Joachim Kuhs

 

Der Kern der Weihnachtsbotschaft

Am ersten Advent fragte mich meine kleine Tochter, was ich mir von ihr zu Weihnachten wünschte. Ich antwortete, etwas zerstreut: „Ein liebes Kind.“ Aber das war nicht das, was sie hören wollte, also versuchte ich es mit: „Daß du die Weihnachtslieder auf dem Klavier besonders gut geübt hast.“ Doch auch das hatte keinen Erfolg, und es kam die ungeduldige Ergänzung: „Ich muß dir das Geschenk unter den Tannenbaum legen können.“ Die Vorstellung, daß ein Geschenk etwas zu sein hat, das sich sehen und fassen läßt, hat für Kinder unmittelbare Plausibilität und hängt nicht mit dem Materialismus unserer Zeit zusammen, sondern mit einer im Wesen des Geschenks selbst verankerten Eigenschaft. Ein Geschenk ist ein Gut, das man gibt, um etwas deutlich erkennbar zum Ausdruck zu bringen – Zuneigung oder Dankbarkeit oder Treue -, und die Erkennbarkeit garantiert die bindende Kraft des Geschenks. Das erklärt schon etwas von der paradoxen Seite des Schenkens, das eigentlich als freiwilliger Akt verstanden wird, aber doch regelmäßig mit der Erwartung einer Gegengabe verbunden ist. Daher die Peinlichkeit, wenn man ein Geschenk von Unbekannten oder Ungeliebten erhält, das einen verpflichtet, wo man nicht verpflichtet sein möchte, oder der Fall des unangemessenen Geschenks, vor allem des unangemessen kostbaren Geschenks, das man nicht zu erwidern vermag. Der Volksmund weiß: „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.“ Von den Problemen des Schenkens weiß das Kind nichts. Seine naive Freude über das Beschenktwerden entspricht jener Haltung, in der die Abhängigen früher die Gaben ihrer Herrschaft empfingen. Das Gemeinte läßt sich an einer schönen Szene illustrieren, die Hans Lipinsky-Gottersdorf in seinen „Prosna-Preußen“ geschildert hat. Da geht es um das Leben im ländlichen Schlesien vor dem Ersten Weltkrieg; keine große Harmonie, aber ein geordneter, durch die Tradition gebundener Kosmos. Darum stellte sich am ersten Weihnachtstag die Familie des Gutsherrn vor dem Kamin auf, Eltern samt Kindern, und nahm geduldig die Prozession der Bediensteten ab, die in hierarchischer Reihenfolge hereinkamen, vortraten, ihre Glückwünsche aussprachen und das – ihrem Rang gebührende – Geschenk empfingen. Was Lipinsky-Got­tersdorf dabei deutlich werden ließ, war der verpflichtende Charakter des Ganzen, daß nämlich die Herrschaft nicht aus freiem Willen oder Vergnügen gab und das Gesinde nicht nur als Bittsteller erschien: Es bestand eine Pflicht zum Schenken und ein Anrecht auf die Gabe. Selbstverständlich handelte es sich um ungeschriebene Gesetze, an deren Geltung in der alten Welt der personalen Verpflichtung aber kein Zweifel sein konnte. Seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte hat diese Bedeutung des Geschenks gewirkt. Das erklärt die für Europäer befremdliche Erfahrung bei primitiven Völkern, die nicht nur Geschenke von den Fremden erwarten, sondern sich an deren Eigentum schadlos halten, wenn ihnen das Begehrte nicht freiwillig überlassen wird. Das erklärt auch den Versuch Jakobs, den betrogenen Esau bei seiner Rückkehr durch Großzügigkeit milde zu stimmen. In den Zusammenhang gehört die Treulosigkeit der germanischen Krieger, wenn ihr Führer keine Ringe mehr „spenden“ konnte, aber auch die verkrampfte Bemühung der Belegschaft heute, für den Chef ein angemessenes – ihre Loyalität zum Ausdruck bringendes – Geschenk zu finden, wofür der sich dann mit dem Freihalten der Kollegen zu bedanken hat. Ein exzentrisches Beispiel für das Konzept, durch Geschenke sozialen Zusammenhalt zu festigen, ist das Pottlach der Indianer des amerikanischen Nordwestens. Dabei stärkten die Häuptlinge ihre Position in der Gemeinschaft, indem sie – vor allem an ihre Verwandten – wertvolle Gaben verteilten. Aber es konnte geschehen, daß sie von einem Konkurrenten durch noch kostspieligere Geschenke ausgestochen wurden und schließlich nicht nur ruiniert, sondern auch machtlos waren. Unter dem Einfluß der Weißen verlor das Pottlach am Ende des 19. Jahrhunderts