Sudetendeutsche Antriebsquelle

Am 18. Juni kann Alfred Schickel, der Gründer und Leiter der Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt, seinen 70. Geburtstag begehen. 1933 in Aussig im Sudetenland geboren, wurde er wie dreieinhalb Millionen seiner Landsleute aus der Heimat vertrieben. Er fand in Bayern Zuflucht, machte 1954 in St. Blasien Abitur und studierte anschließend Geschichte und Philosophie in München. Mit einer Arbeit zur römischen Rechtsgeschichte promoviert, wurde er 1974 zum Leiter des Katholischen Stadtbildungswerkes Ingolstadt berufen. Das Vertreibungsschicksal ist es wohl gewesen, das den Historiker Schickel zum historisch-politischen engagierten Zeitbeobachter werden ließ. Auch er sah in weiten Teilen der etablierten Geschichtswissenschaft eine von Umerziehung und zeitgeistigen Konformismus bestimmte Betrachtungsweise am Werk mit einer säkularisierten Geschichtstheologie im Zeichen von „Schuld und Sühne“. Ihr gegenüber beharrte er auf den wissenschaftlich allein legitimen Fragen nach Ursache und Wirkung. Ihrer Neigung zu deutscher „Singularität“ und Germanozentrik stellte er die Perspektive der Wechselwirkungen aller Akteure gegenüber. Seine ersten wichtigen Bücher – „Deutsche und Polen“ (1984), „Vergessene Zeitgeschichte“ (1985) und „Die Vertreibung der Deutschen“ (1986) zeigten, was er unter seriöser zeitgeschichtlicher Forschung verstand. Sie bleiben bis heute lesens- und empfehlenswert. Die Unabhängigkeit vom zeitgeistigen mainstream mit seinen Mischungen aus Halbwissen, oft gar nicht Wissen-Wollen, Konformität und Verdächtigung der „Abweichler“ wurde zum Markenzeichen der von ihm 1981 gegründeten Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle, die – ohne jede staatliche Hilfe – bald ein erstaunlich umfangreiches Forschungs- und Publikationsprogramm auf die Beine stellte und in jährlichen Tagungen in der Öffentlichkeit verbreitete. Hier ging es darum, vernachlässigte und (nicht selten absichtlich) im Dunkeln gehaltene zeitgeschichtliche Problempunkte aufzuhellen, die zeitgeschichtliche Bühne in allen ihren Teilen zu erhellen. Manchen Protagonisten der Zeitgeschichte sollte Gerechtigkeit widerfahren, so etwa Theodor Oberländer, dem späteren Bundesvertriebenenminister, und seinem Kampf gegen die NS-Kolonialpolitik im Osten während des Krieges. Verschiedene Untersuchungen der Forschungsstelle gerieten zu Sensationen, so als Hermann Rauschnings Buch „Gespräche mit Hitler“, das sogleich nach dem Krieg das Bild Hitler und des Nationalsozialismus stark geprägt hatte, nachgewiesen werden konnte, daß sein Quellenwert gering war und sein Autor 1933/34 weit weniger ausführliche Gespräche mit dem angehenden Diktator führte, als das Buch suggerierte. In diesen Jahren reiste Schickel mehrfach nach Washington, um in den National Archives Quellenstudien zu betreiben und die von der offiziellen Geschichtsschreibung ausgeblendeten Tatsachen und Wechselwirkungen zwischen 1933 und 1945 zu untersuchen, nicht zuletzt auch im Blick auf die Mitverantwortung des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt am Zweiten Weltkrieg. Diese geistige Unabhängigkeit mußte den Historiker Schickel in das Fadenkreuz der antifaschistischen Political Correctness bringen und, von da inspiriert, auch einiger allzu „williger Vollstrecker“ im bayerischen Verfassungsschutz. Wir anderen wissen freilich, was wir an Alfred Schickel haben. Ihm wünschen wir für möglichst viele weitere Jahre Schaffenskraft und jenen Geistesmut, der stets – und heute zumal – Voraussetzung dafür ist, daß der Historiker unabhängig von den Meinungen des Tages und des Marktes seines Amtes walten kann im Dienst