In Kronstadt ist der Bär los

Das künftige EU-Mitglied Rumänien genießt hierzulande nicht selten einen zweifelhaften Ruf. Manch einer verbindet mit diesem 22-Millionen-Land im Südosten Europas vor allem Vorstellungen von politischer Instabilität, wirtschaftlicher Rückständigkeit, Korruption und Kriminalität, was selbst die EU zum Teil noch immer offiziell moniert. Während ins südlich angrenzende Bulgarien – speziell in die Badeorte am Schwarzen Meer – von Jahr zu Jahr mehr Touristen kommen, sind die in den siebziger Jahren noch vollen Strände zwischen Konstanza und Mangalia weitgehend leer. Meist sind es immer noch ausgesiedelte Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben oder andere Rumäniendeutsche, die es auch nach vielen Jahren noch in die alte Heimat zieht und deren Autos in den Sommermonaten zu Zehntausenden die rumänischen Fernstraßen füllen. Kaum bekannt ist die landschaftliche Schönheit Rumäniens, das so viel schützenswerte Natur besitzt wie kaum ein anderer europäischer Raum. Man denke nur an das 7.000 Quadratkilometer große Donaudelta, das ein Paradies für 60 Prozent des Weltbestandes an Kormoranen und zahllose andere Vögel ist. Ebenso beeindruckend sind die – allenfalls aus Dracula-Filmen bekannten – Karpaten, die ein Drittel der Staatsfläche bedecken und zu 80 Prozent bewaldet sind. Sie bieten hervorragende Lebensbedingungen für Großraubtiere, die aus den meisten Teilen Europas längst verschwunden sind. Schätzungsweise 3.000 bis 5.000 Braunbären, 3.000 Wölfe und bis zu 1.500 Luchse leben in diesen Bergregionen. In Prozentanteilen bedeutet das die Hälfte aller auf dem Kontinent vorkommenden Braunbären sowie jeweils 35 Prozent der Wölfe und Luchse. Die ökologische Vitalität hat allerdings auch ihre Schattenseiten, wie sie sich zur Zeit auf höchst ungewöhnliche Weise im siebenbürgischen Kronstadt (Brassó/Brasov) zeigen. Denn in der im Südosten des Karpatenbogens gelegenen einstigen K.u.k-Metropole (die zwischen 1951 und 1961 übrigens Orasul Stalin/Stalinstadt hieß) ist im wahrsten Sinne des Wortes der Bär los. Nachdem am Vormittag des 16. Oktober ein Rentner beim Pilzesammeln von einem hundert Kilo schweren Braunbären (Ursus arctos arctos) angefallen und getötet wurde sowie sechs Personen, die nahebei auf einer Wiese picknickten, verletzt wurden, ist die Aufregung groß. Das rabiate zweijährige Tier wurde in den Boulevardblättern zu einem wahren Monstrum stilisiert, das erst nach stundenlanger Verfolgung durch Dutzende Polizisten und Jäger gestellt und erlegt werden konnte. Bevor der Bär allerdings verendete, stürzte das Tier sich noch auf einen der Jäger und verletzte auch diesen. Der Vorfall, der inzwischen ein zweites Todesopfer gekostet hat, ist der bislang schwerwiegendste Angriff auf Menschen, seit sich Bären zur Gewohnheit gemacht haben, in Müllcontainern eines Kronstädter Außenbezirks nach Nahrung zu suchen. Fast allabendlich können die Bewohner des in den achtziger Jahren erbauten Racadau-Viertels zusehen, wie sich Bären an ihrem Müll zu schaffen machen. Als Folge der aus den Jagdverboten der kommunistischen Ceausescu-Ära resultierenden hohen Bärendichte (1989 etwa 7.700 Exemplare) haben Dutzende der Großraubtiere ihre Scheu verloren und die bequeme Nahrungsquelle in dem Wohngebiet entdeckt, das fast ganz von bewaldeten Bergen umschlossen ist. Und von Jahr zu Jahr kommen mehr. Das Schauspiel ist schon toll: Vom Auto aus kann man aus nicht einmal zehn Metern Entfernung mehrere der tapsigen „Riesenteddys“ beobachten, wie sie sich an den Containern aufrichten, sie aufschieben und mit den gewaltigen Tatzen alles Eßbare herausfischen. Auch viele Anwohner lassen sich das Spektakel nicht entgehen. Aber nicht jeder von ihnen dürfte die Gefahr richtig einschätzen, die von den im Ernstfall wieselflinken Braunbären ausgeht. Erst recht gilt das für die regelmäßig auftauchenden Touristen, für die das Fotografieren, ja selbst das Füttern der zutraulich erscheinenden Tiere längst zur Attraktion geworden ist. Nachdem im Laufe der Jahre mehrere Personen von Bären angegriffen worden waren, legte man zuerst Futterstellen im Wald an. Doch die „Müllbären“ blieben bei ihren Freßgewohnheiten. Dies ist auch insofern problematisch, als die Tiere den Abfall oft weit in den Wald hineintragen. Die Folgen für ihre Gesundheit und die gesamte umliegende Fauna und Flora sind unabsehbar. Dann sollten drastische Maßnahme Abhilfe schaffen. Nur heftige Proteste von Tierschützern verhinderten bislang, daß die Behörden die Bären abschießen ließen. Das könnte sich angesichts der jüngsten Welle der Empörung ändern. Kronstadts neugewählter Bürgermeister Gheorghe Scripcaru ließ bereits verlauten, daß er die Genehmigung zur Ausrottung der ganzen „Containerbären“-Sippe anfordern wolle. Prompt warnten Tierschützer den Politiker der bürgerlichen Demokratischen Partei (PD) vor „Brachialmethoden“. Dabei ist die organisierte Bärenjagd seit einigen Jahren zum lukrativen Geschäft geworden. Nicht nur zahlungskräftige EU-Bürger oder neureiche Russen sind gerngesehene Gäste – Anfang Oktober hat auch Spaniens König Juan Carlos in Rumänien Bären geschossen. Per Gesetz sind jedes Jahr über dreihundert Bären für die Jagd freigegeben. Man darf gespannt sein, ob es dem „Meister Petz“ künftig auch in Kronstadt ans Fell geht oder ob doch noch andere Lösungen gefunden werden.

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