Menschen wurden wahllos festgenommen / Mit Bajonetten gegen die Arbeiter

Wir hofften auf die Wiedervereinigung Den 17. Juni 1953 erlebte ich als zehnjähriges Kind in meiner Heimatstadt Wernigerode, einer Kreisstadt mit 35.000 Einwohnern, 15 Kilometer von der damaligen innerdeutschen Grenze entfernt. Als wir an jenem Tag in die Schule kamen, wurde uns gesagt, daß kein Unterricht stattfindet und wir uns nach Hause begeben sollten. Vor dem Schulgebäude überlegten wir, ob wir zum Elektromotorenwerk am westlichen Stadtrand, dem größten Betrieb der Stadt, gehen sollten, weil dort die Arbeiter streikten. Es kursierten sogar Gerüchte, daß wohl auch schon die Amerikaner bis an die Stadtgrenze vorgerückt wären. Wir gingen jedoch nach Hause. Abends erzählte mein Vater, der auf einer Dienstreise in Magdeburg gewesen war, daß dort aus der lokalen Parteizentrale Akten auf die Straße geworfen und verbrannt worden seien. Wir alle hatten die Hoffnung, daß nun die deutsche Wiedervereinigung unmittelbar bevorstünde. In den folgenden Tagen patrouillierten in Wernigerode russische Doppelposten in voller Kampfausrüstung. An den Häuserwänden hing ein Befehl der sowjetischen Militärverwaltung, der Zusammenrottungen von mehr als zwei Personen verbot und eine nächtliche Ausgangssperre verkündigte. Bei Zuwiderhandlung wurde Schußwaffengebrauch angedroht. Die Lage „normalisierte“ sich langsam, und wir mußten noch 37 Jahre auf den ersehnten Tag der Wiedervereinigung warten. Ernst-Jürgen Wolter, Bad Oeynhausen Wismut-Kumpel stürmten das Gefängnis Zur Zeit des 17. Juni 1953 wohnten wir in Gera, Puschkinplatz 2, als Untermieter bei Familie M. Wir, das waren meine Mutter und fünf Geschwister, allesamt Flüchtlinge aus Breslau/Schlesien. Unser Vater war im Krieg in der Ukraine gefallen. Ich war damals 17 Jahre alt und absolvierte eine Feinmechanikerlehre bei der Firma Robert Ditas in der Georg-Büchner-Straße. Am 17. Juni lief ich wie jeden Tag vom Puschkinplatz die De-Smit-Straße hinunter zu meiner Lehrstelle. Auf dem Rückweg am späten Nachmittag fand ich den Puschkinplatz zur Schloßstraße hin von sowjetischen Soldaten mit der Waffe in der Hand abgeriegelt. Vor der Hauptpost standen Panzer, und vor dem Hochhaus hörte und sah man eine aufgebrachte Menschenmenge. Aus einigen Fenstern des Hochhauses drang schwarzer Rauch. Es hieß, die Wismut-Kumpel aus Ronneburg seien gekommen und hätten das Gebäude gestürmt. Aus dieser Richtung kamen danach auch sowjetische Jeeps, die verhaftete Demonstranten in rascher Fahrt über den Puschkinplatz Richtung Eisenbahnunterführung zur sowjetischen Kommandantur abtransportierten. Einige Straßen weiter versuchten mehrere Männer mit einem Balken, das große eiserne Tor zum Hof des Untersuchungsgefängnisses im Amthordurchgang einzurammen, um Gefangene zu befreien. Als es schon fast zu gelingen schien und das Tor sich lockerte, erschienen sowjetische Panzer vom Hochhaus her und die Männer und Zuschauenden rannten auseinander, es fielen Schüsse. Nur mit Mühe und meinen geringen Russischkenntnissen aus der Grundschule gelang es mir, an den sowjetischen Posten vorbei meine Haustür zu erreichen. Nachts bestand dann eine Ausgangssperre. Reinhard Gnauck, Mainz Wir hängten Ulbrichts und Stalins Bild von der Wand Ich ging gerade in die siebte Klasse der Leipziger Grundschule in Dölitz. Von den Eltern, aus dem norddeutschen Rundfunk und natürlich durch meine Freunde hatte ich von den unglaublichen Ereignissen erfahren. Meine Leipziger Klassenkammeraden waren mit mir im Juni 1953 in einer glücklichen Hochstimmung, jedenfalls was die aktuellen Ereignisse betraf. In hinteren Teil des Klassenzimmers hing auf der roten Arbeiterfahne ein großes Bild vom DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck