Ambivalenz der Moderne leichtgemacht

Vom 14. bis 17. September 2004 fand der 45. Deutschen Historikertag in Kiel statt. Auf dieser Tagung wurden weit gespannte Themenkreise behandelt. Sie reichten von der religiösen Kommunikation im Imperium Romanum, den Medien der Kommunikation zwischen Mittelmeer und Indischem Ozean in der Antike, der Globalisierung und Konfessionalisierung in der hansischen Geschichte bis zur Bedeutung des Nato-Doppelbeschlusses in Ost und West. Einen besonderen Schwerpunkt bildete im Themenfeld Wissenschaft, Politik und Krieg die Rolle der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG) von 1933 bis 1945. Ein Thema, das ein guter Indikator dafür sein könnte, inwieweit mit dem Abstand von sechzig Jahren jetzt eine ausgewogene Wertung stattfinden kann. Internationale Vergleiche wurden oftmals unterlassen In insgesamt fünf Beiträgen, vorgetragen von Referenten aus Berlin, Wien und Bielefeld, wurde akribisch und detailreich zur Thematik der Expansion und Konzentration der Forschung im „Dritten Reich“, zur Verflechtung von Wissenschaft und Macht, von Rüstungsforschung und Militärtechnik, zu Rassenforschung und zur Entgrenzung der Biowissenschaften und ihre Indienstnahme durch die Politik im Rahmen der KWG referiert. Und schließlich wurde die „Vergangenheitspolitik“, gemeint war die Vergangenheitsbewältigung, der neugegründeten Max-Planck-Gesellschaft beleuchtet. Hier wurde eine Fülle von belastenden Details, sauber recherchiert, unter dem Gesichtspunkt des Völkerrechts, von Ethik und Moral wertend vorgetragen. Ausführlich wurde über die besondere Nähe der KWG zur Politik, zu Rüstungsindustrie und Wehrtechnik und ihre Bedeutung für die Kriegsfähigkeit des Reiches im Ersten und Zweiten Weltkrieg berichtet, über die diesbezügliche Bedeutung der Namen Fritz Haber und Carl Bosch für das rohstoffarme Reich im Krieg, ihre Rolle bei der Entwicklung und der Anwendung von Giftgasen und die „Zusammenarbeit“ mit den Konzentrationslagern bei Versuchen am lebenden menschlichen Objekt. Auch die Indienstnahme der Lilienthal-Gesellschaft für die Zielsetzungen der Rüstungsindustrie wurde kritisch erwähnt. Im letzten Vortrag wurde dann die Situation 1945 behandelt, als nach der bedingungslosen Kapitulation die Alliierten – besonders die USA – die Auflösung der KWG wegen ihrer „gefährlichen“ Bedeutung für die Wehrfähigkeit Deutschlands in den beiden Weltkriegen befahlen. Sehr kritisch wurde dabei die Rolle Otto Hahns bewertet, insbesondere sein Protest gegen die Auflösung der KWG. Angesichts der von Siegerseite aufgemachten „verbrecherischen Schuldbilanz“ dieser Gesellschaft wurde ihm „mangelndes Schuldbewußtsein“ angelastet. Nach Auflösung der KWG kam es zu einer Neugründung der Gesellschaft unter einem weniger „belasteten“ Namen – es entstand die Max-Planck-Gesellschaft. So weit die objektiv unzweifelhaften Fakten. Bei solchen Erkenntnissen wäre in bezug auf Lernprozesse und Meinungsbildung unbedingt ein internationaler Vergleich solch schuldhafter Verstrickungen notwendig. Hier war aber schon allein durch die Themenwahl eine Fokussierung auf die Geschichte der KWG vorausgegangen, wodurch sich eine selektive Darstellung der von den Alliierten festgelegten „völkerrechtlichen Verfehlungen“ der KWG zwangsläufig ergab. Ein internationaler Vergleich wurde lediglich im ersten Beitrag erbracht. Er resultierte in der Feststellung, daß es zwar in allen kriegführenden Ländern in der Zeitspanne von 1933 bis 1945 Indienstnahmen der Wissenschaft durch Politik und Wehrtechnik bei der Verwirklichung ihrer Kriegsziele gab, aber in keinem Land gesellschaftlich so unangefochten und unkontrolliert von Recht und Moral wie im Dritten Reich. An dieser Stelle und mehr noch bei den folgenden vier Beiträgen, die – der Einengung des Themas entsprechend – sich ohne internationalen Vergleich auf die Rolle der KWG beschränkten und sehr detailliert und wertend deren Schuldlast herausstellten, meldete sich Skepsis. Und das insbesondere, wenn man die weiteren geschichtlichen Abläufe weltweit bis zum heutigen Tage unter dem Aspekt des Völkerrechts bedenkt. Dabei wurde ebendieser so belastete Otto Hahn prompt von 1946 bis 1960 Präsident der neuen Max-Planck-Gesellschaft – in einer Zeit, in der in Deutschland anfangs wenig ohne das Placet der Besatzungsmächte geschehen konnte. Und das Preiskomitee des neutralen Landes Schweden hatte ihm noch 1945 ( für das Jahr 1944 ) den Nobelpreis für Chemie zuerkannt. Da die „verbrecherischen Verstrickungen“ zwischen Wissenschaft und Politik ausdrücklich Thema der Vorlesung waren, drängte sich die Erinnerung an die Umstände auf, unter denen seit 