Tuol Sleng
Schädel von Opfern der Roten Khmer im Tuol-Sleng-Museum in Phnom Penh Foto: picture alliance/dpa

Triumph der Barbarei
 

Nur eine kleine Organisation

Am 18. März 1970 nutzte der kambodschanische Premierminister und Armeechef Lon Nol einen Auslandsaufenthalt des Staatspräsidenten und früheren Königs Norodom Sihanouk, um sich in Phnom Penh an die Macht zu putschen. Daraufhin flüchtete der gestürzte Potentat nach China, wo man ihn zunächst umschmeichelte und dann agitierte, ein Bündnis mit den Roten Khmer einzugehen sowie eine Exilregierung zu bilden.

Und das tat der politisch naive Sihanouk dann auch, womit die kleine maoistische Guerillatruppe, die aus der Kommunistischen Partei Kambodschas hervorgegangen war, deutlich an Ansehen gewann – insbesondere gewann sie die Sympathie der traditionell orientierten Landbevölkerung, die in Sihanouk immer noch einen Gottkönig sah.

Im Gegensatz dazu schwand der Einfluß des offenkundig unfähigen und korrupten Lon Nol. Deshalb brachten die Roten Khmer bald große Teile Kambodschas unter ihre Kontrolle, während zugleich immer mehr radikale Persönlichkeiten vom Schlage eines Pol Pot alias Saloth Sar an die Spitze der oppositionellen „Waldarmee“ rückten.

Pol Pol und sein Gefolge blieben anonym

Diese startete schließlich am 1. Januar 1975 eine Großoffensive zur Eroberung der Hauptstadt Phnom Penh, deren Bevölkerungszahl durch den ständigen Zustrom von Flüchtlingen von 600.000 auf zwei bis drei Millionen angewachsen war. Und tatsächlich wurde die Metropole am Mekong-Zufluß Tonle Sap dreieinhalb Monate später, nämlich am 17. April 1975, durch rund 20.000 Kämpfer der Roten Khmer besetzt, wonach die Ausrufung des „Demokratischen Kampuchea“ folgte.

Dabei stellte sich das Ganze für die Kambodschaner zunächst gar nicht wie eine explizite kommunistische beziehungsweise maoistische Machtübernahme dar, weil die neue Führungsspitze des Landes einfach nur als „Angka“, das heißt „Die Organisation“, auftrat.

Ebenso blieben Pol Pot und dessen engste Gefolgsleute anonym: sie firmierten als „Bruder Nummer eins“, „Bruder Nummer zwei“ und so weiter. Bemerkenswert ist weiterhin, daß sowohl der Chef der Roten Khmer als auch dessen rechte Hand Khieu Samphan sowie der „Bruder Nummer drei“, Ieng Sary, welcher später als Außenminister Kampucheas fungierte, die fast gleichen Lebenswege aufweisen.

Anbiedern an die Steinzeitkommunisten in China

Die drei obersten „Brüder“ der Roten-Khmer wurden zwischen 1925 und 1931 in der gehobenen Schicht im kambodschanischen Teil Französisch-Indochinas geboren und studierten Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre an der Pariser Sorbonne. In dortigen linken Studentenzirkeln im Quartier Latin und den Intellektuellen-Cafés von Saint-Germain-des-Prés begeisterten sie sich für kommunistische Gesellschaftsmodelle und gerieten schnell in den Sog der damals noch streng stalintreuen Parti Communiste Français, die seit den vierziger Jahren durch wortführende Linke wie Jean-Paul Sartre oder Max Gallo protegiert wurden und in deren Dunstkreis sich auch populäre Figuren wie der Chansonnier Yves Montand oder der Maler Pablo Picasso tummelten.

Andererseits bezogen die Roten Khmer ihr ideologisches Rüstzeug aber nicht nur aus Frankreich, sondern orientierten sich auch sehr stark am Vorbild von Mao Tse-tung. So sahen sie in dessen Kulturrevolution eine Blaupause für die Umgestaltung Kambodschas. Aus diesem Grund reiste Pol Pot schon im Mai 1975 nach Peking, woraufhin Mao 20.000 „Berater“ ins Reich der Roten Khmer schickte. Außerdem schmeichelte er den Steinzeitkommunisten im Süden mit Sätzen wie: „Für jeden Schritt, den China macht, machen unsere kambodschanischen Genossen zwei.“

Damit feierte der „Große Führer“ nicht zuletzt die umgehend eingeleitete Entvölkerung von Phnom Penh in den Tagen nach dem 17. April 1975: In ihrem Bestreben, sämtliche Klassenunterschiede und die „parasitäre Bourgeoisie“ abzuschaffen, hatten die Roten Khmer alle Einwohner der Hauptstadt sowie der anderen großen Ortschaften Kambodschas aufs Land deportiert, wo sie Reis anbauen sollten – getreu dem primitivistischen Motto: „Wenn wir Reis haben, haben wir alles.“

Lobeshymnen an Pol Pot von europäischen Linken

Darüber hinaus setzten Pol Pot und dessen Gefolgsleute unter anderem auch noch die Abschaffung des Privateigentums und das Verbot jedweder Form von Religiosität durch. Bei diesem Tun genossen sie bezeichnenderweise die Sympathie vieler Vertreter der westlichen Linken. Erinnert sei hier nur an die unkritischen Lobeshymnen von Birgitta Dahl, der späteren Vorsitzenden des schwedischen Parlaments, dem US-Sprachwissenschaftler und linken Vordenker Noam Chomsky und nicht zuletzt Hans-Gerhart Schmierer, dem Chef des Kommunistischen Bundes Westdeutschlands, der später unter Joschka Fischer und Frank-Walter Steinmeier im Auswärtigen Amt reüssieren sollte.

Diese Pol-Pot-Verehrer verstummten erst, als es sich nach dem Sturz der Roten Khmer 1978 partout nicht mehr leugnen ließ, daß diese in ihrem apokalyptischen Bauernstaat Millionen von Menschen aufs viehischste ermordeten.

JF 17/15

Schädel von Opfern der Roten Khmer im Tuol-Sleng-Museum in Phnom Penh Foto: picture alliance/dpa
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