutscher Aufstand niedergeschlagen worden. Zu kommunistischer Zeit wurde auch dies unterdrückt, und es war in polnischen Geschichtsbüchern im Fall Bromberg nur von polnischen Opfern deutschen Terrors die Rede. Dies scheint sich in den letzten Jahren zu ändern und einer gewissen neuen Offenheit der polnischen Öffentlichkeit gegenüber der eigenen Vergangenheit zu weichen. Noch vor wenig mehr als achtzig Jahren hieß Bydgoszcz schlicht Bromberg und war eine deutsche Stadt, deren Ausländeranteil nicht höher war als der von Mannheim heutzutage. Den Stadtvätern einer deutschen Universitätsstadt wird auch dies einmal bewußt werden. Foto: Brombergerin betrauert ihren ermordeten Ehemann: Zuspitzung einer antideutsche Hysterie

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