Wer die Umwelt verschmutzt, soll zahlen

Schnitzeljagd ist Schnäppchenjagd. In Zeiten, in denen gilt, "je günstiger, desto besser", fällt den meisten Kunden die Entscheidung an der Fleischtheke im Supermarkt nicht schwer: 98 Prozent aller Käufer greifen zum Schweineschnitzel aus herkömmlicher Produktion für sieben Euro pro Kilo, neben dem das Ökoschnitzel für 13 Euro meist vergeblich auf einen aufgeklärten Käufer wartet.

Die wenigsten von ihnen wissen, wie der enorme Preisunterschied (bis zu 90 Prozent) zwischen konventionell und ökologisch hergestelltem Fleisch zustande kommt. Die Gründe dafür hat die Studie "Was kostet ein Schnitzel wirklich?" näher analysiert, die im Auftrag des Verbrauchervereins Foodwatch vom Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) in Berlin erstellt wurde.

Das am vergangenen Mittwoch veröffentlichte Ergebnis des Vergleichs von vier Modellbetrieben zeigt, daß verzerrte Wettbewerbsbedingungen herrschen und die Preise für herkömmliches Fleisch zu niedrig sind. "Die Preise lügen", erklärt Thilo Bode, Geschäftsführer von Foodwatch und Ex-Greenpeace-Chef. Denn die externen Kosten für produktionsbedingte Umweltschäden schlagen sich nicht im Preis nieder, sondern werden indirekt vom Verbraucher gezahlt. Und das im doppelten Sinn: Mit seiner Gesundheit und mit seinen Steuern.

"Wer die Umwelt verschmutzt, muß auch dafür zahlen." Die Studie widerlege eindrucksvoll die Behauptung des Deutschen Bauernverbandes (DBV), daß konventionelle Bauern mit hohen Umweltstandards produzieren, so Bode in einer Presseerklärung. Die Vertreter des DBV wollten sich gegenüber der jungen freiheit nicht zu dieser Anschuldigung äußern. Das IÖW fand heraus, daß weiterhin massive Umweltschäden von der industriellen Landwirtschaft verursacht werden, darunter Treibhausgasemissionen, Grundwasserverschmutzung, ganz abgesehen von der gefährdeten Gesundheit des Konsumenten.

Die Medikamente und Antibiotika, die in der konventionellen Tierhaltung vorbeugend eingesetzt werden, erhöhen das menschliche Gesundheitsrisiko. Die Folgekosten trägt jedoch nicht der Landwirt, sondern der Verbraucher, zum Beispiel in Form der Trinkwasseraufbereitung, denn durch Stickstoff- und Mineraldüngung wird das Grundwasser nitrat- und pestizidhaltig. Würden diese Folgekosten, die laut Studie etwa 50 Cent pro Kilo Fleisch betragen, direkt auf die Produkte umgelegt werden, wären diese spürbar teurer. Ökologischer Landbau dagegen belastet die Umwelt weitaus weniger, da er beispielsweise auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel verzichtet. Dadurch wird allerdings das Futter teurer, denn man muß einheimisches, kontrolliert angebautes Futter verwenden, und kann nicht beispielsweise einfach billiges Soja aus Brasilien importieren.

Entscheidend für den extremen Preisunterschied ist vor allem die relative Bedeutungslosigkeit der ökologischen Landwirtschaft im gesamten landwirtschaftlichen Bereich: Im Jahr 2003 wurden in den deutschlandweit 77.900 Schweinemast-Betrieben, die insgesamt 37,5 Millionen Tiere schlachteten, nur 115.000 Öko-Schweine in 1.700 Öko-Mastbetrieben produziert. Pro Einwohner wurden im Jahr 2003 schätzungsweise 40 Kilogramm Schweinefleisch verzehrt. Davon kamen nur 200 Gramm aus umweltfreundlichen Ställen. Zahlenmäßig fallen die Biobauern praktisch kaum ins Gewicht. Durch den vergleichbar höheren Aufwand in solchen Betrieben schießen die Preise derart in den Himmel.

Der gesamte Herstellungsprozeß ist bei der Öko-Schweinemast geld-, zeit- und arbeitsaufwendiger als bei der herkömmlichen. Das fängt bei den hohen Preisen für Ferkel an und geht über Transport- bis hin zu Schlacht- und Verarbeitungskosten. Obwohl erstaunlicherweise oft in den gleichen Schlachthöfen sowohl Tiere aus konventioneller als auch aus ökologischer Zucht verarbeitet werden, ist der Verwaltungsaufwand bei letzterer wesentlich größer. Die geringen Mengen des Bio-Fleisches müssen sorgfältig dokumentiert und gesondert gelagert werden. Ein weiteres Problem besteht darin, daß nur die Edelteile (wie Schnitzel, Kotelett oder Filet) als Öko-Fleisch vermarktet werden können, die Reststücke aber zu konventionellen Preisen abgegeben werden müssen. Das führt zu überproportionalen Aufschlägen für die Edelstücke.

