Asiatische Invasion in Berlin

Gute Nachrichten aus der Unterhaltungsbranche: Trotz eines nach wie vor schwachen Markt-umfeldes finden sich auf der diesjährigen IFA mehr Aussteller denn je ein. Christian Göke, der Chef der Messe Berlin, sieht darin schon eine „Aufbruchstimmung“. Für die 44. IFA vom 29. August bis 3. September haben sich 1.007 Aussteller aus 37 Ländern angemeldet. Damit wird erstmals in der 79jährigen Messegeschichte die Tausendermarke überschritten. Dagegen leiden IT-Messen à la Cebit stärker unter der wirtschaftlichen Flaute. Doch auch die Dauer der IFA wurde von neun auf sechs Tage verkürzt. Das spart Personalkosten und kommt den Ausstellern zugute. Aus Deutschland zeigen 348 Unternehmen ihr Angebot. Der Anteil ausländischer Anbieter ist somit von der Hälfte bei der IFA 2001 auf nun zwei Drittel gestiegen. China ist dabei mit 245 Unternehmen am stärksten vertreten. Taiwan steht mit 139 Ausstellern an zweiter Stelle. Nirgends können die Neuheiten auf den Märkten für Kommunikation und Unterhaltung besser an einem einzigen Ort besichtigt werden als auf der IFA. Begleitet wird die Messe von einem umfangreichen Rahmenprogramm im Sommergarten und mit einem Feuerwerk im Rahmen der neuen IFA-Nacht. Die IFA gilt als eine der wichtigsten Branchenmessen. Rainer Hecker von der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (gfu) hofft, daß die Kauflust gesteigert wird und der Absatz der Unternehmen sich wieder verbessert: „Dieses IFA-Jahr wird als das Jahr des flachen Bildschirms in die Geschichte eingehen.“ In der Tat werden große Flachbildschirme (LCD oder Plasma) immer beliebter – und erschwinglicher. Sony bringt vier neue LCD-Modelle heraus, von denen keiner dicker als zehn Zentimeter ist. Bei einer Bildschirmdiagonale von 43 bzw. 58 Zentimetern waren solche Geräte bislang fast unbezahlbar. Jetzt liegt ihr Preis zwischen 1.000 und 2.000 Euro. Die Hersteller von Fernsehern wie Loewe, Panasonic oder Sanyo kultivieren den Begriff des Heimkinos. Auch tangierende Bereiche befördern das „Kino zu Hause“. Kurz vor der IFA gab die Deutsche Telekom bekannt, ein Empfangsgerät für Internetnutzer anbieten zu wollen, das Filme aus dem Internet speichert. Diese können dann gegen ein Entgelt zwischen drei und fünf Euro zu jedem beliebigen Zeitpunkt (einmalig) abgespielt werden. Die Industrie arbeitet seit langem am Video-auf-Abruf. Der Gang zur Videothek entfällt, wenn jeder aus den Datenbanken des weltweiten Netzes Filme über die Telefonleitung oder das Fernsehkabel herunterladen kann. Schlecht für die Videotheken – um so besser für die Anbieter von Internetdienstleistungen. Der andere Gewinner ist der Zuschauer, dessen Fernsehprogramm nicht länger von Parteibuchprogrammdirektoren bestimmt werden kann. Auch ist er kein Opfer des Angebot-Nachfrage-Dilemmas mehr. Weil vorrangig für schlichte Gemüter produzierte Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“, „Glücksrad“ oder „Nur die Liebe zählt“ höhere Einschaltquoten versprechen, verzichten die Privaten lieber auf seriöses Unterhaltungsfernsehen. Statt dessen kann der TV-Konsument bald eigenverantwortlich entscheiden, was er sieht – und wofür er zahlt. Anfangs sind die Kosten wie immer bei innovativen Produkten exorbitant hoch. Eintausend Euro soll das Gerät von T-Online kosten. Sehr viel weiter ist man da in Hamburg, wo Hansenet, die verdientermaßen erfolgreichste private Telefongesellschaft Deutschlands, diesen Dienst seit Monaten anbietet. In zwei Jahren konnte Hansenet 50.000 Hamburger für das „Speed-Komplett-Programm“ gewinnen. Hansenet hat konsequent in die neue Technik investiert und kontrolliert heute immerhin dreißig Prozent des Marktes für Hochgeschwindigkeitszugänge. Für knapp vierzig Euro im Monat bietet Hansenet einen ISDN-Anschluß, einen Internetzugang mit sechzigfacher ISDN-Geschwindigkeit und die Möglichkeit, Filme anzuschauen. Der einzelne Film kostet zusätzlich zwischen drei (beispielsweise Familienfilme ) und sechs Euro (Erotik). Gespräche von Hansenet-Kunden untereinander sind kostenlos. Es ist eine der wenigen wirklichen Erfolgsgeschichten im Markt der liberalisierten Telekommunikation, die vor sechs Jahren begann. Seitdem sind die getätigten Investitionen weit unter dem geblieben, was möglich gewesen wäre. Das liegt an der nach wie vor allzu Telekom-freundlichen Arbeit der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP). Dort sitzen noch immer die Beamten aus dem Postministerium an entscheidender Stelle, heißt es in Branchenkreisen. Deswegen genehmigte die RegTP Ende Juli die Anhebung der Grundgebühr für Telekom-Anschlüsse. Gleichzeitig wird ein Pseudo-Markt alternativer Anbieter gefördert. Dank der Anmietung von Telefonminuten von der Telekom zu Großhandelspreisen können kleine und kleinste Unternehmen als Wiederverkäufer auftreten. Der Haken ist, daß diese Firmen nicht viel mehr als ein paar Rechner besitzen müssen. In eine eigene Infrastruktur investieren nur die wenigsten Telekom-Konkurrenten. Doch ohne Regulierungsbehörde wären diese Firmen nicht lebensfähig. Vielleicht will die Behörde ihr Überleben sichern, indem sie Geschäftsmodelle unterstützt, die ihr eigenes Fortbestehen erforderlich machen. Und Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) wird es auch nicht stören, wenn durch höhere Telekomtarife Mehreinnahmen der Telekom entstehen, von denen er ebenfalls profitiert. Zu den anderen Trends der IFA gehört, daß digitale Produkte die analogen Geräte immer weiter verdrängen. In diesem Jahr haben die Digitalkameras den herkömmlichen Geräten den Rang abgelaufen. Auf jede verkaufte analoge Kamera kamen – nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung – in den Monaten Februar bis Mai zwei erworbene Digitalkameras. Auch für den Videorekorder wird es eng. Ein Vierteljahrhundert nach seiner Markteinführung wird er wohl bald verschwunden sein. Digitale wiederbeschreibbare Speichermedien, allen voran die DVD-RW sowie die aus dem PC-Bereich kommende Festplatte, lösen das analoge VHS-Bandsystem ab. Betrug die Zahl der Haushalte mit einem DVD-Spieler 2001 nur acht Prozent, so waren dies im letzten Jahr schon 21 Prozent. In diesem Jahr soll jeder dritte Haushalt in Deutschland über ein solches Abspielgerät verfügen. Auch digitale Rekorder werden erschwinglich. Sie sind – aus fernöstlicher Produktion – schon für weniger als 500 Euro zu haben.

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