Gewöhnung an die Katastrophe

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat in ihrer jüngsten Wirtschaftsanalyse Deutschland ein Nullwachstum im vierten Quartal des vergangenen Jahres bescheinigt. Für das erste Quartal dieses Jahres lautet die Prognose: Die deutschen Wirtschaftsaktivitäten steigen maximal um 0,6 Prozent, können aber auch sogar um 0,3 Prozent schrumpfen. Mit sämtlichen Werten bildet Deutschland das Schlußlicht unter den Industriestaaten. Auch für den weiteren Jahresverlauf sehen die OECD-Analytiker schwarz. Insgesamt erwarten sie für 2003 nur ein deutsches Wachstum von unter 0,5 Prozent, während Frankreich und England immerhin noch eine Wachstumserwartung von 1,5 und 2,0 Prozent attestiert wird. Die OECD hat damit ihre vorherigen Prognosen drastisch nach unten korrigiert. Diesem Trend haben sich bereits auch die ersten deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute angeschlossen. Nun sind solche Vorgänge, vor allem in Richtung nach unten, nichts Neues. Seit einigen Jahren nehmen nahezu sämtliche Wirtschaftsauguren permanent ihre zu optimistischen Prognosen zurück. Dennoch besitzt die jüngste Korrektur eine Besonderheit: Kaum jemand regt sich noch darüber auf. Ähnliches ist bei der letzten Meldung über die Arbeitslosenzahlen zu beobachten. Ganz zu schweigen von den Berichten über die wieder gestiegenen Defizite im staatlichen Krankenversicherungssystem. Es verstärkt sich der Eindruck, daß die Bevölkerung abschaltet. Wie beim Fernsehen werden langweilige Wiederholungen und unangenehme Realitäten weggezappt. Sich abzeichnende Katastrophen zur Kenntnis zu nehmen und dann Auswege beherzt einzuschlagen, war einmal selbstverständliche Bürgerpflicht.

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