Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Vor dem Panzer retteten mich die Domstufen

Im Zusammenhang mit den Betrachtungen zum 17. Juni 1953 wird gerne an das Diktum Lenins erinnert, nach dem die Deutschen auf einem Bahnhof erst dann eine Revolution beginnen würden, wenn sie zuvor eine Bahnsteigkarte gelöst hätten. An zahlreichen Beispielen für diese Feststellung fehlt es ja auch nicht. Die Meinungen sind geteilt, ob auch der 17. Juni 1953 zur Bestätigung dieses Urteils beigetragen habe. Die Meinungsverschiedenheiten erklären sich nicht nur, wie so oft in der Einschätzung politischer Ereignisse, aus dem persönlichen Erfahrungshorizont des Betrachters, sondern aus der diffusen Stimmung, die in der DDR als Reaktion auf die Verkündung des sogenannten „Neuen Kurses“ am 9. Juni 1953 durch die Regierung ausgelöst worden war. Zahlreiche Repressalien gegen die Bauern und den Mittelstand, gegen die Kirchen und einzelne Christen, die mit dem erklärten ideologischen Ziel der „Verschärfung des Klassenkampfes zum beschleunigten Aufbau des Sozialismus“ im Jahre 1952 praktiziert worden waren, wurden (teilweise schlagartig) zurückgenommen. Weithin wurde dieser „Kurswechsel“ als eine durch die wirtschaftlichen und sozialen Mißstände in der DDR bedingte taktische Maßnahme, als eine „Atempause“ auf dem unbeirrt eingehaltenen Weg zum Ziel des Aufbaus einer sozialistischen Gesellschaft verstanden; allerdings verbreitete sich auch die Hoffnung, daß es sich beim „Neuen Kurs“ tatsächlich um eine Abkehr von den stalinistischen Zielen und Methoden handele, für die es in der nach Stalins Tod im März 1953 verfolgten Politik der Sowjetunion deutliche Anzeichen gab. So mischten sich Hoffnung und Skepsis, Realitätsbewußtsein und Illusionismus, Optimismus und Pessimismus, Zuversicht und Mißtrauen, dazu selbstverständlich Sorge und Angst vor möglichen Repressalien nach einer vorübergehenden „Ruhepause“. Der „Neue Kurs“ war mit vielen Repressalien verbunden Diese Umbruchstimmung war in allen Bereichen der Gesellschaft zu spüren, teils in einer eher positiven, teils in einer eher negativen Akzentuierung. Ich habe sie in einer zunächst deutlich positiven Akzentuierung erfahren, und zwar in meinem Heimatort in der Altmark, wo mein Vater Pfarrer war und wo ich mich am Wochenende vor dem 17. Juni aufhielt. Auf den Dörfern herrschte Anfang der fünfziger Jahre eine bewußt erzeugte Atmosphäre des Klassenkampfes zwischen sogenannten Alt- und Neubauern mit dem Ziel der Enteignung beziehungsweise Kollektivierung aller Bauern. Eine besondere Rolle spielte dabei das „Abgabesoll“, das – ähnlich wie die Arbeitsnormen in der Industrie – vielfach nicht zu erfüllen war und dann schwere Repressalien nach sich zog. In diesem Kampf der „sozialistischen Umgestaltung des Dorfes“ war die Kirche unmittelbar betroffen, weil die Pfarrer in der Regel dazu kritisch Stellung nahmen und dabei in teilweise heftige Auseinandersetzungen mit der Partei gerieten. Im übrigen wurden diese Konflikte nicht nur mit den Pfarrern ausgetragen, sondern auf dem Rücken christlicher Gemeindeglieder und vor allem Jugendlicher, die Mitglieder der Jungen Gemeinde waren. Es ist verständlich, daß auch in diesem beachtlichen Teil unseres Volkes zunächst ein Gefühl der Erleichterung vorherrschte, auch wenn es objektiv nur die spürbare Lockerung des Würgegriffes war, den man täglich zu ertragen hatte. Dieser allgemeine Eindruck bestätigte sich einen Tag später bei meiner