Dazu kommen die hohen Belastungen von ökologisch orientierten Steuern auf Produktionsmittel. Im EU-Vergleich sind die deutschen Vorschriften besonders kostspielig. Das fand das ifo Institut im Auftrag der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) heraus. "Überraschenderweise weisen ökologisch orientierte Betriebe eine höhere steuerliche Belastung auf als konventionell orientierte Betriebe."

Weitere Kosten entstehen bei Vertrieb und Werbung. Der Weg in die Regale von Edeka, Plus oder Aldi wird häufig durch die günstigeren, zahlreicheren Produkte der konventionellen Betriebe gehemmt. Außerdem gibt es derzeit laut Foodwatch keine effiziente Werbung für Bio-Produkte. Die halbstaatliche Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) werbe "völlig undifferenziert" für Fleisch, so Thilo Bode. Er fordert daher die Abschaffung der Organisation, um den Landwirten mehr Eigenverantwortung bei der Produktwerbung und damit einen "Qualitätswettbewerb" zu ermöglichen. "Bode ist da etwas blauäugig", verteidigt der Pressesprecher der CMA, Detlef Steinert, die Existenz der Firma im Gespräch mit der JUNGEN FREIHEIT. "Die Landwirtschaft ist nicht mit einem Kleidungsunternehmen zu vergleichen. Die Bauern müssen gemeinsam Aktionen starten und Finanzmittel für die Werbung mobilisieren. Das kann keiner im Alleingang schaffen." Foodwatch macht die CMA für die fehlende Markttransparenz verantwortlich: "Die Produktkennzeichnung beim Fleisch informiert den Verbraucher unzureichend über Produktionsprozesse und wesentliche Qualitätseigenschaften." In der Öffentlichkeit kämpft Foodwatch als unpolitische Hilfskraft. "Wir helfen, die Schlachten zu schlagen, vor denen sich das Verbraucherministerium drückt, weil es sich nicht mit der Industrie anlegen will", sagte Bode in einem Spiegel-Interview.

Auf der Studie basierend stellt Foodwatch politische Forderungen: "Die Fleischerzeugung muß mit entsprechenden Abgaben (z.B. Stickstoffabgabe, Pestizidabgabe) belastet werden, um bei den Produzenten Anreize für möglichst umweltverträgliches Handeln zu schaffen", heißt es im Foodwatch-Report im Vorwort der Studie. Diesen Postulaten widerspricht das Ergebnis der ifo-Studie, welche die erhofften Effekte der ökologisch motivierten Besteuerung von landwirtschaftlichen Produktionsmitteln nur zum Teil nachweisen konnte.

Die Bundesregierung hat sich mit der 2002 beschlossenen "Agrarwende" ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Bis zum Jahr 2010 soll der ökologische Landbau (derzeit drei Prozent) einen Anteil von 20 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche erreichen. Thilo Bode erklärt dieses Programm für gescheitert. Das liegt laut Foodwatch-Report vor allem daran, daß die Politik sich nicht gegen die Agrarlobby durchsetzen kann. "Die Regierung will ihre politische Machtbasis nicht untergraben", wird auf der Internetseite www.foodwatch.de behauptet. Zusätzlich vertritt das Bundesministerium für Verbraucherschutz sowohl die Öko- als auch die konventionellen Landwirte und kann dadurch die extremen Qualitätsunterschiede nicht ausreichend kommunizieren.

Trotz BSE-Krisen und Pestizid-Skandalen, die vorübergehend die Aufmerksamkeit auf Umwelt- und Gesundheitsschäden, perverse Formen der Tierhaltung und Naturkatastrophen lenkten, ist es nicht gelungen, beim Konsumenten eine dauerhafte Bereitschaft zum Kauf von Bio-Produkten zu erreichen. Die Foodwatch-Studie beweist, daß trotzdem mehr als die Hälfte der befragten Käufer bereit sind, einen zehnprozentigen Preisaufschlag für Umweltkosten zu zahlen. Dies käme dem "wahren Preis" des Schweineschnitzels (laut Studie 7,50 Euro pro Kilo) näher und würde im Idealfall die Preis-Kluft von 90 auf 14 Prozent verkleinern.

Schnitzel-Preisvergleich: 2003 wurden pro Kopf 40 Kilo Schweinefleisch verzehrt – nur 200 Gramm davon kamen aus Öko-Ställen

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