Sparzwang an den falschen Stellen

Bücher über das „große Geschäft mit unserer Gesundheit“ sind Selbstläufer. Wer sich diesem Genre verschrieben hat wie zum Beispiel Kurt G. Blüchel („Heilen verboten – töten erlaubt“) oder Heide Neukirchen („Der Pharma-Report“), ist in der Wortwahl nicht gerade zimperlich. Die Bücher sollen der Aufdeckung von Verschwörungen im Interessengeflecht aus Industrie, Medizinern und Patientenorganisationen dienen.

Die Verschwörung ist jedoch nichts anderes als ein Ausbund von Unfähigkeit der Gesundheitsbürokratie. Alle zwei Jahre kommt ein neues Gesundheitsgesetz auf den Markt, das in kreative Worthülsen wie Reform, Struktur- und Wettbewerbsstärkung eingewickelt ist. Die Gesetzgebung fördert die Ökonomisierung und Zentralisierung der Gesundheitsversorgung, die vorrangig der Kostendämpfung dienen. Der neue Gesundheitsfonds sollte zur Ruhe beitragen. Die Regierung ist mit dem Wettbewerbsstärkungsgesetz für eine bessere Versorgungsqualität angetreten, die langfristig bei den Kassen zu Einsparungen führen sollte. Jetzt wird davon ausgegangen, daß ein Finanzierungsloch von zwei bis vier Milliarden Euro im Fonds entstanden ist.

Fehlende Mittel sollten nach der Konzeption des Fonds durch Zusatzbeiträge gedeckt werden. Allerdings wurde der Zusatzbeitrag als „Strafsteuer“ für jene Kassen eingeführt, die schlecht mit dem Fondsgeld wirtschaften. Einnahmeausfälle durch die rasant in die Knie gehende Konjunktur gehörten nicht in das Kalkül der Gesundheitsfonds-Schöpfer. Dem Bund wird nichts anderes übrigbleiben, als den Kassen 2009 und 2010 mit einem Darlehen auszuhelfen, das 2011 zurückgezahlt werden muß. Sehr hilfreich ist der Hinweis von Ulla Schmidt nicht, die Kassen sollten nun ihre Instrumente der Kostenkontrolle stärker nutzen.  Das ist – wie in den vergangenen dreißig Jahren – die einfallslose Vokabel „Kostendämpfung“.

Die Menschen in Deutschland werden immer älter. Untersuchungen haben gezeigt, daß sie sich mit sechzig Jahren in einer physischen und psychischen Verfassung befinden, in der sich vor zwanzig Jahren die Fünfzigjährigen befunden haben. 

Die Krankenhäuser nehmen von Jahr zu Jahr mehr Patienten auf, die Wartezimmer der niedergelassenen Ärzte sind nach wie vor gefüllt mit Patienten, die einer Heilung bedürfen. Die Arzneimittelindustrie arbeitet immer erfolgreicher an Arzneimittelinnovationen, auf die schon lange gewartet wurde. Diese Innovationen verdanken ihre Existenz strategischen Allianzen von großen Arneimittelkonzernen mit sogenannten Start-up-Firmen oder spezialisierten Biotechnologie-Firmen. Diese Allianzen sind nötig, da die Entwicklung innovativer Therapeutika immer aufwendiger wird. Selbst Firmen mit einem Börsenwert von über 100 Milliarden Dollar scheuen sich, allein das Risiko der Arzneimittelentwicklung zu tragen.

2008 wurden sechzig Allianzen gezählt. Dabei wurden Verträge in einer Größenordnung abgeschlossen, die es bisher noch nicht gab. So haben sich vier deutsche Biotech-Unternehmen im vergangenen Jahr durch Verträge mit großen Firmen insgesamt 675 Millionen Euro an sofortigen und zukünftigen Zahlungen gesichert. Von den Allianzen haben beide Partner einen Vorteil. Die klassischen Pharmakonzerne erhalten neues Futter für ihre  Produktentwicklung. Sie konzentrieren sich auf die Entwicklung von Arzneimitteln in großen Studien und stellen diese neuen Mittel nach Zulassung weltweit Ärzten und Patienten zur Verfügung. Die Biotechnologie- und die Jungunternehmer bekommen die notwendigen Gelder, um nach neuen Wirkstoffen und Techniken auf ihren Spezialgebieten zu suchen.

Durch konsequente Nutzung moderner Medizintechnik könnte ein enormes Einsparpotential von rund 2,7 Milliarden Euro im Gesundheitswesen realisiert werden. Das ergibt sich aus einer Studie der Technischen Universität Berlin und der Unternehmensberatung Droege & Comp. In der Studie „Das Einsparpotential innovativer Medizintechnik im Gesundheitswesen“ wurde an zehn Beispielen untersucht, wie moderne Medizintechnik-Produkte Abläufe und Kostenstrukturen beeinflussen. Mit modernen Diagnose-, Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten der Medizintechnik werden Effizienzsteigerungen erwartet, die hohes Einsparpotential bieten, sei es durch kürzere Operations- und Liegezeiten, die Reduzierung von Personal- und Materialkosten oder die Vermeidung von oftmals teuren Nachbehandlungen. Indirekte Einspareffekte, wie eine schnellere Genesung oder eine rasche Wiedereingliederung in den Arbeitsprozeß sind dabei nicht eingerechnet worden.

Die Ökonomisierung hat in den letzten dreißig Jahren das „Helfersyndrom“ der Leistungserbringer mehr und mehr verdrängt durch Fallpauschalen, Regelleistungsvolumen, globale und sektorale Budgets. Sie zwingen die Ärzte, in erster Linie die ökonomischen Folgen diagnostischer und therapeutischer Maßnahmen zu bedenken und nicht den Nutzen für den Patienten. Die Arzneimittelversorgung leidet unter der Budgetierung. Mit ihr wird versucht, eine medizinisch bedarfsgerechte Höhe der Ausgaben planwirtschaftlich prospektiv festzulegen. Das gelingt nicht, da dem Planungsprozeß alle notwendigen Informationen zur Berechnung fehlen. Untersuchungen haben nachgewiesen, daß durch die Budgetierung insbesondere chronisch kranke Menschen an einer Unterversorgung mit Arzneimitteln leiden.

Zentralisierung und Ökonomisierung sind der falsche Weg für eine sachgerechte Medizin. Nur durch eine Stärkung der Versorgungsforschung läßt sich ein eng an den Präferenzen der Bürger orientiertes Leistungsangebot entwickeln. Dazu bedarf es der Autonomie der Leistungsanbieter und Leistungsempfänger und eine klare Zuordnung von Entscheidungskompetenzen in einem föderalen System. Der Quantensprung von dem auf Institutionen ausgerichteten System zur patientenzentrierten Informationsorientierung hat dabei eine entscheidende Rolle zu spielen.

Das Gesundheitswesen muß durch eine neue Qualität der Kooperation, eine Intensivierung der Kommunikation und innovative Veränderungen der Prozesse, Organisationsformen und technologischen Infrastruktur den demographischen und medizintechnischen Entwicklungen angepaßt werden.

Foto: Medikamente: Insbesondere chronisch kranke Menschen leiden durch die Budgetierung an einer Unterversorgung mit Arzneimitteln

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