Gigantomanie aus der kommunistischen Ära

Als die Slowakei vor zehn Jahren aus der Föderation mit den Tschechen austrat, um fortan – wie schon 1939 – 1945 – als eigenständiger Staat sein Glück zu verfolgen, avancierte das Donaukraftwerk bei Gabcíkovo (Bös) sofort zum nationalen Prestigeobjekt. Dabei hatte es – neben ungarischen – auch Proteste von tschechischen und slowakischen Umweltschützern gegeben, als man 1977 mit den Planungen begann. Im Verlauf der achtziger Jahre wurde der Kampf gegen das Wasserkraftwerk auch zur Initialzündung antikommunistischer Bürgerbewegungen. Zwischen dem slowakischen Dorf Gabcíkovo und dem 170 Kilometer weiter flußabwärts liegenden Nagymaros im ungarischen Donauknie, sollte eine gigantische Stauung realisiert werden, um die Schiffbarkeit zu verbessern und „saubere“ Energie zu gewinnen. Doch dann kam die Wende 1989/90, und Ungarn stieg aus dem Megaprojekt, das selbst den Suezkanal in den Schatten gestellt hätte, aus. Die Tschechoslowakei beharrte hingegen auf der Einhaltung der Verträge, weil beim Fehlen der unteren Staustufe keine Spitzenleistungen möglich sind. Streit zwischen Ungarn und der Slowakei Außerdem herrschte in den ersten Nachwendejahren eine gewisse Nervosität zwischen Ungarn und der Slowakei, denn letztere fürchtete separatistische Tendenzen ihrer südlichen Landeshälfte, die bis 1919 zu Ungarn gehörte und mehrheitlich von Magyaren bewohnt wird. Um den Streit nicht eskalieren zu lassen, einigte man sich darauf, den Fall vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu bringen – der nach jahrelangen Verhandlungen erfolgte Richterspruch war so sibyllinisch, daß sich beide Seiten im Recht sahen. Gebaut wurde Nagymaros trotzdem nicht, die Slowaken stellten daher 1991 die Variante „C“ des Kraftwerks fertig, die 1992 in Betrieb genommen wurde. Durch diese Variante wird das Donauwasser aus dem alten Flußbett in einen langen Kanal umgeleitet, was immense Auswirkungen auf das in dieser Region befindliche Grundwasserreservoir – das größte Mitteleuropas – hat. Anläßlich der internationalen Fachtagung zur Flußrenaturierung in Budapest im Januar 2000, verlangte der World Wide Fund For Nature (WWF), daß wieder mehr Wasser in das alte Bett der Donau geleitet werden müsse. Der Staudamm und der Ableitungskanal hätten folgenschwere Auswirkungen auf die über 8.000 Hektar großen Auengebiete. Da ein Großteil des Flußwassers durch den Kanal geleitet werde, seien für das Flußbett nur noch etwa 20 Prozent der ursprünglichen Menge übrig. In der Folge sinke der Grundwasserspiegel, und die artenreichen Auenwälder zeigten erste Trockenschäden. Laut einer WWF-Studie müßten wieder zwei Drittel der ursprünglichen Wassermenge durch das alte Flußbett fließen. „Nur mit mehr Wasser kann das Leben in die Auen zurückkehren“, erklärte Emil Dister, Leiter des WWF-Auen-Instituts auf der Fachtagung. Das Flußbett müsse dazu auch verengt werden. Außerdem sollte gesichert sein, daß Hochwasser in die Auen gelange. „Die Lebensgemeinschaften in der Donau sind auf regelmäßige Überflutungen angewiesen“, unterstrich Dister. Im Vergleich zu den anderen diskutierten Möglichkeiten sei diese die einzige, die alle ökologischen Faktoren berücksichtige, und nur so sei eine Renaturierung gewährleistet. Die Bautätigkeit brachte den Anwohnern überdurchschnittliche Verdienstmöglichkeiten, ein Einkaufszentrum, einen Kindergarten, ein Kulturhaus und ein Sportstadion. Trotzdem hört man gut zehn Jahre nach der Inbetriebnahme des Kraftwerkes auch von den rund 5.000 Einwohnern Gabcíkovos kritischere Stimmen. Noch immer ist nicht klar, ob diejenigen, die für ein Butterbrot ihre Felder verkauft haben, eine Entschädigung erhalten. Entgegen den Versprechungen wurde auch nicht die Kanalisation ausgebaut, und auch günstigere Stromtarife wurden letztlich nicht gewährt. Für die Schäden an den Häusern, die während der Bautätigkeit entstanden, übernimmt niemand die Verantwortung. Statt dessen fragen sich immer mehr Leute, ob der Damm auch höheren Belastungen standhalten wird. Altes Donaubett rettete vor Jahrhundertflut 2002 Die Jahrhundertflut im Herbst 2002 wurde von offizieller Seite zwar als großartige Bewährungsprobe gefeiert, aber Fachleute gehen davon aus, daß vor allem das alte Donaubett der eigentliche Retter war: Denn das Kraftwerk kann nur 3.700 Kubikmeter Wasser pro Sekunde regulieren, die Flutwelle brachte jedoch 10.000 Kubikmeter Wasser. Am alten Donaubett sind aber die Deiche nicht verstärkt, und unterhalb des Kraftwerkkanals wurden an 40 Stellen ernsthafte Schäden festgestellt – wenn nicht erneut eine Milliarde slowakische Kronen (24 Millionen Euro) verbaut werden, könnte es das nächste Mal kritisch werden, warnen Fachleute. Für die Offiziellen gilt Gabcíkovo trotzdem als Erfolgsgeschichte. Ladislav Gall, Direktor der Betreibergesellschaft, erklärte zum zehnjährigen Jubiläum, für die Schiffahrt und den Hochwasserschutz sei das Projekt ein Segen, und die Investitionen hätten sich inzwischen – durch rund 24 Millionen Megawatt pro Stunde Strom – voll rentiert. Eine Behauptung, die mit Vorsicht zu genießen ist, denn zur gleichen Zeit meinte Dominik Kocinger von der staatlichen Aufsichtsbehörde, zwischen 1995 und 1997 sei eine halbe Milliarde Dollar durch fiktive Rechnungen „verschwunden“. Im Zusammenhang mit den Ermittlungen hat man inzwischen gegen 20 leitende Mitarbeiter Anklage wegen Betrugs erhoben. Die Zukunft des Projektes ist ungewiß, denn auch in der Slowakei sieht man das Heil bei maroden Staatsfinanzen in der hemmungslosen Privatisierung. Für die staatlichen Großbetriebe sucht man daher nach kapitalkräftigen Investoren – der ganze Stolz der Slowakei könnte daher bald in ausländischen Händen sein. Sollte dadurch allerdings mehr Wasser in die Auenlandschaft geleitet werden, wäre der „Ausverkauf“ zumindest für die Natur ein Segen.

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