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Kassandra unerhört

In der griechischen Sage verfügt Kassandra über die Gabe der Vorhersage, ist aber mit dem Fluch versehen, daß ihr niemand Glauben schenkt, so daß am Ende der Untergang Trojas folgt. Vielleicht sollte man sich öfter von Mythen inspirieren lassen, um den Blick für menschliche Schwächen zu schärfen. Denn mit seinen naturwissenschaftlichen Kenntnissen verfügt der moderne Mensch zwar über sagenhafte Prognosemöglichkeiten, aber ernst genommen werden sie nicht immer. Beispiele aus Deutschland gibt es einige. So warnte ein Ingenieur schon vor Jahrzehnten vor Wassereinbrüchen in das Atommüllager Asse, er wurde aber ignoriert (JF 6/09). Vor dem Einsturz des Stadtarchivs beim U-Bahn-Bau in Köln soll es Hinweise gegeben haben, daß wegen dortiger Statikprobleme unter Umständen sogar Menschenleben gefährdet seien.

Ähnlich liegt der Fall in Italien, wo der Physiker Giampaolo Giuliani rechtzeitig vor dem verheerenden Erdbeben warnte, aber von Behörden wie Kollegen als Unruhestifter hingestellt wurde. Warnende Stimmen gibt es immer wieder, oft werden sie als hysterisch abgetan, manchmal sind sie es auch – aber nicht immer. Daher empfahl schon der Philosoph Hans Jonas, den ungünstigen Prognosen den Vorzug zu geben und gerade sie ernst zu nehmen. In Zeiten, in denen Optimismus zur Pflicht erklärt wird, sollte daran mehr denn je erinnert werden. Das nützt aber alles nichts, wenn die Institutionen marode sind, was bei der Schmähung von Sekundärtugenden beginnt und beim Klüngel endet. Denn die beste wissenschaftliche Kassandra nützt nichts, wenn ihr institutionell nicht der gebührende Platz eingeräumt wird. Mindermeinungen innerhalb eines Faches sind oft gut begründet – sie sollten geachtet werden.

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