zwischen Lenin und Stalin. Rechts an der Wand waren dann noch zwei große Bilder: Einmal vom Ersten Sekretär der SED, Walter Ulbricht, daneben hing Otto Grotewohl, der Vorsitzende des Ministerrates der DDR. Die brachten wir gemeinsam alle von ihren angestammten Plätzen und stellten sie mit dem Gesicht zur Wand in eine Ecke. Danach, ohne daß wir uns abzusprechen mußten, nahmen wir auch die rote Fahne von der Wand ab. Einzig ein Karl-Liebknecht-Bild blieb in einer Fensternische hängen, weil ein Mitschüler, dessen Vater vor dem Krieg SPD-Mitglied war, sagte: „Der ist ein Guter!“ Unser Klassenlehrer, Herr Bernd, war der erste Erwachsene, der unsere Klasse danach betrat. Er sagte kein Wort zu der Aktion, machte aber seine Stunde mit einem sehr ernsten Gesicht. Später, als die Plakate vom Ausnahmezustand an den Mauern und Litfaßsäulen klebten, erfuhren wir, daß eine Parallelklasse ihre Bilder auch abgehängt hatte. Dort standen sogar „unsozialistische“ Parolen auf der Wandtafel. Die Lehrer brauchten aber an diesem Tag die Wandtafel gar nicht. Erst viel später wurde mir bewußt, was unsere Lehrer für uns getan hatten. Keine übergeordnete Stelle hat je etwas von den beiden aufmüpfigen Klassen erfahren. Peter Seiffert, Treis-Karden Potsdamer Platz: Tumulte an der Sektorengrenze Am 17. Juni 1953 fuhr ich mit meinem Freund Walter Fleischmann von Berlin-Steglitz aus in den Ostsektor, weil dieser in einem Spezialladen in der Schönhauser Allee Teile für seine Märklin-Eisenbahn kaufen wollte. Ich weiß nicht mehr, wo wir im Ostsektor ausstiegen, jedenfalls waren wir in der Leipziger Straße am ehemaligen Reichsluftfahrtministerium (Haus der Ministerien der DDR) und am Wilhelmplatz, wo sich einige Demonstranten bewegten und Proteste vor einem Regierungsgebäude losließen. Es begann etwas zu regnen, was mich zu der Bemerkung veranlaßte, daß in Deutschland bei Regen die Revolution im Saale stattfindet. Von dort gingen wir in die Neue Schönhauser Straße in Nähe des Alexanderplatzes, wo der Freund eine Tante besuchen wollte. Wir trafen diese dort zusammen mit einem Studenten „neuen Typus“ an, der mit uns diskutierte und dabei den Marxismus und seine bisherige praktische Umsetzung in der DDR lobte. Unser Gespräch fand auch abrupt ein Ende, weil wir plötzlich ein verdächtiges Klackern hörten, was ich als ehemaliger Rußlandkämpfer sogleich als Maschinenpistole pp Sh 41 erkannte. Wir entdeckten darauf an der Straßenecke einen russischen Soldaten, der aber in die Luft schoß. Trotzdem beeilten wir uns, etwas Boden zu gewinnen und waren bald an der Schloßbrücke. Dort kreuzte unseren Weg eine russische Truppe im Laufschritt, mit Gewehr und aufgepflanztem Bajonett. Voran ein Offizier. In diesem Augenblick war mir klar, daß der Aufstand keinen Erfolg mehr haben würde. Nachdem die Russen verschwunden waren, tauchte plötzlich ein Volkspolizist auf, der auf umherstehende Passanten eintrat. Als er sich uns näherte, gaben wir uns als Touristen aus. Nach dieser Begegnungen gingen wir weiter Unter den Linden entlang, wo sich viele Demonstranten versammelten. Die Russen fuhren mit ihren Lkw am Protestzug entlang und schossen mit Maschinenpistolen. Panzer waren zu der Zeit noch nicht zu sehen. Mein Freund und ich gingen gleich in Deckung hinter einer Litfaßsäule in der Charlottenstraße. Dies erwies sich aber als unnötig, weil ich beobachten konnte, daß einige russische Soldaten auf der Ladefläche hinter dem Fahrerhaus zwar auf die Demonstranten zielten, die Schüsse jedoch von hinter ihnen befindlichen Kameraden in die Luft abgegeben wurden. Etwas weiter vor dem Brandenburger Tor trafen wir abermals auf einen „Studenten neuen Typus“, der uns als Touristen erkannte und sich anbot, uns