seine ursprünglich religiöse Bedeutung und wurde wegen seiner asozialen Wirkungen durch die kanadischen Behörden verboten. Man sieht, die Pervertierung des Schenkens ist keine ganz neue Erfahrung. Der eigentliche Grund für die Fehlentwicklung war die Zerstörung der Wechselseitigkeit zwischen Gebendem und Empfangendem, das, was Ethnologie und Soziologie als Logik des Tauschs bezeichnen. Die gehört zum Schenken unbedingt dazu, zwischen Gleichen ebenso wie zwischen Ungleichen. Die Herrscher in den am Gestirnlauf orientierten Reichen Ägyptens und Babylons wurden zu Neujahr mit großartigen Gaben bedacht, um für das kommende Jahr Heil und Segen zu garantieren. Ein ähnlicher Brauch ist auch aus römischer Zeit überliefert, und erst das Christentum verlagerte das Schenken in die Advents- und Weihnachtszeit – der Weihnachtsabend galt schon im Frühmittelalter als „Largum sero“, „freigebiger Abend“. Die Volkstümlichkeit steigerte sich, als die Weihnachts- allmählich zu Kindergaben wurden. Es entstand ein ausdifferenziertes Brauchtum, zu dem etwa gehörte, daß man in Deutschland und Skandinavien die Jungen an St. Nikolaus und die Mädchen eine Woche später an St. Lucia – dem populären Lichterfest – bescherte. Unter dem Einfluß der Reformation, die von den Heiligen zurück auf Christus führen wollte, versuchte man die Vorstellung durchzusetzen, daß die Geschenke allein vom „Christkind“ gebracht würden; wirklich erfolgreich war das in bezug auf St. Nikolaus oder seinen säkularen Nachfolger, den Weihnachtsmann, nie. Wichtig ist in dem Zusammenhang weiter, wer zum Schenken verpflichtet war, nämlich außer den Eltern und Großeltern vor allem die Paten der Kinder, und die Art des Geschenks, das normalerweise aus Speise und Trank bestand. Dabei standen Nützlichkeitserwägungen ganz im Hintergrund, in erster Linie ging es um die symbolische Verknüpfung von Schenkendem und Beschenktem und die symbolische Kräftigung durch das, was man zu essen und zu trinken erhielt; Vorstellungen, die sich in den letzten beiden Jahrhunderten weitgehend auflösten. Das hat mit der Sentimentalisierung von Weihnachten zu tun, dann mit der bürgerlichen Orientierung am Praktischen, so daß – wie ein Autor schon in den dreißiger Jahren anmerkte – Weihnachten dazu dient, „Familienväter für Jahre mit Krawatten zu versorgen“, und schließlich ist noch auf eine allgemeine Sinnentleerung zu kommen, die das Fest eigentlich nur unter dem Gesichtspunkt gesteigerter oder geminderter Konsummöglichkeiten sehen läßt. Dieser letzte Aspekt tritt heute stark in den Vordergrund. Anders als in den engagierten Siebzigern, als man Weihnachten sowieso „kritisch“ sah und Geschenke „unsozial“ oder so „spießig“ fand wie den Gänsebraten, und anders als in den unbekümmerten Neunzigern, als sich die hemmungslose Neigung zum Geldausgeben durchsetzte, ganz ohne hinderliche moralische oder religiöse Empfindungen, breitet sich jetzt ein Verlustempfinden aus, das im Kern mit dem Gefühl zu tun hat, daß jede organische Bindung zerfällt. Unabhängig von den Kalamitäten der Wirtschaft löst sich alles „in eine Abfolge von Krisen“ (Michael Oakeshott) auf – jedenfalls besteht keine Gliederung mehr, kein Rhythmus von Arbeit und Muße, Fülle und Fasten, Ernst und Freude, Alltag und Feier. Längst hat die Industrie neben Weihnachten viele kleinere Geschenkfeste etabliert, und der Wohlstand erlaubt Präsente zu allen möglichen und unmöglichen Anlässen. Der Verlust an Orientierung, den das bedeutet, ist nicht einfach rückgängig zu machen, da er mit einem radikalen Abbau von Beständen zu tun hat, dem vieles zum Opfer fiel, was für die mittlere und die ältere Generation noch zur Selbstverständlichkeit gehörte, vielleicht schon an den Rand gedrängt, unverstanden, belächelt, aber eben doch vorhanden – und irgendwie beruhigenderweise vorhanden selbst für die Spötter, Zweifler, Skeptiker. Der Heillosigkeit dieser Situation steht die Weihnachtsbotschaft gegenüber. Auf der einen Seite wird sie immer fremder, weil den meisten die alte Geschichte nicht mehr aus Kindertagen, nicht