1939 in den USA an der Entwicklung der Atombombe gearbeitet wurde. Da gab es das von Roosevelt gegründete Advisory Committee of Uranium, später das National Defense Research Committee, dem neben Kriegsminister Henry Lewis Stimson auch der Präsident von Harvard, James B. Conant, angehörte. Unter der wissenschaftlichen Gesamtleitung von J. R. Oppenheimer von der Universität of California in Berkeley entstand mit einer Gesamtinvestition von zwei Milliarden US-Dollar die Atombombe, die schließlich in Hiroshima und Nagasaki mit den allgemein bekannten Folgen eingesetzt wurde. Man denke an den großflächigen Einsatz von chemischen Entlaubungsmitteln in Vietnam mit den auf Generationen verseuchten Böden und unzähligen Menschenopfern. Ist es vorstellbar, daß solche Produkte wissenschaftlicher Forschung ohne minutiöse Zusammenarbeit, ohne Finanzierung und Organisation durch die Politik möglich sind? Ist es denkbar, daß unsere einzig verbliebene Weltmacht ihre uneinholbare waffentechnische Überlegenheit ohne die wie selbstverständlich funktionierende Kooperation zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft erreicht hat? Es würde wieder einen „deutschen Sonderweg“ bedeuten, aus diesem weltweit gültigen Sachverhalt eine unvergleichliche Schuldzuweisung und Selbstbezichtigung abzuleiten! Wohlgemerkt: Es mag für die Weltgemeinschaft um des Überlebens willen wichtig sein, solche Allianzen anzuprangern, sie aufzudecken und moralisch zu ächten. Eine Orientierungshilfe in seiner Zeit und für die Bewältigung der Zukunft ist ein solches Streben für den suchenden Zeitgenossen aber erst, wenn er alles unverstellt wahrnimmt, was in dieser Hinsicht geschieht. Beispiele aus unseren Tagen sind der Einsatz von abgereichertem Uran im Kosovo und im Irak mit Zehntausenden von verstrahlten Opfern, mit Leukämie-Erkrankungen, Tumoren und den auf Generationen verstrahlten Böden mit entsprechenden Folgeschäden. Weniger spektakulär, doch in ihrer menschenverachtenden Praxis nicht weniger folgenschwer sind die globalen Aktivitäten großer Chemiekonzerne wie Monsanto und IRRI (International Rice Research Institute), die ihren Vorsprung in der Gentechnologie in Form von genmanipuliertem Saatgut weltweit als Herrschaftsinstrument und Einflußnahme einsetzen. Dieses Saatgut ist dank eines Terminator-Gens in nur einer Fruchtfolge keimfähig. Überdies ist sein Anbau nur unter Anwendung entsprechender Insektizide und Herbizide sinnvoll, die aber monopolisiert allein von derselben Firma vertrieben werden. Auch in der stalinistischen Einflußsphäre gab es entsprechende verbrecherische Allianzen, die in ihren Auswirkungen auf die Menschen ihre erschütternde Anwendung in dem großangelegten Menschenversuch und der radioaktiven Verstrahlung der Bevölkerung von Semipalatinsk fanden. Nur eine globale Gesamtsicht wäre objektiv genug Erst eine solche globale Gesamtsicht unter den genannten Kriterien von Verstrickung und Schuld wäre für eine Meinungsbildung geeignet. Denn in diesen Beispielen findet man die so oft beklagte Ambivalenz unserer Moderne zwischen Wissenschaftlichkeit und Aufklärung einerseits und Barbarei andererseits – und das weltweit. Zudem bekommt die wissenschaftliche Recherche erst ihren Rang und ihr Gewicht mit der notwendigen Bodenhaftung und durch einen internationalen Vergleich unter denselben Kriterien und mit demselben Anspruch hinsichtlich Völkerrecht und Moral. In der Debatte erinnert man sich an Fritz Stern, wenn er sagt, daß das erste Opfer eines Krieges immer die Wahrheit sei. Da gibt es die Wahrheit des Siegers und die des Besiegten, und der Sieger hat natürlich die Möglichkeit, seine Wahrheiten auf Dauer zu etablieren. Dabei kann Wahrheit immer nur eine Annäherung an einen Sachverhalt bedeuten. Diejenigen, die sich dabei annähern müssen, kommen immer aus verschiedenen Lagern, haben konträre Prägungen erfahren, unterschiedliche Ideologisierungen „erlitten“. Sie unterliegen den Erkenntnishorizonten ihrer Zeit mit all den Eintrübungen der Wahrnehmung, den physiologisch vorgegebenen und den indoktrinär gewollten, so in Demokratien wie in Diktaturen. Das beste Kriterium für eine gelungene Aufarbeitung der Zeitgeschichte wäre daher, wenn sich die Geschichtsbilder von Siegern und Besiegten mit zunehmendem Abstand zum Geschehen aneinander angleichen würden. Und wenn die gemeinsam gefundenen Wertungen Anstoß für Lernprozesse auf allen Seiten sein könnten. Dr. Horst A. Hoffmann ist Kinderarzt und Psychotherapeut in Kiel. Bild: Tagungsort Christian-Albrecht-Universität in Kiel: Inwieweit sind und waren Lehre und Politik verflochten?

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