zur nahem Sektorengrenze zu bringen. Wir bedankten uns bei ihm und verließen den Osten Berlins – um gleich linksherum zum Potsdamer Platz zu schlendern. Dort stießen wir auf eine große Menschenmenge im westlichen Teil des Platzes und am Columbia-Haus, welches sich direkt an der Sektorengrenze befand. Von hier aus wurden heftige Beschimpfungen Richtung Leipziger Platz ausgestoßen, einem Ostreporter wurde der Fotoapparat entrissen und zertrampelt. Das Columbia-Haus wurde innen demoliert, wobei Schreibmaschinen und Mobiliar aus den Etagen flogen. Inzwischen hörten wir, daß ein gewisser Otto Nuschke aufgegriffen worden sei, der der Chef der geduldeten Partei der Christen im Osten Deutschlands war. Seine Anhänger nannte man Nuschkoten. Es wurde erwogen, ihn in die Spree zu werfen, was aber dann unterblieb. Felix Meyer, Neunburg Die Wächter in Bautzen wurden plötzlich gütig Seit Februar 1947 befand ich mich in den Händen des sowjetischen Geheimdienstes in Potsdam. Ich wurde zu 25 Jahren Erziehungsarbeitslager verurteilt und befand mich seit Dezember 1947 in der Haftanstalt Bautzen. 1950 wurde ich als sogenannter Schwerstverurteilter den DDR-Behörden überstellt. Im Juni 1953 mußte ich mich als Tbc-Kranker in der Offiziersisolierung im Haus 2 aufhalten. Die beiden Säle des Hauses waren mit je 200 Gefangenen belegt, dazu kam der Zellenflügel, der mit den isolierten Offizieren belegt war. Die Lage hier war katastrophal, die Verpflegung unter aller Würde, die Behandlung durch die sogenannte Volkspolizei war unmenschlich. Am 16. Juni abends beim Einschließen nach der Zellenkontrolle war der Ton unserer Bewacher jedoch unwahrscheinlich leise, fast höflich. Am nächsten Tag, am 17. Juni, sperrten die Volkspolizisten unsere Zellen auf, und es klang kaum glaubhaft. Sie wünschten uns, den ehemals verbrecherischen Offizieren, einen guten Morgen. Die Zellen blieben offen. Es geschah sogar das Unglaubliche, daß die rüdesten Wachtmeister uns nach unserem Befinden fragten. Einige erklärten uns, daß sie schon immer mit uns gelitten hätten. Wir sollten doch später betonen, daß es uns in ihrer Obhut immer gut gegangen wäre. Vom Haus 1, dem riesigen Zellentrakt mit seinen Sälen, erklang Gesang. Die dortigen Kameraden hatten mitbekommen, daß in Bautzen Unruhen ausgebrochen waren. Die Arbeiter hatten sich gegen das rote Regime aufgelehnt – ein Aufstand der Arbeiter im sogenannten „Arbeiter und Bauernstaat“. Wir hofften auf die Freiheit und das der „demokratische Westen“ dem roten Spuk ein Ende bereiten würde. Doch die große Chance wurde vom Westen verpaßt. Für einige Stunden waren wir fast frei, wir konnten uns von Zelle zu Zelle bewegen und warteten auf das große Ergebnis. Die Parolen liefen sich heiß, sie kamen teils vom Wachpersonal und wurden dann durch unsere Kameraden weitergetragen. Die Bautzener Arbeiter, so hörten wir, marschierten bereits auf die Haftanstalt, das „Gelbe Elend“ zu. Wir hörten Schüsse, sowjetische Soldaten bezogen Posten auf den Wachtürmen. Schlagartig änderte sich auch wieder die Haltung der roten Schergen – unsere Zellen wurden abgeschlossen, auf den Innenhöfen gingen bewaffnete Posten. Am Abend gab es wieder den üblichen Einschluß, die Gesichter der Wächter verhießen nichts Gutes, wir verspürten wieder ihren Haß, besonders schlimm waren gerade diejenigen, die vorher um gutes Wetter baten. Verschiedene Gerüchte wurden in den folgenden Tagen laut. Vor den Toren des Lagers sollten Sowjets in die anmarschierende Menge der Arbeiter gefeuert haben und die Rädelsführer des Arbeiteraufstandes sollten aufgehängt worden sein. Einige Wochen später kamen die ersten Opfer des Aufstandes. Sie wurden furchtbar drangsaliert und mußten ihr schlechtes Essen kniend empfangen. Man