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„Zeitung in der Hand ihrer Leser“

Herr Stein, die "Neue Zürcher Zeitung" wunderte sich unlängst über das "seltsame Freiheitsverständnis", die "oft überrissene Aufregung", mit der die – zumeist linksliberal ausgerichtete – Öffentlichkeit in Deutschland auf eine Zeitung wie die JUNGE FREIHEIT reagiert. Wundert Sie es selbst noch?

STEIN: Nein, nicht mehr. Erst im Mai gab es eine hysterische Kampagne, als in Thüringen ein CDU-Abgeordneter, der vor zehn Jahren Redakteur der JF war, Kultusminister werden sollte. Die Erben des kommunistischen SED-Regimes werden hofiert, dezidiert Konservative dagegen durch Kampagnen aus dem öffentlichen Diskurs gedrängt. Dagegen kämpft die JUNGE FREIHEIT entschieden an.

Hätten Sie im Juni 1986, als die erste JF in Stegen bei Freiburg im Breisgau erschien, geglaubt, 22 Jahre später als Verleger einer Wochenzeitung gleichen Namens in Berlin zu sitzen?

STEIN: Natürlich nicht. Ich wurde damals gerade 19 Jahre alt. Nach dem Abitur 1988 ging es 15 Monate zur Bundeswehr. Geträumt habe ich schon davon, daß daraus mehr werden würde …

Was haben Sie damals 1986 geglaubt, wie sich die JF einmal entwickeln würde? Welche Vision hatten Sie damals?

STEIN: Ich habe einfach losgelegt. Die JF wurde in einer Auflage von 400 Exemplaren gedruckt. Ende des Jahres hatten wir sagenhafte 36 Abonnenten. Es war ein Experiment!

Welche politischen Fragen bewegten die JF-Gründergeneration?

STEIN: Es ging damals darum, für junge konservative Schüler und Studenten eine publizistische Plattform zu bieten. An erster Stelle stand für uns die deutsche Frage. 1986, drei Jahre vor dem Mauerfall, hatte die politische Klasse von SPD bis CDU/CSU die Wiedervereinigung von der politischen Tagesordnung gestrichen. Wer damals die deutsche Teilung thematisierte und sich für die Einheit stark machte, wurde bestenfalls belächelt. Schon damals gab es ein konservatives Vakuum, das weder parteipolitisch durch die Union noch durch etablierte Medien ausreichend gefüllt wurde.

Wenn Sie all die Schwierigkeiten geahnt hätten, mit denen die Zeitung zu kämpfen hatte, hätten Sie diesen Weg eingeschlagen?

STEIN: Als ich damals begann, mich zusammen mit Freunden politisch und publizistisch zu engagieren, glaubte ich in aller Naivität, daß es in einer Demokratie selbstverständlich sei, seine eigene, oppositionelle Meinung zu artikulieren. Als ich auf das Phänomen stieß, daß die demokratischen Spielregeln nicht für alle gelten und insbesondere konservative Positionen von einer totalitären Political Correctness bedroht sind, motivierte mich das, erst recht weiterzumachen.

Woher kommt dieser Protestwille bei Ihnen?

STEIN: Als wir Kinder waren, las uns mein Vater Balladen vor. Meine Lieblingsballade ist bis heute "Pidder Lüng" von Detlev von Liliencron. Pidder Lüng stirbt dort mit dem plattdeutschen Ruf auf den Lippen "Lewwer duat üs Slaav – Lieber tot als Sklave". Dieser unbeugsame Freiheitswille hat mich ins Herz getroffen.

Insofern ist die Schlagzeile der ersten Aus­gabe – "Der Freiheit eine Gasse!" – ein Lebensmotto?

STEIN: Tatsächlich. Ich ahnte aber nicht, wie schwer es werden würde, der Freiheit mit der JF eine Gasse zu bahnen.

Was waren die Höhe- und Wendepunkte der Zeitungsgeschichte?

