Wo Marx und Engels recht hatten

Ist der Mensch nur eine Art unter vielen anderen Arten? Was für einen Sinn soll es haben, so fragte vor einigen Jahren der frühverstorbene katholische Philosoph Reinhard Löw, „von der Freiheit eines Pflastersteins, der Moralität einer Kartoffel oder dem Transzendenzbezug eines Maikäfers zu sprechen?“ (Universitas 12/1989) Er wollte damit nicht die Evolutionstheorie, aber den weitverbreiteten populärwissenschaftlichen Evolutionismus attackieren, also die Überzeugung, daß alle Phänomene der menschlichen und nichtmenschlichen Wirklichkeit ohne jedweden Rückgriff auf Religion oder Metaphysik erklärt werden können. Was ist das Leben? Was ist der Mensch, und wie ist er entstanden? Warum gibt es Kultur? Wissenschaftler aus dem Umfeld der Evolutionären Biologie, der Humanethologie, der Hirnforschung, der Paläontologie und anderen werben in den letzten Jahren für die sogenannte Kontinuitätshypothese, um die Entstehung der Kultur zu erklären. Kulturelle Evolution sei eine Fortsetzung der Evolution in der Natur nach andersartigen Regeln, aber auf der Grundlage dessen, was die natürliche Evolution geschaffen hat. Die Spezies Mensch sei nur eine Art unter vielen anderen. Auch die Kultur sei nichts spezifisch Menschliches, denn Kulturfähigkeit gebe es auch im Tierreich – beispielsweise bei Menschenaffen, Walen, Delphinen und Neukaledonischen Krähen. Im Grunde handelt es sich bei all dem um neue Zweige – und Zweiglein – am alten Stamm des biologistischen Entwicklungs-Monismus, wie er einst von Ernst Haeckel (1834-1919) gepredigt wurde. Es ist die Lehre von der Einheit von Geist und Materie. Wenn Kristalle beseelt sind, dann erst recht Tiere, und die menschlichen Kulturleistungen sind nur Stationen auf dem Kontinuum der kulturellen Evolution. Zwischen der an ihre Nachkommen weitergegebenen Entdeckung der jungen Japanmakaken-Äffin Imo im Jahre 1953, daß Süßkartoffeln vor dem Verzehr im Wasser gewaschen werden können, der Bhagavad-Gita und einem Elektronen-Synchrotron bestehen dann auch nur quantitative, aber keine qualitativen Unterschiede. Alle Evolution wäre nur mehr der Wandel eines allgemeinen Substrats, das allem Anorganischen, Organischen und Kulturellen zugrunde läge. Wer einfache Antworten auf schwierige Fragen bereithält, ist entweder ein Narr oder ein Weiser. Der Monismus hält einfache Lösungen für komplexe ethische und philosophische Probleme bereit, daher ist er wohl für viele Suchende und auch manche philosophisch eher naive Naturwissenschaftler so attraktiv. Darum dürfen wir die Antwort auf die Frage nach der menschlichen Natur nicht ihnen alleine überlassen. Indem der Monismus Natur und Kultur zu Manifestationen eines gemeinsamen Substrats erklärt, setzt er nicht nur voraus, was erklärt werden soll, er verwechselt auch Bedingung und Bedingtes miteinander. Die Evolutionstheorie ist eine wissenschaftlich legitime Theorie über die Entwicklung der materiellen Bedingungen auf der Erde, in deren Verlauf neue Arten aufgetreten sind. Bedingungen erklären jedoch niemals das Bedingte, der Marmorblock ist keine Erklärung der Statue. Die großen Übergänge der Evolution wie jene zwischen Leben und Nichtleben oder zwischen Natur und Kultur sind daher wohl naturwissenschaftlich prinzipiell nicht einzuholen. Wissenschaftlich zugänglich ist nur das sich verändernde Substrat, und damit die materiellen Bedingungen der Entstehung von Kultur, nicht aber die ontologische Differenz zwischen Sein und Nichtsein, Nichtkultur und Kultur. Bedingungen erklären niemals das Bedingte, der Marmorblock ist keine Erklärung der Statue. Die großen Übergänge der Evolution wie die zwischen Leben und Nichtleben oder zwischen Natur und Kultur sind daher naturwissenschaftlich nicht einzuholen. Die sogenannte „Protokultur“ mancher Primaten kann aus diesem Grunde nur durch definitorische Kunstgriffe und monistische Rhetorik zur Kultur erhoben werden. Wissenschaft kann auf der Phänomen-Ebene konstatieren, daß sich die Dinge verändern, und dafür testbare oder wenigstens plausible Hypothesen und Erklärungen anbieten; sie kann aber nicht erklären, warum überhaupt etwas ist, warum irgendwo Kultur ist, wo vorher keine war. Wissenschaftliche Theorien können folglich das Neuartige letztlich nur als eine Variation, eine Rekombination von etwas bereits Vorhandenem darstellen. Dies alles gilt auch für die Frage nach der Entstehung des Menschen als Träger der Kultur im Verlauf der