hatte auf ihrer Häftlingskleidung vorn und hinten ein großes rotes X aufgemalt. Obwohl sie mit uns anderen Häftlingen nicht zusammenkommen durften, erfuhren wir durch unsere Essensträger doch einiges über ihre Drangsalierungen und zum Teil über die Vorgänge beim Arbeiteraufstand. Heinz Unruh, Lemförde Ich traf den „Löwen von Bitterfeld“ im Gefängnis Am 17. Juni 1953, ich war 16 Jahre alt, saß ich klopfenden Herzens vorm Radio im Wohnzimmer meiner Eltern in Rodach bei Coburg. Auf allen westdeutschen Sendern wurde vom Aufstand jenseits der innerdeutschen Grenze berichtet, die kaum drei Kilometer von unserem Haus entfernt lag. Ich besuchte damals das Gymnasium Casimirianum in Coburg und hätte mir nicht vorstellen können, daß ich neun Jahre später mehreren Aufständischen von 1953 in den DDR-Zuchthäusern Torgau und Waldheim begegnen sollte. Als ich, Student der Literaturwissenschaft in Mainz und inzwischen 24 Jahre alt, am 9. September 1961 wegen angeblicher „Hetze“ auf dem Karl-Marx-Platz in Leipzig zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, kam ich zunächst nach Torgau, wo mir von Mithäftlingen dieser und jener Gefangene gezeigt wurde, der seit dem 17. Juni 1953 eingesperrt war – seit für mich fast unvorstellbaren neun Jahren. In Waldheim, wohin ich am 2. September 1962 verlegt wurde, traf ich Paul Othma, den Streikführer von Bitterfeld, der zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt worden war. Seiner weißen Haare wegen, die wie eine Löwenmähne seinen Kopf bedeckten, nannten wir ihn den „Löwen von Bitterfeld“. Im ARD-Film „Tage des Sturms“ vom 7. Mai ist sein Schicksal nachgezeichnet worden. Von Beruf war er Elektriker im Chemiekombinat Bitterfeld und wurde von seinen Arbeitskollegen in die Streikleitung gewählt, weil er immer „für das Gerechte“ eintrat. Das Gerechte bestand in diesem Fall in sozialen und politischen Forderungen wie der Reduzierung der Arbeitsnormen, dem Rücktritt der DDR-Regierung und freien Wahlen! Diese Forderungen hatte Paul Othma vom Balkon des Rathauses in Bitterfeld verkündet, er hatte zu Gewaltfreiheit aufgerufen und verhindert, daß Jugendliche das Präsidium der Bitterfelder Volkspolizei stürmten, um sich zu bewaffnen. Für diese „Taten“ wurde er gnadenlos verurteilt. Da es 1953 noch kein politisches Strafgesetzbuch im SED-Staat gab – das wurde erst im Herbst 1957 eingeführt -, beriefen sich die Richter in politischen Prozessen auf Artikel 6 der DDR-Verfassung „Boykotthetze“. Am 20. Juni 1953 hatte Paul Othma noch aus Bitterfeld nach West-Berlin fliehen wollen, war aber verraten worden. Entlassen wurde er im Herbst 1964 als kranker Mann aus dem Zuchthaus Brandenburg, wo die „Langstrafer“ einsaßen. Er litt unter Leberzirrhose und Blutstürzen und starb 1970. Seine 1911 geborene Frau Hedwig ging damals nach Westdeutschland, nach der Wende kehrte sie zurück nach Bitterfeld, um sein Grab zu pflegen. Jörg-Bernhard Bilke, Rodach Protestmarsch der Thüringer Stahlarbeiter Zur Mittagszeit des 17. Juni 1953 hörte ich von heimkehrenden Mitarbeitern des Stahlwerkes VEB Maxhütte in Unterwellenborn, daß sich zahlreiche Menschen im Speisesaal der Werkskantine zu einer Protestversammlung eingefunden hätten. Nach der Versammlung sollen die Stahlwerker einen Marsch in die zirka drei Kilometer entfernt liegende Kreisstadt Saalfeld geplant haben. Ich wohnte als 15jähriger Schüler mit meinen Eltern im zwischen diesen beiden Orten liegenden Gorndorf. Eine kleine Schar Mitbürger diskutierte mit dem SED-Bürgermeister, und man suchte jemanden, der die Lage auskundschaften sollte. Ich erklärte mich bereit, mit meinem Fahrrad der zu erwartenden Kolonne entgegenzufahren. Kurz vor dem Ortsausgang Unterwellenborn kam mir die protestierende Menge