Pankraz, Jean Piaget und die Spiele der Fuchswelpen

Spiele, um zu überleben", heißt eine an sich höchst sehenswerte, unterhaltsame Naturfilmserie im Fernsehen über spielende Tierkinder, speziell Säugetierkinder, kleine Füchse, kleine Murmeltiere usw. Parallel zu den ergötzlichen Bildern läuft freilich ein penetrant belehrender Text, der einem immer wieder versichert, daß diese spielenden Tierkinder "lernen", daß sie sich "auf den Ernst des Lebens vorbereiten", daß sie "den Überlebenskampf einüben". Dem Zuschauer wird bald richtig blümerant, ja übel von diesem ewig erhobenen pädagogischen Zeigefinger.

Den Text abdrehen und sich auf die Bilder konzentrieren, empfiehlt Pankraz. Natürlich "lernen" die jungen Füchse oder Murmeltiere etwas, wenn sie vor ihrem Bau spielen, sich gegenseitig anrempeln und den Hang hinunterkullern oder einen Käfer anschleichen. Sie toben ihre inneren Instinkte aus, konfrontieren sie voll Wonne mit der farbenreichen, situationenträchtigen Außenwelt. Aber sie gehen dabei doch nicht in die Schule! Sie "üben" doch nicht, sondern jeder Zuschauer sieht, daß sie sich – spielend – auf einem Lebensniveau tummeln, das sie später, wenn es nur noch ums Fressen und Paaren geht, nie wieder erreichen. Es ist das pure Leben, das sie hier im Griff hat, nicht, wie später, das bloße Überleben.

Mit den Menschenkindern steht es übrigens ähnlich. An was erinnern wir uns am liebsten, was ist uns am teuersten? Es sind die Spiele der Kindheit, derer wir mit Sehnsucht und Rührung und Begeisterung gedenken, als einer Lebensphase nämlich, da wir wirklich zu Hause, wirklich in der Heimat waren.

Kindheit qua Heimat meint, genauer betrachtet, beileibe nicht das Reihenhäuschen, die Höhle, in der die Eltern wohnen, nicht die Gießkanne hinterm Gartenzaun und nicht den Geruch von gebrauchten Pampers, das ist ja alles völlig zufällig für das Kind, könnte auch völlig anders sein. Was aber nicht anders sein kann, das ist die eminente Zeitoffenheit und Weltoffenheit, die das Kind erfährt, mit einer Intensität wie nie wieder danach.

Es ist, ob nun kleiner Fuchs oder Menschenkind, noch nicht eingebunden, sondern offen gegenüber allen Stimmen der Erde, durch sein Leben gehen nicht nur und nicht einmal in erster Linie die nahen, greifbaren Dinge, Ball, Puppe, Modellauto, Zitze der Mutter, Geschwisterduft, sondern auch und vor allem die wehende Ferne und die erdige Tiefe, die Wolken am Himmel, die Schauer der Nacht, der präzise, geradezu röntgenhafte Blick auf Wald, Wiese und Weide und alles, was darin kreucht und fleucht.

Insofern ist das Kind dem Erwachsenen überlegen, was man besonders deutlich bei den Tierkindern sieht. Wie nahe dran an den Dingen sind sie im Vergleich zu den erwachsenen Tieren mit deren auf Überlebenspraxis eingeschliffenen Sinnen und deren auf Beute bzw. Liebespartner fokussierter Interessenwelt! Bei den Menschen vermag allenfalls der Dichter, genauer: der Lyriker, noch genauer: der Naturlyriker das kindliche Niveau der Dingnähe zu halten, die letztlich identisch ist mit der wahren Nähe, Lebensnähe.

"Das Leben – ein Traum", dichtete Grillpanzer. Und tatsächlich gleicht das Leben der Kinder in vieler Hinsicht dem Traum, es ist ein Tagtraum, der zum Spiel werden möchte. Der Schritt vom Traum zum Spiel bei den Menschenkindern besteht darin, daß die Sprache dazutritt. Selbst ein Kind, das ganz allein mit sich, ohne daß ein anderer mitspielt, in sein Spiel versunken ist, träumt nicht nur, sondern es hat seinen Traum für sich versprachlicht und festgelegt, und zwar äußerst resolut festgelegt, denn ohne diese Festlegung wäre das Spiel ja kein Spiel.

Der große Kinderforscher Jean Piaget bringt dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Ein kleines, dreijähriges Mädchen spielt für sich "Lokomotive", indem es einige Stühle als "Zug" hintereinandergestellt hat und sich auf den vordersten setzt und nun mit Puff und Zisch Lokomotive markiert. Der Vater kommt hinzu, ist gerührt und begeistert und herzt das Kind, aber dieses sagt: "Papi, du darfst die Lokomotive nicht küssen, sonst denken die Wagen, sie ist nicht echt."

Dabei "weiß" das Kind selbstverständlich , daß weder die Wagen noch die Lokomotive "echt" sind, aber das spielt im Augenblick seines Spiels keine Rolle. Denn es hat vor sich selbst festgelegt, daß die Stühle Wagen sind und es selbst die Lokomotive ist; der Kuß des Vaters zerstört, verdirbt dieses Spiel, rückverwandelt es in bloßen Traum, und dagegen protestiert es, wenn es den Kuß sonst auch durchaus als angenehm empfindet.

Bei den spielenden Tierkindern mag es sich übrigens kaum anders verhalten, auch wenn sie nicht über Sprache im engeren Sinne verfügen. Auch sie (oder vielleicht das genetisch in sie eingesenkte Erinnerungspotential ihrer Art) haben die Regeln des Spiels, Ziel, Weg und Zufallsmöglichkeiten, festgelegt und halten sich eisern daran. Kein Fuchswelpe, der mit dem anderen spielt, wird diesem bei der Balgerei jemals wirklich die Ohren durchbeißen, nicht weil er den anderen über alles liebt (Tiergeschwister lieben sich selten, wenn überhaupt), sondern weil sonst das Spiel zerstört und verdorben wäre.

Hier zeigt sich noch einmal deutlich die Fragwürdigkeit der These, daß das Spiel bloßer Lernprozeß für die "Praxis" sei. Das Lernen schlösse das wirkliche Durchbeißen des Ohres sehr wohl ein, nur, es würde auch das Spiel zerstören – und damit das Beste, worüber die höherentwickelten Tierkinder verfügen und das sie in dieser Beziehung schon menschenähnlich macht: das Erinnerungspotential, id est den Traum, der sich im Spiel manifestiert.

Junge Regenwürmer spielen nicht, sie haben noch keinen Traum. Fuchswelpen aber träumen schon, deshalb können sie spielen, und das Spiel bringt sie näher an das wahre Leben heran, das eben doch mehr ist als bloßes Fressen und Gefressenwerden.

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