Meister Adebar ist wieder da

Mitte der sechziger Jahre warnte die Biologin Rachel Carson in ihrem Buch „Der stumme Frühling“ vor den negativen Auswirkungen der zeitgenössischen chemischen Schädlingsbekämpfungsmittel auf die Ökosysteme. Die Vögel könnten im Frühjahr sonst zum letzten Mal singen. Die besagten Mittel setzten der Vogelwelt tatsächlich zu. Auch speziell in Mittel- und Westeuropa machte sich das bemerkbar. Aber erst wenn es eine Art trifft, die ein Symbolträger ist, läuten Alarmglocken. So war das 1974 auch im Elsaß. Der Bestand von dessen Symboltier, dem Weißstorch, war seinerzeit auf neun Brutpaare zurückgegangen. Als eine Ursache wurde der Einsatz von chemischen Schädlingsbekämpfungsmitteln in der intensiven Landwirtschaft ausgemacht. Aber weitere ungünstige Faktoren kamen hinzu. Denn viele der im Volksmund sogenannten Klapperstörche verendeten an den Hochspannungsmasten. Weitere Störche kamen von ihrem Winterquartier in Afrika nicht zurück, weil sie in der Sahelzone gejagt wurden. Im Rahmen von Wiederansiedlungsprojekten wurden im Elsaß Hochspannungsleitungen an entsprechenden Stellen mit Isolierungen versehen. Dann mußte dafür gesorgt werden, daß die Störche nicht zu ihren Winterquartieren nach Afrika loszogen. Also wurden Riesenvolieren errichtet, in denen die Tiere über drei Jahre hinweg an ihrem Abflug zu einem Winterdomizil gehindert wurden. In der Regel wurden die Störche nach dieser Zeit seßhaft und konnten ihr Gehege daher ganzjährig verlassen. Mit dieser Maßnahme kollidierte der Artenschutz zwar mit dem Tierschutz, doch war das der Preis, den zu zahlen sich nicht vermeiden ließ. Viele Dörfer beteiligten sich an den Wiederansiedlungsprojekten und verpflichteten sich im Zuge dessen, geeignete Nester für Meister Adebar zur Verfügung zu stellen sowie genug – unvergiftete – Nahrung. Störche essen vor allem Reptilien, kleine Nager, Fische und auch Insekten. Der Erfolg kann sich heute sehen lassen: Die Weißstorchenpopulation liegt im Elsaß bei derzeit etwa 380 Brutpaaren, so daß dieser einzigartige Vogel wieder zum gewöhnlichen Erscheinungsbild gehört, an dem sich die Touristen erfreuen. Aber auch auf der anderen Rheinseite, zwischen Weil am Rhein und Baden-Baden sind wieder etliche Störche heimisch. Für den Breisgau gibt es sogar einen eigenen Schutzverein namens SOS-Weißstorch. Auf deren Internetseite sind auch einige Orte in Erfahrung zu bringen, wo Weißstorchnester und deren Insassen bestaunt werden können: unter anderem in Umkirch, in Hugstetten, in Gottenheim, in Holzhausen, Freiburg-Opfingen und in Mengen. Aber auch über Mißerfolge wird berichtet, etwa verendete Storchenjunge, deren Obduktion ergeben habe, daß die Jungtiere zur Zeit eines Kälteeinbruchs zu wenig Nahrung hatten. Der Lebensraum der Störche bedarf noch immer der Verbesserung, folgert vor diesem Hintergrund der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). So gibt es mit Blick auf den Schutz des Weißstorches grenzüberschreitend Erfolge zu vermelden. Das ist gleichwohl aber kein Grund, bei den Bemühungen um den Erhalt seines Lebensraumes nachzulassen.

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