entgegen. Mit dem Rad war ich schnell wieder im Dorf und konnte Bericht erstatten. Besonders erstaunt war ich darüber, wie der Bürgermeister und ein für staatliche Auftraggeber arbeitender Kunstmaler freudig begeistert meinen Worten lauschten. Mehrmals fuhr ich nun dem Marschzug entgegen, um immer wieder den Wartenden im Dorf zu berichten, wie weit er noch entfernt war. Dann endlich kamen die Stahlarbeiter und zogen mit lauten Sprechchören, die sich besonders gegen Walter Ulbricht richteten, durch den Ort weiter Richtung Saalfeld. Zu Fuß schloß ich mich spontan der Marschkolonne an und beteiligte mich an den Sprechchören. Unser Marsch fand dann auf der Eisenbahnbrücke in Saalfeld ein jähes Ende. Sowjetische Soldaten mit Maschinengewehren und aufgepflanzten Bajonett versperrten uns den Weg in die Innenstadt. Es kam zu langwidrigen Diskussionen, auch mit den Soldaten. Während dieser Zeit fuhren immer wieder ganz langsam fahrende Züge in Richtung Bahnhof ein. Die Fenster und offenen Türen waren jeweils belagert mit begeistert jubelnden Menschen. Zu tätlichen Auseinandersetzungen kam es aber glücklicherweise nicht. Manfred Schäfer, Issum Das SED-Abzeichen rutschte hinters Revers Dieser 17. Juni 1953 wird mir in seiner revolutionären Ehrlichkeit und Ergriffenheit immer in Erinnerung bleiben. Die herrschende Partei hatte mich aus weiterführender Bildung ausgeschlossen und mir statt dessen eine Lehre als Betonbauer verordnet. Als Lehrling und Angehöriger einer Jugendbrigade befand ich mich im Auftrag der VEB Bauunion im Einsatz für den Neubau einer Werkshalle auf dem Gelände Schwermaschinenbau Heinrich Rau/Wildau, vormals L. Schwartzkopf, Lokomotivbau. Mit großer Spannung hatten wir am 16. Juni 1953 vom bis dahin unvorstellbarem Streik der Bauarbeiter in der Stalinallee gehört. Frühmorgens am 17. Juni 1953 beschloß die Lehrlingsbrigade, den Streik unserer Kollegen spontan mitzumachen. Unser Brigadier, ein zierlicher Mann, trat vor uns und gab bekannt, daß die Brigaden der Baustellen streikten, wir Lehrlinge uns jedoch am Streik nicht beteiligen könnten, da dies als Vertragsbruch die Beendigung des Lehrverhältnisses nach sich ziehen würde. Wir folgten ihm schließlich murrend an den jeweiligen Arbeitsplatz, beschlossen aber nach geraumer Zeit, die älteren Kollegen hier und in Berlin zu unterstützen und dennoch zu streiken. Spontan und ohne besondere Weisung gingen alle Kollegen vom Bau in die Werkhallen des Heinrich Rau Schwermaschinenbaues und stellten dort den unter ohrenbetäubenden Lärm arbeitenden Drehern, Schweißern, Schmieden und sonstigen Facharbeitern vor, daß der Aufstand der Berliner Bauarbeiter von uns allen unbedingt unterstützt werden müsse und wir deshalb nach Berlin fahren müßten. Als sich nach einigen Stunden die Gesamtbelegschaft zum unmittelbar angrenzenden Bahnhof begab, waren alle Zugverbindungen durch die Reichsbahnleitung längst unterbrochen, es gab Richtung Berlin keinen Zugverkehr mehr. Die Massen strömten auf die Straße – wobei Wildau ein Straßenort ist – der von einer Verkehrsader durchzogen wird und standen an beiden Seiten sowjetischen Panzern gegenüber. Die Masse der Werktätigen war vom Sowjetmilitär eingekesselt; denn querab fließt die Dahme, im Rücken befand sich der Bahndamm mit Fernverkehr Richtung Osten. Es gab erregte Diskussionen. Viele Kollegen besetzten das Kulturhaus des Ortes. Dort forderten Redner, die sich spontan berufen fühlten, unter großem Beifall die Aufhebung der Normen, die Verbesserung der Lebensbedingungen und schließlich auch freie Wahlen für ein gesamtdeutsches, neutrales Land. Trotz der Einkesselung herrschte eine ungeheure Euphorie, ein grenzenloses Gefühl der Freiheit mit offenem Ausgang. Während wir, trunken des freien Wortes, hingerissen unseren Rednern lauschten, bemerkte ich am Ende des Saales eifrig stenografierende Frauen und Männer, etwa fünf bis sechs Personen. Ich stand auf, ging den Mittelgang in Richtung Rednerpult und rief laut: „Dort hinten sitzen sie und stenografieren jedes Wort, wollen wir uns das gefallenlassen?