Entzauberung der Republik

Nützliches und Dauerhaftes läßt sich nur erreichen, wenn man sich von der Geschichte emanzipiert“. Das riet einst Manuel Azaña, ein republikanischer Dogmatiker, seinen Spaniern, die er für erbgeschädigt wie manche Syphilitiker hielt, infiziert und verdorben von einer fürchterlichen Geschichte. Seine energischen Versuche, Spanien in diesem Sinne gesund zu machen und gleichsam von sich selbst zu befreien, dynamisierten allerdings die Gegensätze und beschleunigten deren Umschlag in die totale Konfrontation, in den Bürgerkrieg. Nach dem Tod Francos, im Herbst 1975, kam es zum unaufgeregten Übergang in die gekrönte Demokratie, weil die Spanier einen radikalen Bruch mit der jüngsten Vergangenheit unbedingt vermeiden wollten. Unter der Leitung des Königs begannen die Verfassungsorgane, die Franco eingerichtet hatte, vorsichtig damit, das alte Regime durch wohlüberlegten Umbau aufzulösen. Sie nutzten die gebotenen Chancen zum verfassungsmäßigen Wandel und forderten oppositionelle Kräfte dazu auf, sich zu organisieren und daran mitzuwirken. Der Übergang wurde alsbald zu einer allgemein beachteten Leistung aller Spanier, um auf der Grundlage der alten Legitimiät zu einer neu formulierten zu gelangen, die das ganze Volk unter sich versöhnt anerkennen konnte. Das ist mittlerweile manchen Spaniern sehr peinlich. Denn die heute funktionierende konstitutionelle (Erb-)Monarchie soll möglichst unabhängig von Franco, also unabhängig von der Geschichte gesehen werden. Denn sonst würde im nachhinein Franco und sein System als vorläufig und entwicklungsfähig bestätigt und als Übergang zum Übergang verstanden werden. Insofern gibt es Bemühungen, Spanien von der Geschichte zu emanzipieren. Das heißt, das heutige Spanien als Erben der gescheiterten Republik auszugeben, 1975 neu begründet von Republikanern, von besiegten Kämpfern und unentwegten Oppositionellen, die Franco und sein System dauernd beunruhigten und endlich entmachteten. Gegen solche Mythen oder Märchen wendet sich Pío Moa, ein ehemals einsatzfroher Aktivist gegen „Faschisten“ und linke „Sozialfaschisten“. Mit seinem Buch „Mythen des spanischen Bürgerkrieges“ will er Versuche entkräften, über eine Rückbindung an die gescheiterte Republik dem heutigen Spanien ein historisches Fundament zu sichern, das seinen Grund gerade nicht in der Geschichte findet. Francos Gegner waren keine Garanten der Demokratie Die Mythisierung beginnt schon bei dem Begriff Republikaner. Er suggeriert, daß die Gegner Francos als Republikaner die verfassungsmäßige Ordnung gegen Rebellen verteidigten. Pío Moa erläutert, wie sich die Republik seit dem Oktober 1935 immer weiter von ihren rechtlichen Übereinkünften löste und seit dem Frühjahr 1936 endgültig in eine revolutionäre Republik umschlug. Die Verfassung von 1931 blieb nur noch eine Fiktion. Unter die sogenannten Republikaner werden umstandslos Anarchisten gerechnet, die als antibürgerliche Antirepublikanerer nur gelegentlich Kompromisse mit der Republik eingingen und zuletzt von deren Hütern, den Kommunisten, politisch entmachtet wurden. Die gleichen Kommunisten vernichteten die katalanischen Kommunisten als Trotzkisten und Feinde der Republik. Kommunisten kämpften für eine revolutionäre Republik. Sie wurden dabei durchaus von Sozialisten unterstützt, die aus Überdruß an der bürgerlichen Republik nach der proletarischen Revolution verlangten. Die Kommunisten mußten den revolutionären Elan unter Sozialisten dämpfen, schließlich konnten sie Unordnung im Bürgerkrieg nicht brauchen. Sie sprachen im Gegensatz zu Anarchisten, revolutionären Sozialisten, katalanischen oder baskischen Nationalisten vom Staat. Das verband sie mit dem kleinen Häuflein von Republikanern um Azaña. Die Republikaner fürchteten allerdings einen „republikanischen“ Staat der Kommunisten, obschon sie sich als furchtsame Bürger wiederum mit den Kommunisten verbündet hatten, im Glauben, sie domestizieren und marginalisieren zu können. Kurzum, die „Republikaner“ hatten sehr verschiedene Vorstellungen von der Republik und dem eigenen Platz in einer republikanischen Ordnung. Sie waren unter sich heillos zerstritten, zeitweise im Bürgerkrieg untereinander mehr beschäftigt als mit dem Krieg gegen Franco. Der sehr intellektuelle Staatspräsident Azaña sparte in seinen Tagebüchern nicht mit bitteren Kommentaren über seine republikanischen Mitstreiter, die an polemischer Schärfe alle Kritik der Frankisten oder Nationalen übertreffen. Es ist der republikanische Staatspräsident, der Pío Moa die Stichworte liefert, um die Republik und den Umschlag in den Bürgerkrieg als Abschluß eines Verwesungsprozesses zu schildern, der im späten 19. Jahrhundert begann und durch die europäische Krise des Liberalismus und