STEIN: Der erste große Sprung war der Gang an die Kioske und die Gründung der JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH im Jahr 1990. Dann 1993 der Umzug von Freiburg nach Berlin und der Start als Wochenzeitung 1994. Die Jahre 1994/95 boten sicher die schwerwiegendsten Prüfungen: wir erlebten eine ganze Serie linksextremer Attacken auf Redaktion, Druckerei und Vertrieb, die im Brandanschlag auf unsere damalige Weimarer Druckerei im Dezember 1994 gipfelte. Und schließlich die zehnjährige Diskriminierung der JF durch den NRW-Verfassungsschutz, der mit dem im April 1995 vorgestellten Jahresbericht für 1994 begann, uns kontinuierlich mit dem Verdacht "rechtsextremistischer Bestrebungen" zu überziehen.

Sie haben deswegen seit 1996 gegen das Land NRW prozessiert.

STEIN: Ja, und das mündete auch in einen großen Erfolg: Wir erstritten in einem zähen Rechtsstreit eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts (24. Mai 2005), das die NRW-Praxis für verfassungswidrig erklärte. Die JF wurde damit rehabilitiert und hat Verfassungsgeschichte geschrieben. Mir scheint aber, daß die Karlsruher Entscheidung in ihrer grundsätzlichen Bedeutung für alle Medien noch nicht überall erfaßt worden ist. Wir haben tatsächlich eine breite Bresche für die Pressefreiheit geschlagen, dies hat die juristische Fachpresse anerkennend festgestellt. Selbst die linke Frankfurter Rundschau schrieb über die Karlsruher Entscheidung: "Ein nicht unbedeutender Tag für die Republik".

Haben Sie auch schon mal Angst gehabt, das gesamte Projekt würde scheitern?

STEIN: Ja, bis zum Jahr 2000, als eine allmähliche Konsolidierungsphase begann, stand die Zeitung immer wieder kurz vor dem Ruin. Es war immer ein atemraubender Drahtseilakt.

Was hat Sie nach vorne gerissen?

STEIN: Vor allem die ständigen Unkenrufe, daß die JF sowieso zum Scheitern verurteilt sei. Das war für mich Motivation, weiterzumachen. Schließlich: wenn wir es nicht machen – wer macht es dann?

Die JF ist eine der letzten Zeitungen mit konservativer Ausrichtung. Wie ist der Links­trend in den Medien zu erklären?

STEIN: Die geistige Uniformität der Medienlandschaft ist für eine Demokratie ein ernstes Problem. Die politische Selbstaufgabe eines Medienkonzerns wie des Springer-Verlages nach dem Tod des großen Verlegers 1985 ist da nur ein Beispiel. Nicht von ungefähr erscheint die legendäre, in Springers Welt etablierte "Pankraz"-Kolumne seit 1995 in der JF. Für eine Renaissance konservativer Werte reicht die JF alleine aber nicht aus. Sie kann einen Anstoß geben, der Funke muß aber auf andere Blätter und Projekte überspringen. Die gut gemachte Monatszeitschrift Cicero ist ein positives Beispiel dafür, daß es Bedarf an intelligenter konservativer Publizistik gibt – hier besteht aber auch wieder die Gefahr der Häppchenkultur und Beliebigkeit, um nicht zu herausfordernd zu wirken.

Die JUNGE FREIHEIT verfügt nicht über einen Großverlag oder wenige potente Investoren im Hintergrund – stattdessen zeichnet sie sich durch eine ganz besonders treue und engagierte Leserschaft aus? Wie kommt das?

STEIN: Die JF hat wahrscheinlich die engagierteste Leserschaft aller deutschen Zeitungen. Mir ist kein anderes Beispiel bekannt, bei dem Leser so hochgradig dazu beigetragen haben, das Überleben und das Wachstum ihrer Zeitung zu sichern. Das beginnt schon mit dem Wochenzeitungsstart. Wir hatten damals praktisch kein Kapital, um zu beginnen. Wir gründeten deshalb eine Kommanditgesellschaft, die zwei Millionen D-Mark sammeln sollte, um die Anschubfinanzierung sicherzustellen.

Die JF gehört ja quasi auch ihren Lesern. Stimmt das?