“ Empört sprangen die Zuhörer auf und wandten sich den Angesprochenen zu. Blitzschnell verschwanden Stenoblock und spitzer Bleistift in den Taschen, und die Mitschreiber verschwanden wortlos unter den zornigen Rufen der Anwesenden. Schließlich begab sich eine resignierende, enttäuschte Masse von Werktätigen auf den Werkhof zurück. Dort entstanden erregt diskutierende Gruppen. Ich stieß zu einer Gruppe von etwa fünf Personen, unter welchen sich auch ein mir entfernt bekannter Genosse befand, der eifrig auf seine Zuhörer einredete. Ich trat zu ihnen und hörte zunächst schweigend zu. Es gab damals schon das Gerücht eines gesteuerten Aufstandes, welches soeben verbreitet wurde. Ich wandte mich an den betreffenden Genossen, der sein Fahrrad in den Händen hielt, und fragte: „Genosse, wo ist eigentlich dein Parteiabzeichen geblieben?“ und wendete das Revers seines Sakkos nach außen, und wir alle entdeckten staunend, schließlich brüllend vor Lachen, das SED-Abzeichen. Der Mann nahm sein Fahrrad etwas fester in die Hände, drehte es und verließ uns. Die Diskussion war zu Ende. Peter Lutze, Berlin Massenverhaftungen in Dresden beobachtet Ich war damals etwa 23 Jahre alt und fast am Ende des dritten Studienjahres an der TU Dresden, nachdem ich nach dem Abitur 1949 zunächst ein Jahr „freiwillige Zwangsarbeit“ im sowjetischen Uranbergbau SAG Wismut abgeleistet hatte. Ein wichtiges Ereignis der Vorgeschichte des 17. Juni war Stalins Tod am 5. März 1953. Es entstand eine Hoffnung auf gesellschaftliche und politische Entspannung. Während die FDJ-Funktionäre Ehrenwachen für Stalin hielten, gingen die meisten Studenten achtlos an ihnen vorüber, manche konnten sich bereits ein gewisses schadenfrohes Lächeln nicht verkneifen. In Dresden erlebte ich den 17. Juni unmittelbar. Veranlaßt durch eine Streikmitteilung fuhr ich nach meinem Praktikum bei der Pharma-Firma Madaus in Radebeul gegen Mittag mit dem Fahrrad nach Dresden zum Postplatz im Zentrum der Stadt. Als ich ankam – etwa um 14 Uhr – war der Platz überfüllt mit Demonstranten, die gegen die geplante Erhöhung der Normen protestierten. Plötzlich versuchten einige Demonstranten, das Telefon-Zentralamt zu besetzen. Es kam zu heftigen Rangeleien mit der Volkspolizei und zur Verhaftung mehrerer Demonstranten. Doch das wirkte geradezu eskalierend. Der Tumult nahm zu, die eingesperrten Gefangenen wurden gewaltsam aus dem geschlossenen Vopo-Kleinbus befreit. Mehrere Volkspolizisten schlossen sich sogar den Demonstranten an. Der Protestzug formierte sich allmählich – eine Führung war nicht zu erkennen -, und es begann der Marsch durch die Stadt, durch die Thälmann-Straße, über den Pirnaischen Platz (heute Straßburger Platz). Dort trafen dann auch offene Lkw ein, mit streikenden Arbeitern besetzt, die mit Lautsprechern immer wieder riefen: „Von Ulbricht, Pieck und Grotewohl haben wir die Schnauze voll!