der bürgerlichen Kultur beschleunigt und intensiviert wurde. Der Bürgerkrieg führte unausweichlich zum Zusammenbruch des Liberalismus und liberalen Staates, zum Zusammenbruch der Welt von gestern, der Welt des 19. Jahrhunderts, weil außer einer Minderheit um Azaña die sogenannten Republikaner eine bürgerlich-liberale Republik für veraltet und überlebt hielten. Selbst Azaña als doktrinärer Jakobiner hatte eine illiberale republikanische Idee, da er die Herrschaft in der Republik nur den Republikanern vorbehalten wollte, was hieß, fast alle Mitte- und Rechts-Parteien von der politischen Mitbestimmung durch demokratischen Wechsel auszuschließen. Außerdem war bei den politischen Differenzen während des Krieges und dem spätestens seit dem Sommer 1938 zu erwartenden Sieg Francos der Widerstandswille der einzelnen Gruppen sehr unterschiedlich ausgeprägt. Der Staatpräsident gab damals den Krieg schon für verloren und spottete über die Durchhalteparolen der Sozialisten und Kommunisten. Die Bevölkerung, zermürbt von fürchterlichen Entbehrungen, hatte nie rückhaltlos hinter der Republik gestanden. Schließlich hatten viele unter ihnen rechte, konservative oder Parteien der Mitte gewählt. Gerade Bürger, schnell verschreckt durch revolutionäre Unruhen, flüchteten förmlich in die Kommunistische Partei, von der sie Ordnung und Sicherheit erhofften. Aber gerade die Kommunisten forderten dazu auf, nicht nachzulassen im unermüdlichen Einsatz für den „Endsieg“. Die militärische Entschlossenheit und der republikanische Enthusiasmus mußten gegebenenfalls mit drastischen Mitteln gestärkt werden. Moa entmythisiert republikanische Legenden Republikanische Gefängnisse, Straflager, die Folgen des gesunden Volkszorns konnten einschüchternd auf jeden Fall wirken, oft aber auch tödlich sein. Zu den Mythen des republikanischen Freiheitskampfes gehören die Internationalen Brigaden, die Solidarisierung der antifaschistischen Internationale mit der antifaschistischen Revolution in Spanien. Viele der internationalen Kämpfer, meist von den Spaniern bewußt isoliert, verloren bald ihre Illusionen. George Orwell und Arthur Koestler sind die berühmtesten Abtrünnigen vom Kommunismus unter dem Eindruck des Bürgerkrieges. Vor allem war es der Republik nicht gelungen, die intellektuellen Wegbereiter zum Übergang in die Demokratie auf ihrer Seite zu halten. José Ortega y Gasset, der 1930 dramatisch eine Republik forderte, war schon drei Jahre später bitter enttäuscht von der sich revolutionierenden Republik, die er im Herbst 1936 nach Schikanen und Amtsenthebung empört verließ. Seinem Beispiel folgten die berühmtesten Gelehrten und Schriftsteller Spaniens. Sie entzogen sich der Republik, schlossen sich aber nicht sofort Franco an, sondern wichen in die Emigration aus. Manche kehrten nicht nach Spanien zurück, andere, wie Ortega y Gasset, erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Ortega akzeptierte das Ergebnis des Bürgerkrieges. Er hatte schon 1936 keinen Hehl daraus gemacht, daß sich der Bürgerkrieg in der Republik vorbereitete, die ihr Scheitern selber verschuldete und damit den Krieg. Pío Moa greift auf Überlegungen zurück, die bekannt sind und keineswegs aus dem „nationalen“ Lager stammen, sondern von enttäuschten Liberalen zuerst vorgetragen wurden. Überhaupt sind die einzelnen „Entmystifzierungen“ der republikanischen Legenden nicht unbedingt originell. Stanley Payne, der amerikanische Historiker des spanischen 20. Jahrhunderts, hat umsichtig die vielen Spannungen und Meinungsverschiedenheiten im „republikanischen Lager“ analysiert. Moa wiederholt Bekanntes, ruft es aber durchaus mit polemischer Absicht ins Gedächtnis, um entgegen neuer Legende an die unbequeme Tatsache zu erinnern, daß Franco den Weg zum neuen Spanien ebnete, einen Übergang aus vollends zerrütteten Verhältnissen zu einem weiteren Übergang jetzt in die Demokratie ermöglichte. Darin liegt das Aufreizende für solche, die eine Rückbindung Spaniens an die besiegte Republik fordern, um der Geschichte und dem Erbe Francos ausweichen zu können. Der ungemeine Erfolg des Buches in Spanien bestätigt, daß offensichtlich viele Spanier mit dem Gang ihrer Geschichte keine sonderlichen Schwierigkeiten haben und keine neue Legitimierung ihres Staates erwarten, der als Ergebnis der Geschichte seine Überzeugungskraft gewinnt und nicht aus Emanzipationsbemühungen von der Realität. Fotos: Karlistische Freiwillige, die auf Francos Seite kämpften: Es gibt Bemühungen, Spanien von seiner peinlichen Geschichte zu emanzipieren / Republikanischer Milizionär in Barcelona 1936: Viele Ziele Pío Moa: Los mitos de la guerra civil. La esfera historia, Madrid 2003, 605 Seiten, gebunden, 26 Euro

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