Urgeschichte. Wissenschaftlich zugänglich ist nur die Bedingung der Menschwerdung, also die Evolution des organischen Substrats. Die Frage, wann ein Organismus Mensch ist, entzieht sich der wissenschaftlichen Erklärung. Die Antwort, wann ein Lebewesen Mensch ist, setzt des weiteren die Annahme voraus, daß es etwas wie eine „menschliche Natur“ gebe. Die Idee der Existenz einer menschlichen Natur ist eine Leitidee in der europäischen Geistesgeschichte. Sie tritt jedoch in Konkurrenz zu der Vorstellung, die menschliche Seele sei wie ein unbeschriebenes Blatt, eine Tabula rasa, das nur im nachhinein durch die Erfahrung gleichsam beschrieben werde. Im Streit um behavioristisch-milieutheoretische Positionen („nature versus nurture“) wurde die Auseinandersetzung um die Frage nach der Natur des Menschen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts fortgeführt. Die Anhänger der Kontinuitätshypothese versuchen zwar einen Brückenschlag zwischen beiden Positionen, reduzieren die menschliche Natur aber auf das stammesgeschichtlich Ererbte, also auf die Bedingung der Entstehung von Kultur. Es ist in der Tat möglich, die biotische menschliche Natur durch eine Reihe von allgemeinen Merkmalen zu umschreiben. So kann der Mensch aus der Sicht der Biologie (Adolf Portmann) als physiologisch frühgeborene, unspezialisierte Art von extremer Anpassungsfähigkeit bezeichnet werden, die sich in natürlichen Umwelten unterschiedlichster Ausprägung gleichsam einzuhausen vermag. Als Primat besitzt der Mensch zwar ein stammesgeschichtliches Erbe und steht mit einem Bein in der Natur; alles stammesgeschichtlich Ererbte ist jedoch beim Menschen nicht direkt faßbar, sondern kann nur in seiner je spezifischen kulturellen Prägung dingfest gemacht werden. Wie auch andere Primaten ist der Mensch zur analogen Kommunikation fähig, bringt diese Fähigkeit aber auf spezifisch menschliche Weise darstellend zur Anschauung. Darüber hinaus ist der Mensch zur digitalen Kommunikation in der Lage, also zur logisch-diskursiven Darstellung in Wissenschaft und Philosophie. Diese Gabe macht den Menschen zu einem Wesen, das sich selbst definieren kann, das zur Selbstreflexion und damit zur Selbstdistanzierung fähig ist. Daher lebt er auch in einer „Zweiten Schöpfung“, einer Welt der Symbole, Bedeutungen, Sinnstiftungen, Wertvorstellungen und technisch-materiellen Hilfsmittel. Durch Werte, Normen und Institutionen wird das Handeln ausgelöst und gelenkt; die als Handlungspotentiale vorhandenen Antriebe erhalten somit eine kulturgeprägte Richtung. Im „Naturzustand“ ist der Mensch dem Tier hoffnungslos unterlegen. Er muß seine Fähigkeiten durch sorgfältige Bildung erst erwerben. Um nicht unterzugehen, ist er zur Kultur geradezu verurteilt. Der Mensch ist daher „von Natur Kulturwesen“ (Arnold Gehlen, „Urmensch und Spätkultur“, Kapitel 39). Die Handlungen des Menschen als des Schöpfers einer „Zweiten Welt“ können auf eine Grundbestimmung des Menschlichen zurückgeführt werden, für die es im tierischen Leben kein Gegenstück gibt und die daher auch in ihrem Ursprung von der Wissenschaft nicht eingeholt werden kann: die Fähigkeit zur Produktion. Sie läßt sich nur um den Preis der Trivialisierung oder der Lächerlichkeit zu Vorgängen im Tierreich analog setzen. In diesem Punkt stimmen Denker überein, zwischen denen ansonsten keinerlei Gemeinsamkeit besteht – um so höheres Gewicht kommt ihrem Argument zu. „Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell, vorhanden war.“ So schrieb einer, der nicht gerade im Verdacht steht, fromm oder ein Idealist gewesen zu sein – Karl Marx. („Das Kapital“, MEW 23, 193) Friedrich Engels sekundierte: „Und was finden wir wieder als den bezeichnenden Unterschied zwischen Affenrudel und Menschengesellschaft? Die Arbeit.“ („Dialektik der Natur“, MEW 20, 448) Da man mit entsprechendem interpretatorischem Willen gewisse Verhaltensweisen bei Tieren in ihrem äußeren Ablauf dem Verrichten von Arbeit analog setzen kann, schließen Anhänger der Kontinuitätshypothese auf Kulturfähigkeit schon beim Tier. Im nächsten Schritt versuchen sie dann nachzuweisen, daß dem Menschen daher keine Sonderstellung unter den Lebewesen zukomme. Damit beweisen sie aber lediglich, daß sie geradezu „himmelweit“ von einem sachgerechten Verständnis von Arbeit und Kultur entfernt sind – Marx und Engels mögen den Verweis auf den Himmel an dieser Stelle nachsehen. Arbeit ist „Stoffwechsel mit der Natur“ (Marx). Sowohl Mensch als auch Tier stehen mit der Natur im Stoffwechsel. Aus diesem Grunde parallelisieren Kontinuitätstheoretiker tierisches und menschliches Handeln, um die Grenze zwischen Tier und Mensch einzureißen.Es sei ihnen jedoch entgegengehalten, daß menschliche Arbeit sich die Natur in einer Form aneignet, die „dem Menschen ausschließlich angehört“, nämlich durch die Produktion. „Alle Produktion ist Aneignung der Natur von seiten des Individuums innerhalb und vermittelst einer bestimmten Gesellschaftsform.