“ Natürlich begleitet vom tobenden Beifall der Menge. Am Nachmittag wurde der Ausnahmezustand erklärt. Aber der Demonstrationszug ging trotzdem weiter, über die Günterstraße, mit besonderem Protest vorbei am Gerichtsgebäude und dann zum Sachsenplatz, weiter über die Albertbrücke zum Neustädten Markt/ Albertplatz und kam am Abend schließlich am Neustädter Bahnhof an. Da gerade eine abendliche Ausgangssperre erklärt wurde, strömten alle noch Demonstrierenden in die Bahnhofshalle. Aber wie kam man jetzt nach Hause? Und da erlebte ich den grausamsten Akt des 17. Juni. Gegen 20 Uhr versammelten sich etwa 200 der restlichen Demonstranten auf den Bahnhofsvorplatz in der Hoffnung eine Möglichkeit für den Heimweg zu erreichen. Plötzlich rückten mehrere Lkw mit Kasernierter Volkspolizei (KVP, Vorstufe der NVA) an, die Vopos sprangen von den Ladeflächen und stürmten mit aufgepflanzten Bajonetten im Laufschritt auf die Demonstranten zu. Mit brutaler Waffengewalt wurden diese zum Aufstieg auf die an der Gegenseite des Platzes rückwärts aufgestellten etwa zehn Lkw gezwungen. Die Lkw wurden von der KVP sofort verschlossen und abtransportiert. Keiner weiß, was mit diesen 200 Menschen geschah. Ich hatte Glück, da ich mit dem Fahrrad am Rande des Platzes stand und bei Ankunft der KVP schnell in den Vorgarten eines angrenzenden Hauses entkommen konnte. Dort verbrachte ich vorsichtshalber fast zwei Stunden, bevor ich mich auf öffentliche Straßen, jetzt in Richtung Elbwiesen, begab. Auf dem Heimweg mit dem Fahrrad Richtung Loschwitz wurde ich auf den rechten Elbwiesen von der Stasi angehalten und längere Zeit verhört, aber dann nach Rückruf im Praktikums-Betrieb in Radebeul und entlastender Auskunft freigelassen. Die Belegschaft des Pharma-Betriebes in Radebeul streikte übrigens noch weiter, bis der für die Beteiligung des Betriebes am Streik verantwortliche und deshalb verhaftete Professor des dazugehörigen Forschungsinstitutes, Spitzname „Kiesel-Richard“, nach etwa drei Wochen wieder freigelassen wurde. Sehr viel später, 1992, habe ich in Frankfurt/Main zufällig eine etwas ältere Frau aus Tannenberg (bei Annaberg/ Erzgebirge) getroffen, die dort einen größeren Bauernhof besaß und 1953 nach dem 17. Juni zusammen mit ihrem Mann wegen angeblicher Spionage verhaftet wurde. Wie sie mir berichtete, mußte sie – in Einzelhaft – mit anhören, wie ihr Mann in der Nachbarzelle erschossen wurde. Sie konnte nicht von ihm Abschied nehmen und war noch mehrere Jahre in Einzelhaft. Der Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 ist zwar gescheitert, aber er hat Signale gesetzt für die Erfolgsmöglichkeiten eines selbstbewußten Auftretens bei guter Zusammenarbeit. Es war lange Zeit danach noch üblich, sich unter Gleichgesinnten mit Handschlag und der Bemerkung „Das nächste Mal klappt’s!“ zu begrüßen. Egon Kunze, Bergisch Gladbach Fahnenschwenkend durch die Kreisstadt Den 17. Juni 1953 erlebte ich in meiner Heimat Thüringen als 12jährige Schülerin. Schon Wochen vorher spürte ich in meinem persönlichen Umfeld, daß bald irgendwas passiert. Die Menschen waren unruhig, es wurde diskutiert, überall steckten die Köpfe zusammen. Meine Familie wollte am 17. Juni zusammen mit anderen an dem Aufstand in unserer Kreisstadt teilnehmen und meine Neugierde war nicht zu bändigen, ich wollte unbedingt mit. Am frühen Morgen begaben wir uns zu den Nachbarn und anschließend versammelten wir uns mit vielen anderen Freunden, Bekannten auf dem Rathausplatz in unserer Kreisstadt. Dort war in diesen frühen Morgenstunden bereits der Teufel los. Menschenmassen, darunter auch einige Kinder, viele hatten Fahnen mitgebracht, bewegten sich aufgeregt diskutierend und gestikulierend. Nachdem der Rathausplatz mittlerweile bis zum Bersten überfüllt war, begann die Demonstration mit geschwenkten Fahnen und Sprechchören durch die Straßen in unserer Stadt. Überall waren Fenster und Türen offen, winkende Menschen, manche auch mit Fahnen, beteiligten sich auf diese Art an dem Volksaufstand. Da ich an der Außenseite ging, konnte ich beobachten, wie einige sehr wütende Menschen Steine und Wurfgeschosse auf Bürgersteige oder gegen Hauswände warfen. Wir sind durch mehrere Straßen gezogen, bis der Marsch auf einem anderen großen Platz zum Stehen kam, wo sich die