Neue Technologien: Kunst von Alzheimer-Patienten

Die Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 in München zeigte zeitgenössische Gemälde direkt neben Werken von klar diagnostizierten Geisteskranken. Neben der Bücherverbrennung hält man diese Aktion bis heute für einen Höhepunkt braunen Banausentums. Dabei hatten die Nazis hier völlig recht. Die Kritzeleien und Farbsümpfe von Schizophrenen und Depressiven ähneln tatsächlich modernen Kunstwerken. Es fragt sich nur, ob dies gegen die Moderne Kunst oder eher für die Geisteskranken spricht. Schon in den 1920er Jahren entdeckten mutige Galeristen, daß die sprichwörtliche „Zerrissenheit des modernen Menschen“ in der Schizophrenie einen interessanten Vorläufer hat. Zudem werken die Irren umsonst und aus einem inneren Drang heraus. Über die freche Vereinnahmung seelischen Leidens durch eine geschäftstüchtige Kunstclique beklagte sich der gelernte Psychiater Karl Jaspers schon 1924 in seiner Studie „Strindberg und Van Gogh“. Die Psychose als Kreativitätsborn hat also Tradition. Neuerdings fällt die Aufmerksamkeit auch auf Demenz-Kranke wie zum Beispiel Alzheimer-Patienten. Gehirn&Geist berichtet in seiner März-Nummer von dem bekannten Grafiker Carolus Horn und zeigt Bilder, die er vor und während der verschiedenen Phasen seiner mehrjährigen Alzheimer-Krankheit schuf. Der Befund ist eindeutig: Je debiler Horn wurde, desto moderner malte er. Am Anfang steht noch ein schmuckes Opel-Modell am Hafen für eine Werbeanzeige, zum Schluß bringt der Patient nur noch abstrakte Kritzeleien hervor. Verschärft wird das Ergebnis noch dadurch, daß die Alzheimer-Krankheit im Unterschied etwa zur Schizophrenie eine reine Gehirnkrankheit ist. Umweltfaktoren und kulturelle Einflüsse spielen dabei keine Rolle. Das gilt es zu beachten. Denn die Parallelität zwischen Wahnsinn und Moderne wird gern durch eine gemeinsame Sensibilität und Verwundbarkeit erklärt, die für beide Seiten nur schmeichelhaft ist. Alzheimer hingegen bedeutet eindeutig Degeneration, und eine künstlerische Affinität dazu legt das verpönte Urteil nahe, daß es sich bei Kubismus, Expressionismus, Surrealismus oder abstrakter Malerei um eine überindividuelle Krankheit, einen inneren Abbau und deutliches Zeichen von Dekadenz handelt. Gern hätte man gewußt, ob die Irren schon „modern“ malten, als es noch gar keine Moderne Kunst gab. Doch erst um die 19./20. Jahrhundertwende begann der Heidelberger Psychiater Hans Prinzhorn, Bilder von Patienten auszuwerten und zu sammeln. Sein Blickwinkel ist rein medizinisch, die Dokumente sollen zur richtigen Diagnose beitragen. In Berlin aber kämpft seit Jahren eine Initiative, um die Sammlung endlich mit einem „richtigen Museum“ zu würdigen. Wer Wahnsinn von Blödsinn noch unterscheiden kann, wird sich dort gern einmal einfinden.

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