“ (MEW 42, 23) Menschliche Arbeit setzt also immer schon Gesellschaft voraus, also Kultur. Erstmals in der Geschichte scheint es möglich, den Menschen durch Eingriff in das Genmaterial und gender-ideologisch gewollte Nivellierung der natürlichen Unterschiede der Geschlechter nach Maßgabe wirtschaftspolitischer Normen zu züchten. Wo Marx und Engels recht haben, da haben sie recht, und daher darf man ihnen für die Klarheit dankbar sein, mit der sie die Produktion als eine Form der Daseinsbewältigung herausgestellt haben, die nur dem Menschen eigen ist. Der schlichte Versuch einer Parallelisierung von menschlichem Handeln und tierischem Sich-Verhalten im Sinne der Kontinuitätshypothese scheitert an der unhintergehbaren Tatsache der Produktion. Über diese genuin menschliche Form des Handelns ist jedoch noch weit mehr zu sagen, als Marx und Engels es können, daher begeben wir uns nun gleichsam an das andere Ende des großen Spektrums philosophischer Ausblicke auf die menschliche Natur. Dazu müssen wir zuvor jedoch das enge neuzeitliche Verständnis sprengen, das uns bei dem Wort „Produktion“ nur an Fabriken denken läßt. Der evangelische Philosoph Georg Picht („Kunst und Mythos“, 1986) hat gezeigt, daß der griechische Begriff der Produktion auf ein viel umfassenderes Konzept menschlicher Tätigkeit verweist, als es unserem modernen Verständnis entspricht. Im Verlauf seiner Einhausung in je besondere natürliche Umwelten entfaltet sich die Natur des Menschen als eines darstellenden Wesens. Verfolgt man nun die Bedeutung des Wortes „Produktion“ bis zu seinen antiken Wurzeln zurück, dann macht man eine überraschende Entdeckung: Das allgemeine Wesen der Darstellung heißt griechisch poiesis; das lateinische Wort dafür lautet productio. Der Mensch ahmt nach, was die physis ihm vormacht. „Physis“ ist mehr als „Natur“ im modernen Wortverständnis – die neuzeitliche Naturwissenschaft hat ihren Naturbegriff geradezu als Gegensatz zum griechischen Physis-Begriff entwickelt. Anders als „Natur“ steht „Physis“ für all das Materielle und Immaterielle, was hervortritt, wächst, sich zeigt und auch wieder vergeht. Der Mensch, als Wesen in der Physis, teilt mit dieser das Schöpferische, das Vermögen der Produktion. Daher kann er in Form, Farbe, Klang, Wort, Schrift, aber auch in seinen sozialen und politischen Verhältnissen hervorbringen, was zuvor nicht vorhanden ist. Auch kultisches Handeln ist Darstellung! Daher gehört der Transzendenzbezug ebenso zur Natur des Menschen wie seine Fähigkeit, ein Gedicht zu schreiben oder eine Fabrik zu bauen. Auf der Grundlage von Georg Pichts Darstellung enthüllt sich die wahre Tragweite des Produktionsbegriffs für unser Verständnis des Menschen als eines Wesens in der Physis, das aber dennoch keine Art wie jede andere ist. Dieser Befund ist von mehr als nur akademischem Interesse in einer Zeit, in der die Zahl der alleine in Deutschland täglich abgetriebenen Embryos auf 800 bis 1.000 geschätzt wird. Mehr noch: Erstmals in der Geschichte der Menschheit scheint es möglich zu werden, den Menschen durch den Eingriff in das Genmaterial und durch gender-ideologisch gewollte Nivellierung der natürlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau gleichsam nach Maßgabe wirtschaftspolitischer Normen zu züchten. Wissenschaftler, die die Frage nach der menschlichen Natur leichtfertig abtun und im Sinne der Kontinuitätshypothese die Sonderstellung des Menschen unter den Arten leugnen, wirken mit an der marktradikalen ideologischen Rechtfertigung der Manipulierung des Menschen, auch wenn sie dies vielleicht gar nicht merken. Prof. Dr. Thomas Bargatzky lehrt Ethnologie an der Universität Bayreuth. Auf dem Forum der JUNGEN FREIHEIT schrieb er zuletzt über die „Familie als kulturelle Universalie“ (JF 15/08). Foto: Der denkende, sich selbst reflektierende Mensch, Bienenwabenstruktur: „Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut.“

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