Reise ans Ende der Nacht

Merkwürdigerweise muß ich stets zum Ende des Jahres an den Titel eines berühmten Romans von Louis-Ferdinand Céline denken: „Reise ans Ende der Nacht“. Handelt dieses eigentümliche Werk von den Wirrungen im Paris zur Zeit des Ersten Weltkriegs und dem Verfall einer Zivilisation, so assoziiere ich mit dem Titel zu dieser Jahreszeit etwas anderes: jene Zone der Erdbahn um die Sonne, in der aufgrund der Neigung der Erdachse die Tage in unseren Breiten am kürzesten und die Nächte am längsten sind. Düster ist die Stimmung, tagelang verhangen der Himmel von einem grauen Wolkenschleier, den kein Sonnenstrahl mehr durchbricht. Im Dunkeln verlassen die Menschen morgens die Wohnung, im Dunkeln kehren sie abends zurück. Verwaist sind die Gärten, kahl die Bäume, zieht sich das Leben doch an seinen Ausgangspunkt zurück. Weihnachten mit seinem Meer an Kerzen ist wie eine Rebellion gegen die Nacht, die uns umfaßt. Mit den Kerzen holen wir das Feuer der Sonne in unsere Wohnzimmer zurück. Wir wissen: Der Gott des Lichts wird über die Dämonen der Finsternis siegen. In Rom wurde die Feier der Geburt Jesu, die ursprünglich auf den Monat Mai datiert worden war, im Zuge der Durchsetzung des Christentums unter Kaiser Konstantin bewußt auf das römische Fest der Sonnenwende gelegt. Der 25. Dezember war bis ins dritte Jahrhundert der Verehrung der Sol Invictus, des unbesiegbaren Sonnengotts, gewidmet. Daß der Sonntag, der bis dahin auch der Verehrung des Himmelsfeuers gewidmet war, von den Christen anstelle des Samstags als Feiertag übernommen wurde, ist ebenfalls mit der Ablösung des Sonnenkults zu erklären. Trotz der verfügbaren elektrischen Energie kann man die metaphysische Macht auch heute erahnen, die für die Menschen früherer Jahrhunderte vom lebensspendenden Licht der Sonne ausging. Denn auch wir leiden trotz Neonröhre und Glühlampe unter der Abwesenheit natürlichen Lichts. Am Polarkreis soll die durch Depressionen ausgelöste Selbstmordrate deshalb am höchsten sein, weil der Mensch buchstäblich Licht braucht, um seinen Lebensmut nicht zu verlieren. So endet mit Weihnachten und der Wintersonnenwende die „Reise ans Ende der Nacht“, und es kehrt die Vorfreude auf neues Leben, den Frühling und das Licht zurück. Viele Menschen nutzen die Zeit „zwischen den Jahren“, also zwischen Weihnachten und Neujahr, dazu, das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen, sich von Belastendem zu trennen und neue Kraft zu schöpfen. Wie die Erde lassen wir das Dunkel hinter uns, betreten eine neue Bahn und freuen uns auf ein neu aufgeschlagenes Kapitel im Lebensbuch. Auch trotz einer heraufziehenden Weltwirtschaftskrise und der damit verbundenen berechtigten Sorgen sollten wir uns die Zuversicht auf neues Leben nicht verdunkeln lassen.

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