„Unser Widerstand war ausgesprochen patriotisch“

Herr Hirzel, Sie waren seit 1942 Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“. Doch anders als Hans und Sophie Scholl, deren Hinrichtung sich am 22. Februar zum 60. Mal jährt, waren Sie nie vom Nationalsozialismus begeistert. Wie haben Sie den neuen Staat und seine Ideen als Jugendlicher gesehen? Hirzel: Im strengen Sinn konnte man nicht Mitglied der „Weißen Rose“ sein. Denn es gab keinen Verein, der sich so nannte. Bei meiner ersten Begegnung mit Hans Scholl, im Februar 1942, sprachen wir über die – unserer Einschätzung nach – Deutschland bevorstehende Katastrophe. Und auch über die Frage, ob junge Leute wie wir deshalb im „hitler-gegnerischen“ Sinn etwas unternehmen sollten, und wenn ja, was. Das, was sich mir konkret als Nationalsozialismus darbot, war mir fremd. Doch andererseits wußte ich, daß mir der „Durchblick“ fehlte, um zu erkennen, was sich unter der Sammelbezeichnung „Nationalsozialismus“ alles verbarg. Vom Niveau her empfand ich das, was als typisch nationalsozialistisch betrachtet wurde, als abstoßend. Fasziniert war ich von anderen Dingen. Nämlich? Hirzel: Von Technik und moderner Physik, insbesondere dem kosmologischen Denkansatz, der auf Quantentheorie und Relativitätstheorie beruht. Sie waren nicht an Politik interessiert? Hirzel: Erst als ich begriff, daß es von der Politik abhängt, ob die technischen Fortschritte zum Segen ausschlagen oder zum Fluch. Warum haben Sie sich gegen Hitler engagiert? Hirzel: Weil ich 1942 durch den Vergleich der Kräfteverhältnisse der am Krieg beteiligten Nationen zu dem Schluß kam, daß Deutschland durch Hitler in eine Situation gebracht worden war, die absehbar in einer Katastrophe münden würde. Die Forderung des „blinden Gehorsams“ provozierte mich zum Gegenteil: dazu selbst zu denken. Dennoch waren Sie Mitglied der Hitlerjugend, doch im Gegensatz zu den Geschwistern Scholl ohne jede Begeisterung – 1939 wurden Sie gar für das Reißen von Witzen über die HJ von Kameraden heftig verprügelt. Hirzel: Die Witze machte ich, um mich zu rächen, weil seitens der HJ meine Familie – insbesondere mein Vater, ein evangelischer Pfarrer – beleidigt worden war. Provoziert hatten die anderen – ich riskierte die Prügelei. In die HJ ging ich überhaupt nur deshalb, weil es das „Jugenddienstpflichtgesetz“ forderte und mir sonst der Ausschluß vom Abitur drohte. Ich meldete mich zur „Spielschar“, weil es dort keine Heimabende gab. Wir sorgten für die musikalische Umrahmung von Parteiveranstaltungen. Die Musik war meistens gut, die Parteireden dagegen blamabel. Was dachten Sie über die Begeisterung der Scholls für den Nationalsozialismus? Hirzel: Das war schon vorbei, als ich sie kennenlernte. Ich dachte mir, Menschen lernen und ändern eben manchmal ihre Meinung. Auch waren die Geschwister Scholl vom Typ anders als ich, nicht so unromantisch und mathematisch orientiert. Die „Weiße Rose“ war damals sozusagen gerade am entstehen, Hans und ich waren verschiedener Meinung. Er berichtete, in Polen würden von deutscher Seite systematisch Zivilisten getötet. Ich war der Ansicht, wenn das wirklich stimmte, müßten wir – Jugend hin, Jugend her – uns in einer Form distanzieren, die nach dem Krieg noch nachweisbar sein würde, weil wir sonst mitverantwortlich gemacht werden würden. Doch zunächst hätte ich gerne Beweise für diese Berichte gehabt, denn man kann nicht mitten im Krieg auf bloße Gerüchte hin gegen die eigene Regierung handeln. Hans Scholl war da selbstsicherer, er sagte – verärgert über mich – über die nationalsozialistischen Funktionäre: „Man sieht doch, was für Leute dies sind.“ Doch mir war das zu wenig. Wieso beteiligten Sie sich also schließlich? Hirzel: Im Sommer 1942 wurde für mich ganz deutlich, daß Hitlers Ostkrieg – ob nun von Stalin ein Angriff geplant war oder nicht – ein Raubkrieg war. Man brauchte nur eins und eins zusammenzählen, wenn zum Beispiel die Berufsberatung, als Berufsziel „Wehrbauer werden im Osten“ empfahl, auch war das aus der nach Osten gerichteten Untermenschenpropaganda abzuleiten. Dazu kam die öffentliche Ächtung der Juden. Ich war kein Philosemit, und räumte ein, daß es im Zusammenhang mit jüdischen Aktivitäten Mißtände gegeben haben mochte, aber ein ganzes Volk zu diffamieren, empfand ich als nicht hinnehmbar – man kann so mit Menschen nicht umgehen. Mit Blick auf Heute füge ich hinzu: auch nicht mit dem eigenen Volk. Wenn man es doch tut, ruiniert man die eigene Gemeinschaft, man setzt falsche Maßstäbe. Was haben Sie für die „Weiße Rose“ konkret getan? Hirzel: Ich habe Flugblätter verteilt und versucht, neue Mitglieder zu werben. Ich war aber nicht an der Konzeption der Flugblätter beteiligt. Zwar habe ich versucht, hier und da Einfluß zu nehmen, aber ohne Erfolg, später, vor Gericht, gereichte mir das zum Vorteil. Sie sind am 21. Februar 1943 verhaftet und zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Hirzel: Beim Verhör wurde ich massiv bedroht. Aber mein Verteidiger – vom Volksgerichtshof selbst bestellt – gab meiner Schwester und mir die Gelegenheit, die für meine Schwester entscheidende Deckungsaussage noch einmal mit mir abzusprechen, und er belog zu unseren Gunsten die Aufsichtsbeamten. Ich hatte damit gerechnet, zum Tod verurteilt zu werden. Weshalb dies nicht geschah und das Gericht sogar weit unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft blieb, ist mir bis heute nicht ganz klar. An meinem Verhalten kann es nicht gelegen haben. Für den Hauptvorwurf – ich hatte einen eigenen Flugblattentwurf gemacht, der für das Hitler-Regime sehr provozierend war – gab es keine Rechtfertigung und ich versuchte auch keine zu finden, auch keine Schutzbehauptung. Das mir von Freisler zugeworfene „Rettungsseil“, eine unterstellte Liebelei mit Sophie Scholl, habe ich nicht ergriffen und diese Darstellung abgelehnt. Ich hatte inzwischen genug von der Verhandlung, genug von den Lügen, ich fühlte mich nur noch angeekelt. Mein Verteidiger – der noch viele Volksgerichtshofs-Verhandlungen mitgemacht hat – versicherte mir später, daß kein Richter außer Freisler es gewagt hätte, uns nicht allesamt – schon aus eigener Angst – zum Tod zu verurteilen. Also gereichte überraschenderweise gerade die Verhandlungsführung durch Freisler für manche der Angeklagten zum Vorteil. Sie schildern die „Weiße Rose“ als patriotischen Widerstand – eine Deutung, die in den deutschen Medien unüblich ist. Hirzel: Unser Widerstand war ausgesprochen patriotisch: Über meine Motive habe ich schon gesprochen, denken Sie aber auch an Willi Grafs vorletzten Brief, in dem er von seiner „Liebe zu Deutschland“ sprach. Oder denken Sie an Professor Huber, der seinen letzten Schluck Wein vor der Hinrichtung ausdrücklich auf das „Wohl seines geliebten Vaterlandes“ trank und seiner Frau schrieb, „freue Dich, daß ich für unser Vaterland sterben darf“. Sophie sprach vor Gericht davon, daß sie das Beste „für ihr Volk“ getan habe. Nur bei Hans ist mir kein solcher Bezug bekannt. Richard Hanser veröffentlichte in den USA ein Buch über die „Weiße Rose“, mit dem Titel „Deutschland zuliebe“ – er konnte das schreiben, weil er Amerikaner war, von deutscher Seite gibt es dagegen kein solches Buch. Glauben Sie also, auch mit Blick auf die „Weiße Rose“, daß in Deutschland trotz allem am Patriotismus, also an der Liebe zum eigenen Land und eigenen Volk festgehalten werden muß? Hirzel: Wenn man sich von Hitler unterscheidet: Ja. Die Lehre, daß die beiden Weltkriege aus Nationalismus geführt worden seien und man darum das Ordnungsprinzip der Nation abschaffen müsse, um die Kriege abzuschaffen, halte ich für falsch. Dann würden Kriege eben aus anderen Gründen geführt. Für wohl die meisten Angehörige der „Weißen Rose“ gehörte Patriotismus zu den Grundlagen ihres Widerstands. Wenn man der Jugend die Liebe zum eigenen Volk nimmt, wird sie wohl schwerlich zur Liebe gegenüber anderen Völkern fähig sein. Heute sollten wir uns wieder an Bismarck halten, der nach der Reichsgründung ein Friedenspolitiker war, und der für die Deutschen geschaffen hat, was die Zionisten für die Juden geschaffen haben. Ein Volkstum braucht einen Staat, der für dieses Volkstum eintritt, sonst ist es in Gefahr, zu zerfallen. Der Hitler-Staat sollte uns den Blick dafür nicht verstellen; Hitler mißbrauchte die ihm anvertraute Staatsmacht für sehr persönliche Ziele, die vom Denken Bismarcks fundamental verschieden waren. Dies sollten wir erkennen und nicht leichtfertig die Hand an ein Erbe legen, das auch heute die Grundlage unserer Existenz bedeutet. Hans Hirzel (unten im Alter von 18 Jahren), geboren 1924 in Untersteinbach bei Heilbronn, Angehöriger der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, ist heute parteiloser Stadtrat in Wiesbaden. Der ehemalige Journalist war in den fünfziger Jahren Redakteur der Frankfurter Hefte und persönlicher Mitarbeiter von Adorno und Horkheimer am Frankfurter Institut für Sozialforschung. Ab 1976 Mitglied der CDU, von 1993 bis 2001 der Republikaner. weitere Interview-Partner der JF

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