Reden und Sprechchöre unter Fahnenschwenken fortsetzten. Später löste sich die Menge auf, die Fahnen wurden eingerollt und in Gruppen begaben sich die Demonstranten auf den Heimweg. Zu Hause diskutierten wir noch mit Nachbarn und Freunden über die Ereignisse. Auch in der Schule war die Demonstration im Unterricht das Thema des Tages. Wie ich feststellte, war ich die einzige Schülerin, die teilgenommen hatte. Uta Fritzsche, Mönchengladbach Geburtstagsfeier im Ausnahmezustand Die mittleren Junitage des Jahres 1953 waren für mich als 14jährigem Bengel von besonderem Reiz, weil man Auseinandersetzungen als lebendige Geschichte in Berlin-Staaken erlebte. Da wir noch keinen Fernseher besaßen, hörten wir häufig Radio, vorwiegend den RIAS, der uns besonders durch Sendungen wie „Schlager der Woche“, „Es geschah in Berlin“, „Die Insulaner“, „Die Müllerin“ in Erinnerung geblieben ist. Am Dienstag, dem 16. Juni, meldete der RIAS schon zunehmende Unruhe unter Teilen der Ostberliner Bevölkerung. Zwar waren die Normerhöhungen wieder zurückgenommen worden, aber die politische Ruhe kam nicht zustande. Das Jahr 1953 war zum Karl-Marx-Jahr erklärt worden und die staatliche Propaganda lief auf Hochtouren, besonders in der Schule war ich davon betroffen. Eine Freude war es deshalb für uns Jungen, wenn wir an einem Abend der Woche bei unserem sympathischen Pfarrer Gottfried König, der die Ost-Gemeinde nach dem erzwungenen Rückzug von Pfarrer Johannes Theile ins August-Franke-Heim im Westsektor übernommen hatte, die „Junge Gemeinde“-Veranstaltung besuchten. Hier wurden uns berührende Fragen und Probleme des Alltags, der Politik aus christlicher Sicht behandelt. Als besonderes Familienereignis wurde am 17. Juni der 48. Geburtstag meiner Mutter gefeiert. Sie hatte viele gute Bekannte und Nachbarn zu Gast; die Unterhaltung war angeregt, die RIAS-Meldungen waren im Kreise der Gleichgesinnten das Thema. Gegen 14 Uhr kam die Meldung, daß Generalmajor Dibrowa seit 13 Uhr für Ostberlin den Ausnahmezustand mit allen Konsequenzen verhängt habe. Davon ließ sich jedoch die frohe Runde nicht schrecken. Leider waren die Gäste vom Nachbarhaus – alle drei auf der gleichen Seite der Straße „Am Fliegerhorst“ angrenzenden Häuser waren nach dem Verlassen durch die nach West-Berlin verzogenen Eigentümer und Mieter von kasernierter Volkspolizei besetzt worden – beobachtet worden und so kam gegen 17 Uhr ein gefechtsmäßig ausgerüsteter Leutnant mit Stahlhelm und sowjetischer MP und jagte die Geburtstagsgäste mit den Worten „Es herrscht Ausnahmezustand und Versammlungsverbot“ auseinander. Die Gäste hüllten sich in eisiges Schweigen, sie wußten, das man mit diesem Menschen nicht über ihre Sehnsucht nach einem einheitlichen freien Deutschland sprechen konnte. Unter den Gästen befand sich auch der erfolgreiche BND-Spion Arno Jänicke, welcher als Lokomotivheizer besonders auf dem Wustermarker Verschiebebahnhof die Truppentransporte der Roten Armee registrierte und nach West-Berlin meldete (erst 1960 flog er wegen Unachtsamkeit auf und wurde zu einer hohen Zuchthausstrafe verurteilt, nach dreijähriger Strafzeit wurden er und seine Familie freigekauft). Werner Schulz, Eggersdorf Fotos: Tumulte am Leipziger Marktplatz am 17. Juni 1953: „Das nächste Mal klappt’s!“ Ein verletzter Demonstrant wird medizinisch versorgt: „Von Ulrich, Pieck und Grotewohl haben wir die Schnauze voll!“ West-Berliner verfolgen die Demonstration an der Sektorengrenze: „Die große Chance wurde vom Westen verpaßt“ Umkämpftes Columbia-Haus am Potsdamer Platz: Schreibmaschinen und Möbel flogen aus den Fenstern „WIR WOLLEN FREIE MENSCHEN SEIN!“ Losung aufständischer Arbeiter am 16./17. Juni 1953

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