Rückkehr nach Berlin, wo ich zu dieser Zeit im zweiten Semester Theologie an der Humboldt-Universität studierte. Allerdings herrschte auch hier eine sehr unklare Vorstellung unter uns Studenten vor, ob mit dem „Neuen Kurs“ tatsächlich eine spürbare Änderung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR eingeleitet worden sei – oder ob es sich lediglich um eine weitere Variante des Leninschen Prinzips „Zwei Schritte vorwärts, ein Schritt zurück“ handele. Für uns Studenten drohte bei Teilnahme die Exmatrikulation Die Antwort auf diese Frage ist uns am 16. Juni mittags sehr schnell und überzeugend nicht in, aber während eines Hebräisch-Kurses erteilt worden. Von der am Berliner Dom vorbeiführenden Karl-Liebknecht-Straße drangen in des Wortes doppelter Bedeutung unmißverständliche Parolen demonstrierender Bauarbeiter in unseren Hörsaal, der sich in einem Seitenflügel des Domes befand. Wir drängten uns an die Fenster und waren spontan bereit, einer Parole Folge zu leisten. Sie lautete: „Berliner reiht euch ein, wir wollen keine Sklaven sein!“ Bei aller erkennbaren Sympathie des Dozenten bestand er darauf, daß die Lehrveranstaltung ordnungsgemäß zu Ende geführt wurde, und mahnte uns zu verantwortungsbewußtem Verhalten. Die Mehrheit der zirka 25 Studenten folgte nach Ende der Lehrveranstaltung dem Demonstrationszug und holte ihn nach etwa 500 Metern an der im Wiederaufbau befindlichen Staatsoper ein. Es gab zunächst eine längere Diskussion mit den dortigen Bauarbeitern und den Studenten, die sich vor dem Hauptgebäude der Universität gegenüber versammelt hatten. Aus ihren Reihen kam die Parole, daß wir uns nicht einreihen, sondern auf dem Bürgersteig bleiben sollten, um nicht den Eindruck einer Teilnahme an diesem Demonstrationszug zu erwecken. Einige Dutzend FDJ-ler, die sich – teilweise noch im Blauhemd – unter die Demonstranten und die „Zuschauer“ mischten, sorgten nicht nur für eine zunehmend aggressive Stimmung, sondern für einige Zeit auch für die Beachtung dieser Mahnung. Jedermann wußte, wie schnell Festnahmen mit anschließenden Repressalien in der DDR vorgenommen wurden, für Studenten bedeutete dies die Exmatrikulation. „Es hat ja keinen Zweck, der Spitzbart muß jetzt weg!“ Diese Bedenken schwanden aber relativ schnell. Nach kurzer Zeit war die Distanz zwischen den Bauarbeitern auf der Fahrbahn und den Studenten oder anderen Passanten auf dem Bürgersteig aufgehoben und eine Solidarisierung vollzogen, was zu einer sichtbaren Verunsicherung der Polizei, der FDJ-ler und der Passanten „mit dem Bonbon am Revers“ (dem SED-Abzeichen) führte. Sie wuchs, nachdem es den Demonstranten nach weiteren zwei Stunden und einem kurzen Handgemenge mit der Polizei gelungen war, einen Kleinbus mit aufgebauten Lautsprechern in ihre Gewalt zu bringen. Nach einigen Versuchen waren die Lautsprecher funktionsfähig und wurden von einem Theologiestudenten höheren Semesters, den ich nur vom Sehen kannte, auf dem Dach des Autos stehend bedient. Dank dieses Lautsprecherwagens war es möglich, dem inzwischen erheblich angewachsenen Demonstrationszug wichtige Informationen zu vermitteln. Bislang bewegte man sich weithin ziellos durch die Straßen. Von Mund zu Mund, teilweise auf hastig hergestellten Plakaten wurden immer wieder neue Parolen und andere Zielpunkte genannt – möglicherweise sogar von der SED und FDJ organisiert, um Verwirrung zu stiften. Jedenfalls war für unseren Demonstrationszug ganz spontan ein „Informationszentrum“ entstanden, das für den weiteren Verlauf der Demonstration am 16. Juni und für die Vorbereitung der Aktionen am 17. Juni eine erhebliche Bedeutung hatte. Dazu gehörten nicht nur organisatorische Hinweise, sondern auch die Nachrichten über die Entwicklung der Streikbewegung insgesamt. Die Erfahrungen der Demonstration am 16. Juni widerlegten die Behauptung der SED- und der FDJ-Agitatoren, daß sie vom „Westen“ organisiert sei. Entwicklung und Verlauf der Demonstrationen am 16. und 17. Juni haben davon jedenfalls nichts erkennen lassen und die Agitatoren in arge Erklärungsnotstände versetzt. Sie wurden nicht selten wegen ihres provozierenden Auftretens und der Agitation mit dem üblichen Faschismusvorwurf verprügelt. Sie hatten ganz offensichtlich nicht begriffen, eben weil es auch die SED und die Regierung nicht begriffen hatten, daß die heftigen Proteste wegen der Normenerhöhung für die Bauarbeiter nur der allerletzte Tropfen war, der das Faß zum Überlaufen brachte. Ursache und Anlaß wurden gründlich verwechselt. Ich habe in den zahlreichen Diskussionen auf sehr unterschiedlichem Niveau niemanden erlebt, der die angekündigten Maßnahmen des „Neuen Kurses“ bezweifelt hätte – allerdings nur um den Preis des Machterhalts der SED. Darum ging es! Deshalb verbreitete sich auch eine bestimmte Parole wie ein Lauffeuer: „Es hat ja keinen Zweck, der Spitzbart muß jetzt endlich weg!“ In der Konsequenz bedeutete dies die Forderung nach dem Rücktritt der DDR-Regierung und freien Wahlen. Sie wurde auf einer Kundgebung von mehreren zehntausend Berlinern auf dem Marx-Engels-Platz erhoben und mit dem Absingen des Deutschlandliedes bekräftigt. Nur so wäre ein „Neuer Kurs“ möglich gewesen. Wie illusionär diese Forderung tatsächlich gewesen ist, haben die kurz nach dieser Kundgebung einsetzenden Räumungen der Straßen und Plätze durch sowjetische Panzer dokumentiert, die über Lautsprecher die Verhängung des Ausnahmezustandes bekanntmachten. Mehrere Panzer – es mögen 10 bis 15 gewesen sein – fuhren nicht sehr schnell, aber schnell genug kreuz und quer in die Menge auf dem Marx-Engels-Platz, zerteilten sie dadurch und drängten sie in die umliegenden Straßen ab. In einer der sich bildenden Schneisen konnte ich mich vor einem hinter mir fahrenden Panzer auf den Stufen des Doms in Sicherheit bringen. Der Volksaufstand von 1953 setzte bis 1989 aus Durch diese bemerkenswerte Fügung endete meine Teilnahme am Volksaufstand exakt an dem Ort, an dem sie 24 Stunden zuvor begonnen hatte. In diesen 24 Stunden hat sich allerdings ein Prozeß der Klärung vollzogen, wie er sonst wohl kaum möglich gewesen wäre. In das Gefühl der augenblicklichen Ohnmacht mischte sich das Bewußtsein, daß es der DDR niemals gelingen würde, ihre Macht in dieser und der nächsten Generation zu legitimieren, gemäß dem bekannten Diktum aus der Staatsrechtslehre, daß „man mit Bajonetten alles mögliche anfangen kann, nur nicht Menschen überzeugen“ (Metternich). Mit dem Jahr 1989 ist diese Voraussage eingetroffen. Klaus Motschmann Fotos: Kasernierte Volkspolizei riegelt einen Berliner Straßenzug ab: Tausende sangen auf dem Marx-Engels-Platz das Deutschlandlied / Arbeiter vor dem „Haus der Ministerien“ in Berlin am 17. Juni 1953 Prof Dr. Klaus Motschmann studierte im Frühjahr 1953 Theologie an der Humboldt-Universität in Berlin-Mitte. Später lehrte er Politikwissenschaft an der Hochschule der Künste in Berlin

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