Beweiskraft hat nur der Heilungserfolg

Der Medizinhistoriker Josef M. Schmidt unterstellt in der Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte Sudhoffs Archiv (Ausgabe 1/07) der Homöopathie ein „vorwissenschaftliches Weltbild“ und „irrationale Prinzipien. Sie weiche permanent einer Festlegung auf verbindliche, überprüfbare Hypothesen aus und habe keine verifizierbaren und falsifizierbaren Aussagen anzubieten. Schmidt erklärt  die Homöopathie für „unvereinbar mit den modernen Naturwissenschaften“. In dem Artikel werden gar Analogien zur Astrologie gezogen, eine „Nähe zum Kurpfuschertum“ unterstellt. Diese Aussagen sind allesamt kaum aufrechtzuhalten.

Im 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Therapie der damaligen Schulmedizin höchst unwissenschaftlich. Auf sie trafen alle Aussagen Schmidt tatsächlich zu. Dem stellte Hahnemann erstmals eine rationale Heilkunde in seinem Hauptwerk „Organon“ entgegen. Paragraph 2 dieses Buches lautet: „Das höchste Ideal der Heilung ist schnelle, sanfte, dauerhafte Wiederherstellung der Gesundheit, oder Hebung und Vernichtung der Krankheit in ihrem ganzen Umfange auf dem kürzesten, zuverlässigsten, unnachtheiligsten Wege, nach deutlich einzusehenden Gründen.“

Diesem Grundsatz folgend, führte er als erster die systematische Arzneimittelprüfung am gesunden Menschen ein. Er wies darauf hin, daß das von ihm zur Arzneiwahl benutzte Ähnlichkeitsprinzip schon von Hippokrates erwähnt und offenbar auch angewandt wurde. Auch Paracelsus hat es in ganz ähnlicher Weise wie Hahnemann formuliert. Ein solches Grundprinzip läßt sich aber weder falsifizieren noch verifizieren. Es kann nur empirisch bestätigt werden. Gerade darum haben sich die homöopathischen Ärzte aber von Anfang an bemüht. Bereits in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts führten sie systematisch kontrollierte Studien gegen Placebo in den verschiedensten Ländern durch, deren positive Ergebnisse von den Vertretern der Schulmedizin regelmäßig unterdrückt wurden, wie Michael Enmans Dean in einer sehr umfangreichen Studie nachwies. Das gilt leider bis heute.

In einer Metaanalyse von 105 homöopathischen wissenschaftlichen Studien durch die niederländischen Mediziner Jos Kleijnen, Paul Knipschild und Gerben ter Riet waren achtzig Studien positiv für die Homöopathie. Die Autoren konnten sich nur deshalb nicht zu einer Anerkennung der Wirksamkeit der Homöopathie entschließen, weil sie sich den Wirkmechanismus der homöopathischen Arzneien nicht erklären konnten. Hauptstein des Anstoßes sind natürlich seit jeher die sogenannten Hochpotenzen. Hahnemann hatte beobachtet, daß in vielen Fällen im Verhältnis eins zu hundert verdünnte und verschüttelte Arzneien besser wirkten als die Ausgangsstoffe. Dies geschah auch, wenn die Dosisverkleinerung die Loschmidt’sche Zahl von 10 hoch minus 23 überschritt und damit kein Molekül des ursprünglichen Stoffes mehr in der Arznei war. Nach allen wissenschaftlichen Kenntnissen schien damit eine arzneiliche Wirkung unmöglich zu sein.

Wasser als Informationsspeicher

Hahnemann hatte dies selbst bemerkt und gesagt, er könne sich das auch nicht erklären, müsse aber seinen Beobachtungen am Krankenbett in diesem Falle mehr vertrauen als rationalen Überlegungen. Inzwischen wissen wir, daß Wasser mit großer Wahrscheinlichkeit Informationen speichern kann und deshalb eine Hochpotenz nicht mehr chemisch, sondern physikalisch durch Umsteuerung der krankhaften Fehlregulationen wirkt, ähnlich wie man einen Fehler der Software des Computers behebt, während die Medikamente der klinischen Medizin vergleichsweise an der Hardware angreifen.

Die Homöopathie ist damit eine hochmoderne, auf streng rationalen Prinzipien beruhende Heilmethode. Sie wurde von der sogenannten Schulmedizin bisher abgelehnt, weil ihre Grundlagen dem dort geltenden Paradigma im Sinne des Wissenschaftstheoretikers Thomas Kuhn widersprechen. Dieser hatte aber bereits festgestellt, daß der Streit zwischen Vertretern verschiedener Paradigmata nicht durch Beweise entschieden werden kann. Da auch die moderne Medizin noch immer bei der Physik des Newton und Galilei stehengeblieben ist, wird bei ihren Vertretern das Verständnis für die Homöopathie wohl erst dann erwachen, wenn sie sich in die Quantenphysik eingearbeitet haben. Dennoch könnte die Universitätsmedizin auch heute schon ihre Heilerfolge wesentlich verbessern, wenn sie nur die homöopathische Krankheitslehre zur Kenntnis nähme.

Dazu gehören die Lehre von der Causa (auslösende Ursache), die Hering’sche Regel, mit deren Hilfe die Richtigkeit der Arzneiwahl überprüfbar wird, die Lehre von der Unterdrückung und die Lehre von den chronischen Krankheiten. Gerade diese letzteren stellen bis heute noch immer große Probleme dar. Hier kann die Homöopathie in vielen Fällen helfen. Das ist auch einer der Gründe, warum immer mehr Patienten homöopathisch behandelt werden möchten.

Selbstverständlich lassen sich nicht alle Probleme rein homöopathisch lösen, deshalb brauchen wir beide, Schulmedizin und Homöopathie. Der homöopathische Arzt ist ja primär ausgebildeter Schulmediziner, der sich noch homöopathisch fortgebildet hat. Er muß im Einzelfall entscheiden, welche Methode am schnellsten zum Ziel führt. Es wäre zu wünschen, daß auch jeder Schulmediziner soviel von der Homöopathie verstünde, daß er wüßte, wann er zum homöopathischen Arzt überweisen müßte.

Dr. med. Karl-Heinz Gebhardt ist Arzt für Innere Medizin und Homöopathie in Karlsruhe.

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