der geschichtlichen Wahrheit und unparteiischen Hinsicht. Klaus Hornung ell zu halten, warnte Grinberg vor einer Selbstgefälligkeit westlicher Dogmen. Daß die Rolle des Repressionssystems nicht bloß ein „Diktator“ traditionellen Zuschnitts, wie Merkel glaubt, einnehmen kann, sondern auch ein wildgewordener Kapitalismus, der die Menschen verheizt, erläuterte er am Beispiel seiner Heimat; mißlinge dort eine Bändigung der Anarchie, werde man über kurz oder lang ähnliches erleben wie Ulbricht 1953. Kein Gemeinwesen überlebe die Totalerosion aller kollektiven Werte. Von da aus verstand er das Wesen des 17.Juni gerade nicht als Liberalismus, sondern klar als Solidarbewegung – eine subkutane Gegenwartskritik, deren intellektuelle Brisanz weiter führt als atlantische Ergebenheitsadressen. Folgte als abschließender Höhepunkt des Festakts das mit Spannung erwartete Gespräch zwischen Helmut Kohl und Horst Möller vom Institut für Zeitgeschichte München, eine Stunde die der Altkanzler weniger zum Dialog denn als historische Kaminplauderei coram publico nutzte. So thronte er – blockhaft, frontal, mittig – auf seinem Platz, ganz Sonnenkönig a. D., ihm zur Seite der Intellektuelle, untersichtig, stets en profil. Dessen Ergebenheit, gescheite Gesprächsvorlagen und geschliffene Formulierungen richteten indes wenig aus, Kohl vollzog lieber eine gemächliche tour d’horizon und bekräftigte seine alten Positionen mit Seitenhieben auf einstige Gegner: Wohltuend immerhin mancher Fingerzeig am Rand, so seine Forderung nach umfassend-unverkürzter Geschichtsbildung im Unterricht, seine Zurückweisung einer angeblichen „Gefahr von rechts“ als realitätsferner Unfug und die Akzentuierung des Erlebnisaspekts für das historische Erinnern: So gehe der Besuch der Neuen Wache den Menschen „unter die Haut“. Sein letztes Wort über den 17.Juni 1953: „Es waren großartige Patrioten.“ Der Juni-Aufstand hätte den Sturz der SED, zumal Ulbrichts, zur Folge gehabt, wären beide nicht durch das Eingreifen der Russen gerettet worden. So fielen die Folgen schrecklich aus. 1,2 Millionen Menschen waren in 700 Orten und Gemeinden der DDR auf die Straße gegangen, 1.000 Betriebe waren bestreikt worden. Jetzt kam es zu 13.000 Festnahmen und 1.500 teils langjährigen Haftstrafen. Welche menschliche Dimension sich hinter solch dürren Hinweisen verbirgt, ließ das Nachmittagsprogramm der KAS erahnen, in dessen Zentrum die Opfer mit ihren zerstörten Biographien standen. Neben Referaten Melanie Piepenschneiders, Günter Buchstabs und Ursula Männles präsentierte der Filmemacher Dirk Jungnickel erstmalig seinen neuen Streifen „…Agenten, Faschisten und Provokateure…“ als 5.Teil seiner Dokureihe „Zeitzeugen“; dort läßt er Betroffene der Willkürjustiz nach dem Juni ’53 exemplarisch zu Wort kommen. Mit zwei von ihnen diskutierte anschließend Ehrhart Neubert am Ort. Beklemmend zeigte sich doppeltes Leid der politischen Verfolgung und des Verschweigens aus Opportunitätsgründen: Die Opfer der SED-Diktatur waren in Zeiten der Entspannungspolitik so unbequem wie im wiedervereinigten Deutschland. In der DDR war ihr Leiden tabu, heute bleibt es lästig – für die einstigen Täter selbst und vor dem Hintergrund einer Ideologie, die Deutschen den Opferstatus generell abspricht. Weitere Augenzeugenberichte, durch Stephan Krawczyk dargebotene politische Protestsongs und eine Plakatausstellung im Haus beschlossen die Programmfolge über ein ernstes Thema, dessen symbolische Bewirtschaftung der Union nur vorteilhaft sein kann. Prof. Dr. Klaus Hornung ist Politikwissenschaftler und Präsident des Studienzentrums Weikersheim.

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