einmal mehr vom Hörensagen bekannt ist und die Menge derer schrumpft, die im Gottesdienst leicht die Lippen bewegen und unmerklich mitsprechen, wenn die messianischen Weissagungen oder das zweite Kapitel des Lukas-Evangeliums vorgelesen werden. Auf der anderen Seite ist der Zauber dieser Überlieferung nicht zu brechen. Denn auch im Weihnachtsevangelium geht es um Geschenke, obwohl die Hirten nur gute Wünsche hatten, immerhin solche, die Maria in ihrem Herzen „barg“, aber sonst mit leeren Händen kamen, während die Weisen aus dem Osten um so großartiger gaben. Die spätere Deutung hat ihre königlichen Geschenke – Gold, Weihrauch und Myrrhe – allegorisch aufgefaßt: das Gold für das Herrschertum Christi, der Weihrauch als Symbol seines Priestertums, die Myrrhe als Hinweis auf seinen Tod und seine Auferstehung. Ob das ursprünglich so gemeint war, bleibt dahingestellt. Jedenfalls verweist es auf den eigentlichen Sinn von Weihnachten. Denn der Kern der guten Botschaft ist weder die Niedlichkeit des Babys in den Windeln noch die Idylle des Stalls oder eine sepiagetönte Erinnerung an die gute alte Zeit, sondern die Zuwendung Gottes zu den Menschen. Die erfüllt alle Bedingungen, die man an ein Geschenk stellen kann, auch die sinnliche Faßbarkeit. Denn das wird eben in der Rede von der Inkarnation deutlich, daß die Zuwendung Gottes in seiner Menschwerdung geschieht, einer freiwilligen Entäußerung ohne Maß, die dem Menschen zukommt, dem es deshalb so schwerfällt, sie anzunehmen. Alles beginnt mit Weihnachten und endet in Tod und Auferstehung, und die christliche Lehre von der Eucharistie, in der Jesus Christus nach dem Ende seines irdischen Lebens weiter präsent ist, setzt diesen Gedanken der Gabe Gottes fort, da die Kirche nicht einfach ein Kultmahl feiert, sondern dem Menschen in Brot und Wein sinnlich die Präsenz Gottes gibt. Das alles sind Gedankengänge, von denen sich viele so weit entfernt haben wie vom ursprünglichen Sinn des Schenkens. Doch das Verlorene ist nicht ganz verloren und grundsätzlich zurückzugewinnen. Gilbert Keith Chesterton hat ins Zentrum seiner „Theologie der Weihnachtsgeschenke“ den Satz gestellt: „Christus selbst war ein Weihnachtsgeschenk.“ Deshalb seien auch die konkreten Umstände der Weihnachtsgeschichte so wichtig, und man müsse die gegen jede abstrahierende, verallgemeinernde Deutung verteidigen. Weiter dürfe man aus dem Wissen um Gottes großes Weihnachtsgeschenk die Folgerung ziehen, daß auch unsere kleineren Geschenke gerechtfertigt seien. Natürlich liege es nahe, unter Hinweis auf ästhetische oder moralische Motive gegen den ganzen Weihnachtsrummel zu polemisieren und übellaunig seine Mitmenschen zu betrachten, die sich den Äußerlichkeiten hingeben und nicht bereit sind, unsere verfeinerten Vorstellungen zu übernehmen – aber es dürfe nicht vergessen werden, daß noch im Bunten, Kindischen, Aufdringlichen etwas von der Wahrheit des Evangeliums stecken kann, während in der sauertöpfischen, mißmutigen, aufdringlich-asketischen Einrede gegen die Geschenke Ketzerei liegt. Die beginnt nach aller Erfahrung mit der Übertreibung eines an sich berechtigten geistlichen Anliegens, aber sie verkennt wegen ihrer Fixierung auf die religiöse Glanzleistung die liebende Zuwendung Gottes, von der sich etwas spiegeln kann in unseren Geschenken. Wenn der Widerwille gegen das Geschenk aus Hochmut folgt, muß man sich sagen lassen, daß Hochmut eine Sünde ist und Gott die Demut liebt; insonderheit die Demut, mit der man sein großes Geschenk annehmen darf, für das man nichts zurückzugeben vermag.   Dr. Karlheinz Weißmann ist Historiker, Studienrat an einem Gymnasium in Göttingen und Spiritus rector des Instituts für Staatspolitik. Auf dem Forum schrieb er zuletzt über „heillos verwirrte Begriffe“ in der Bildungsdebatte (JF 27/08). Foto: „Die Anbetung der Könige“, Kapitell in der Kathedrale Saint-Lazare von Autun in Burgund, Frankreich: Ein Geschenk ist ein Gut, das man gibt, um etwas deutlich erkennbar zum Ausdruck zu bringen

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