Am finanziellen Abgrund

Fünf Jahre nach Beginn des Irak-Kriegs hat der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz zusammen mit der Harvard-Ökonomin Linda Bilmes die ökonomischen Folgen des „Three Trillion Dollar War“ in Irak und Afghanistan analysiert (JF 13/08). Mit 1,7 bis 3 Billionen Dollar beziffern sie die Kosten des „Kriegs gegen den Terror“ bis 2017 – finanziert durch Schulden. Das sind die Billionen, die in den USA für ein modernes Gesundheitswesen, gute öffentliche Schulen und Universitäten oder Infrastrukturprojekte fehlen. In Europa werden die Folgen des kriegerischen Engagements noch nicht in die ökonomische Analyse der US-Finanzkrise einbezogen. Aus der Liquiditätskrise vieler Banken ist jetzt eine Solvenzkrise schwergewichtiger Hedge-Fonds wie Blackstone oder Carlyle Capital geworden. Die US-Notenbank (Fed) und der Finanzkonzern JP Morgan mußten die Investmentbank Bear Stearns mit Milliardenaufwand retten (JF 14/08). Die Zahl der Hedge-Fonds, die ihre Kredite nicht mehr bedienen können, ist noch unbekannt. Wenn diese aggressiven Finanzinvestoren (die ihre Geschäfte mit bestenfalls zehn Prozent Eigenkapital tätigen) zusammenbrechen, müssen die Banken die ihnen gegebenen Kredite in Milliardenhöhe abschreiben. Bisher wurden Insolvenzen der Banken durch die Fed-Milliarden vermieden. Der US-Leitzins ist seit Frühjahr 2007 von 5,0 auf nun 2,25 Prozent gesenkt worden – nach unten ist kaum noch Spielraum. Damit sollten die Investitionen gestärkt und der Konsum gefördert werden. Doch der vom U. S. Conference Board erstellte Index des Vertrauens der amerikanischen Verbraucher in die wirtschaftliche Entwicklung des Landes ist von 138,5 Punkten (Frühjahr 2007) auf 64,5 Punkte im März 2008 dramatisch gefallen – auf das niedrigste Niveau seit der Ölkrise 1973. Die Citigroup, Goldmann Sachs und Lehmann Brothers sitzen auf einem Schuldscheinberg von 130 Milliarden Doller, der nur noch mit 20 Prozent seines Wertes gehandelt wird. Wenn China, Rußland oder die Ölländer die Nerven verlieren und ihre US-Schuldverschreibungen einlösen, würde es ganz ernst. In Europa dreht es sich bei den Analysen der Finanzkrise in erster Linie immer noch um die Dollarschwäche und die Inflationsgefahren. Eine Analyse, warum dieser Zusammenbruch der Finanzmärkte passieren konnte, ist ausgeblieben. Das könnte sich bald als fatal herausstellen. Die durch die Kriege in Irak und Afghanistan aufgehäuften Schulden belasten das US-Finanzsystem zusätzlich bis zum äußersten. Kriegsschulden in dieser Höhe können nicht ohne Beschädigung des Finanzmarktes gemacht werden. Das gilt besonders dann, wenn die Aussicht auf eine expandierende Wirtschaftsentwicklung, die zu einer Rückzahlung der Kredite aus Steuermitteln führen könnte, in die ferne Zukunft verschoben ist. Für die deutsche Wirtschaft – soweit sie exportabhängig ist – zeichnet sich bei einem weiter sinkenden Dollar und gleichzeitig steigendem Euro-Wert ein Rückgang der Exporte in die USA ab. Speziell die Auto- und die Luftfahrtindustrie könnte Einbußen erleiden. So richtig brisant sei das jedoch nicht, da die USA inzwischen nur noch acht Prozent der deutschen Exporte aufnähmen und beispielsweise Rußland als am schnellsten wachsender Auslandsmarkt für Deutschland bereitstehe, die Einbußen in God’s own country teilweise auszubügeln, argumentieren Optimisten. Der Bundesverband Groß- und Außenhandel hält etwa ein Sinken des Exportwachstums auf fünf Prozent für verkraftbar. Verschwiegen wird, daß daraus volkswirtschaftlich eine Schrumpfung des deutschen Weltmarktanteils folgt. Zudem wird es nun besonders attraktiv, Produktionen von Europa in die USA zu verlegen. Für die US-Wirtschaft sehen viele Ökonomen trotz des freien Falls des Dollar-Wertes nicht schwarz. Nach einer Minirezession soll sich die US-Wirtschaft bis Jahresende wieder in ruhigen Bahnen entwickeln. Denn natürlich profitieren stark exportorientierte US-Firmen von der Dollarschwäche: Ihre Wettbewerbsfähigkeit steigt, das gigantische US-Handelsbilanzdefizit könnte endlich reduziert werden. Die in Euro erwirtschafteten Einnahmen führen bei weiteren Schwächeanfällen des Dollars für diese US-Unternehmen zu zusätzlichen positiven Effekten: Ihre Dollar-Gewinne steigen währungsbedingt. Die US-Exportunternehmen könnten sich an der Börse zu Schwergewichten entwickeln und durch zusätzliche Arbeitsplätze punkten. Doch die auf das Inland fixierten US-Unternehmen, die zudem auf importierte Vorprodukte und Öl angewiesen sind, geraten in Bedrängnis. Ihre Gewinne schrumpfen, der Verlust von Arbeitsplätzen droht. Die Befürchtung einer Rezession würde sich verselbständigen und den Prozeß einer wirtschaftlichen Flaute beschleunigen. Drei Viertel der bedeutenden US-Volkswirte und die US-Demokraten sind schon der Meinung, daß sich die USA mitten im Abschwung befinden: „Wir sind in einer Rezession, die eine ungewöhnliche Ursache hat. Es ist kein zyklisches Problem, sondern strukturell bedingt“, glaubt Barney Frank, Vorsitzender des Bankenausschusses im US-Repräsentantenhaus. Es gibt keinen Zweifel, daß die Beseitigung des Strukturproblems nach der Präsidentenwahl in Angriff genommen wird: die kaum noch zu finanzierende Überheblichkeit einer Weltmacht, die an eigenem Unvermögen scheitert. Der Rückzug aus dem Irak und Afghanistan und eine Neubestimmung der Außen- und Sicherheitspolitik werden zur Gesundung der US-Wirtschaft unumgänglich sein. Foto: Mercedes auf US-Highway in Florida: „Es ist kein zyklisches Problem, sondern strukturell bedingt“

Ahriman Verlag
Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles