Die Bahn macht mobil – ihr Chef fährt Auto

Die wirtschaftliche Situation der Deutschen Bahn AG (DB) ist weiterhin schlecht. Im Fernverkehr hat die DB von Januar bis März 2004 einen Betriebsverlust nach Zinsen von fast 140 Millionen Euro verzeichnet – trotz steigender Spritpreise für Autofahrer. Nur die Nahverkehrssparte erzielte einen Betriebsgewinn von gut 110 Millionen Euro – dank üppiger indirekter Subventionen aus den Bundesländern, die Regionalexpreß & Co. bei der DB „bestellen“. 2004 fuhren die schnellen und prestigeträchtigen ICE und IC sogar 460 Millionen Euro Verlust ein. Obwohl bis zum Jahr 2006 der Börsengang des einstigen Staatsunternehmens geplant sind, gelang es – entgegen den optimistischen Ankündigungen von DB-Vorstandschef Hartmut Mehdorn – dem Unternehmen auch im Jahr 2003 nicht, den Bereich der roten Zahlen zu verlassen. Allerdings verringerte die Bahn 2003 ihr Minus nach Zinsen von 454 auf 172 Millionen Euro. Hauptgrund für die Misere war die im Dezember 2002 erfolgte Einführung eines neuen – am Flugverkehr orientierten! – „modernen“ Preissystems (JF 42/02, 51/03). Die DB-Kunden verweigerten sich jedoch der millionenteuren Neuerung. Im Frühjahr 2003 zog Mehdorn die Notbremse – zu spät: Der Irrsinn verschlang erhebliche Summen, die auch zu einer deutlichen Verringerung des Eigenkapitals der DB innerhalb eines Jahres (von 2002 zu 2003 um über elf Prozent) beitrug. Im Gegenzug sparte der Konzern weiterhin massiv am Personal der mittleren und unteren Dienstränge, welches sich am wenigsten gegen teilweise erhebliche Lohneinbußen oder gar die Einsparung des Arbeitsplatzes zu wehren vermag. Trotz der Millionenverluste verfügt die DB jedoch erneut über die Mittel zu einer zweifelhaften, aber aufwendigen Marketingoffensive. Erst vor wenigen Tagen brachte der Vorstand der DB eine 146 Seiten umfassende farbige Imagebroschüre heraus, die man auf den meisten deutschen Bahnhöfen kostenfrei mitnehmen kann. Druck und Gestaltung des sich „Die Bahn macht mobil“ nennenden Produktes sind ähnlich aufwendig wie bei dem Hochglanzmagazin GEO – freilich mit dem Unterschied, daß die DB ihr Produkt ohne den geringsten Werbeanteil zu finanzieren vermochte. Der Nutzwert der DIN A-großen Werbebroschüre „Die Bahn macht mobil“ ist fraglich. Harte Fakten erfährt der Leser bis zur Seite 144, auf der die Zahlen der Bilanzen von 2002 und 2003 gegenübergestellt werden, nicht. Gerade zwei Seiten sind dem Umweltschutz gewidmet – der doch ein Hauptargument für die DB ist. Daß für den Druck kein Öko-Papier verwendet wurde, paßt daher ins Bild. Dafür erfährt man Triviales, etwa daß „ein Windelwechsel (im Abteil) auch bei Tempo 200 zügig und ohne anzuhalten“ möglich ist. Auch Sensationelles, daß zum Beispiel die Service-Mitarbeiter der DB „ein besonders freundliches Lächeln“ für ihre Kundschaft „an Bord“ übrig haben. Und daß die DB „rund 10.000 ausländische Mitarbeiter“ – u.a. aus Thailand, Italien, der Türkei, Taiwan, Frankreich und Eritrea – in Deutschland beschäftigt, wird mindestens die vier Millionen arbeitslosen Deutsche nachdenklich machen. Auch „Schleichwerbung“ gibt es: Fast alle abgebildeten Reisenden lesen eine identische Ausgabe der FAZ. Das Sahnestück von „Die Bahn macht mobil“ ist zweifellos ein sechsseitiges Interview mit Mehdorn. Darin teilt der einstige Luftfahrtmanager den Lesern zunächst mit, daß es, „was die Verkehrsmittel angeht, kein glücklicheres Volk als uns (die Deutschen)“ gebe. „Schließlich kann jeder im Land Mobilität leben, wie er mag: je nach Lust, Notwendigkeit und Portemonnaie. Ob nun Auto oder Bahn, Flugzeug oder Fahrrad – alles ist offen für alle, und ich schätze einmal, maximal drei Prozent der Menschheit stehen so gut da wie die Deutschen …“ Zu den in den letzten Jahrzehnten immer stärker ausgedünnten oder ganz eingestellten lokalen DB-Verbindungen meint der Bahnchef: „Unser hochkomplexes Netz ist einmalig auf der Welt … Es hat noch nie … einen so gut funktionierenden Regionalverkehr gegeben wie gerade heutzutage.“ Als Hauptgründe für die Tatsache, daß der Konzern dennoch entgegen seinen Prognosen auch 2003 eine Bilanz mit roten Zahlen vorlegte, gibt Mehdorn an: „Der ungewöhnliche nasse und kalte Winter (machte) unserer Technik zu schaffen … Es gab weitere Außeneinflüsse: das Wetter im Herbst mit extrem schnellem Laubfall bei gleichzeitiger hoher Luftfeuchtigkeit.“ Doch nicht nur das Wetter verursachte „technische Schwierigkeiten“: „Uns (sind) viele neue Züge und Lokomotiven zugelaufen, deren technische Qualität teilweise große Probleme machte.“ Erleichtert zieht der Bahnchef daher das Fazit: „Ganz offen, wir waren froh, als das Jahr beendet war.“ Noch weitaus peinlicher wird es allerdings, wenn sich Mehdorn zu seinen eigenen Präferenzen hinsichtlich der Wahl eines Verkehrsmittels äußert: „Unsere Autoverzücktheit ist tatsächlich bemerkenswert, und ganz ehrlich: Ich schließe mich ein. Ich habe ein Auto, ich fahre damit, und es muß auch nicht alles mit dem Zug gehen.“ Das klingt ungefähr so, als ob der Chef eines Chemiegiganten begründen würde, warum sich ein Engagement im Naturschutzbereich besser lohnen oder ein Autohersteller von der Benutzung dieses Verkehrsmittels abraten und für Bahn oder Flugzeug werben würde. Es wäre immer noch weitaus besser gewesen, wenn die Öffentlichkeits- bzw. PR-Abteilung der DB den bevorstehenden Druck einer solchen Imagebroschüre unverzüglich gestoppt oder die Auflage zumindest sofort eingestampft hätte. Dies wäre zweifelsohne den Konzern um einiges billiger gekommen, statt erneut mit einer solch katastrophalen Werbekampagne eine schwere Beschädigung des Rufs zu riskieren. Foto: „Die Bahn macht mobil“, Herausgeber: Deutsche Bahn AG. 144 Seiten. Kostenlos auf allen größeren Bahnhöfen erhältlich. Bahn-Werbung: Nur zwei Seiten sind dem Umweltschutz gewidmet

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