STEIN: Ja, definitiv. Als wir am 21. Januar 1994 wöchentlich starteten, hatten wir 200.000 Mark, die von 50 Lesern in kleinen und mittleren Beträgen zusammengekommen waren. Es war ein riskantes Unterfangen. Heute hat unsere Kommanditgesellschaft über 300 Gesellschafter mit einem gezeichneten Kapital in Höhe von 1,8 Millionen Euro. Bis heute haben darüber hinaus rund 5.000 Leser im Rahmen der Aktion "Freunde der JF" insgesamt über 4 Millionen Euro gespendet, um das Überleben und den Ausbau der Zeitung zu fördern. Das ist eine phantastische Geschichte! Die JF ist dank ihrer Leser zu einer großen publizistischen Bürgerinitiative geworden, die von Tausenden Idealisten getragen wird. Jeder Abonnent weiß, daß er nicht nur Bezieher einer "normalen" Zeitung, sondern auch Förderer eines unabhängigen Zeitungsprojektes ist, das in einmaliger Weise Pressefreiheit in Deutschland durchsetzen hilft.

Wie hat sich die Zeitung in ihrem Profil über die 22 Jahre gewandelt? Und wo soll das einmal hinführen?

STEIN: Natürlich bin ich auch 22 Jahre älter geworden, und auch die anderen Redakteure sind keine Studenten mehr. Die JF hat sich professionalisiert. Von den Sonntagszeitungen abgesehen ist sie heute Deutschlands drittgrößte politisch-kulturelle Wochenzeitung, nach der Zeit und dem Rheinischen Merkur. Wir sind ein meinungsbildendes Blatt, dessen Name im deutschen Medienspektrum ein fester Begriff geworden ist. In den nächsten zehn Jahren ist es mein Ziel, die JF zur Nummer zwei hinter der Zeit zu machen.

Was sehen Sie als die Kernkompetenz der JF an?

STEIN: Aus Leserumfragen wissen wir, daß die Leser am meisten an unserer Zeitung Informationen schätzen, die andere Zeitungen ausblenden oder nur bruchstückhaft übermitteln. Zum Beispiel die Affäre um den CDU-Abgeordneten Martin Hohmann: Alle Medien behaupteten, seine Rede anläßlich des 3. Oktober 2003 sei antisemitisch gewesen – was nicht stimmte. Wir waren die einzige Zeitung, die die Rede sofort komplett dokumentierte, damit die Leser ihr eigenes Urteil fällen konnten. Nehmen Sie die Kampagne gegen die konservative Journalistin Eva Herman. Oder nehmen Sie alle Probleme, die im Zusammenhang mit Einwanderung und "Multikulti" stehen. Die JF unterwirft sich nicht dem politisch-korrekten Konsens.

Egon Bahr hat einmal in einem JF-Interview gesagt: "Ich kenne keine deutsche Zeitung, die die Erinnerung an den 20. Juli so leidenschaftlich engagiert, so ernst und so ausführlich behandelt hat wie die JUNGE FREIHEIT." (JF 46/04). Warum hat der 20. Juli 1944 für Sie eine derartige Bedeutung?

STEIN: Der 20. Juli 1944 ist eines der Schlüsseldaten der deutschen Geschichte. Das Datum weist hin sowohl auf die Finsternis, in die der Nationalsozialismus Deutschland geführt hat, gleichzeitig aber auch auf die lichte Tradition, die über das Dritte Reich hinausreicht. Die Helden des 20. Juli ermöglichen es einem Deutschen heutiger Generation, sich mit der gesamten deutschen Geschichte positiv zu identifizieren und den Glauben an einen ungebrochenen Begriff deutscher Ehre zu gewinnen, der gleichzeitig zur Scham über die in deutschem Namen begangenen Verbrechen des NS-Regimes führt, aber eben auch zu einer heißen Vaterlandsliebe, die die opportunistische Verachtung der eigenen Nation zurückweist.

Die JF ist also nicht nur ein rein journalistisches Projekt?

STEIN: Die JF hatte immer einen politischen Auftrag: die deutsche Einheit. Auch nach der Wiedervereinigung 1990 fehlt uns die "innere Einheit", die Aussöhnung der Deutschen mit sich selbst. Deutschland ist ein zutiefst neurotisiertes Land, das sich in den Kosmopolitismus flüchtet, obwohl wir eine Renaissance des Nationalen rund um den Erdball erleben.

Foto: Chefredakteur Dieter Stein: Schuf mit Hilfe von Lesern und Autoren in Berlin 1994 aus der 1986 von ihm gegründeten Studentenzeitung JUNGE FREIHEIT eine Wochenzeitung

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